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Potsdam Alles Banane, Herr Jakobs?
Lokales Potsdam Alles Banane, Herr Jakobs?
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22:43 26.07.2017
Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) löst bei der Potsdamer Tafel seine Wettschuld ein. Quelle: Friedrich Bungert
Drewitz

Das einzige Lustige an diesem verregneten Mittwochnachmittag vor dem Flachbau an der Drewitzer Straße 22 a ist ein riesiger buntgemusterter Regenschirm. Er strahlt förmlich aus der Schlange der Wartenden mit ihren tropfnassen Regencapes hervor. Unterm Schirm drängen sich Imana (7), Diana (8), Mediana (11) und ihr zehnjähriger Bruder Mofsa um ihren Vater Said. Der dünne Mann mit den tiefen Augenringen wirkt müde. Die Schlange hinter ihm wird immer länger. Sehnsuchtsvoll schauen alle auf die geschlossene Tür. „Aus Tschetschenien“, sagt Imana auf die Frage, woher ihre Familie ursprünglich stammt. Vor fünf Jahren kamen sie nach Potsdam; leben am Bisamkiez. Seit einer halben Stunde warten sie an diesem Nachmittag schon unter dem Schirm. Imanas hat ganz große, himmelblaue Augen, die trotz des miesen Wetters strahlen. „Auf die Süßigkeiten – darauf freue ich mich am meisten“, sagt sie mit breitem Zahnlücken-Lächeln.

22 Tonnen Lebensmittel für die Tafel

Vor dem Bundestafeltreffen Ende Juni in Potsdam hatten sich Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) und Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Tafeln, auf eine Wette geeinigt: Schießen die Potsdamer gemeinsam mit den Turbine-Spielerinnen mindestens 2020 Tore, spendet die Rewe-Group 22 Tonnen Lebensmittel an die Potsdamer Tafel. Werden mehr als 2019 Tore geschossen, verliert Jakobs die Wette.

Jakobs’ Einsatz: Einen Tag als Tafel-Helfer vor Ort anpacken. Nach 6033 Toren musste er seine Niederlage einräumen – freute sich aber über seinen Wetteinsatz für den guten Zweck.

Pünktlich um 15 Uhr gehen die Türen der Ausgabestelle der Potsdamer Tafel auf. Grüppchenweise werden die Wartenden rein gelassen, sonst würde drinnen alles drunter und drüber gehen. Imana und ihre Familie müssen noch eine halbe Stunde unter ihrem Schirm ausharren – dann sind auch sie dran. Was es nicht alles gibt! Ganz viel Brot in verschiedenen Sorten, die unterschiedlichsten Sorten Gemüse, Essensdosen in allen Variationen, Reis, Nudeln, sogar abgepackte Taco-Wraps und Töpfchen mit frischem Basilikum warten in Kisten auf einem der langen Tische. Lebensmittel kurz vor dem Ablaufdatum, aber alle okay und gut genießbar.

Andrang vor der Ausgabestelle der Tafel in der Drewitzer Straße 22a. Quelle: Friedrich Bungert

Said bezahlt am Eingang – einen Euro. Dann reihen er und die Kinder sich ein. Die erste Station sind die Kuchen, manche mit ein paar kleinen Schönheitsfehlern wie einer abgebrochenen Spitze, aber lecker. Imana nimmt sich andächtig einen Schoko-Kuchen und schaut fragend. „Ja, du darfst dir noch einen zweiten nehmen“, sagt die freundliche ehrenamtliche Helferin. Dann schiebt sich die Schlange weiter. Irgendwann ist Imana beim Obst-Mann angekommen. Der reicht ihr – in Händen mit weißen Hygienehandschuhen – massig Kirschen, Trauben, Birnen und Bananen über den Tisch. Die Kleine kennt den Obst-Mann in der orangenen Schürze mit dem Tafel-Logo nicht.

Das Tafel-Logo auf der Brust. Quelle: Friedrich Bungert

Doch der Herr hinter ihr erkennt den ehrenamtlichen Helfer. „Danke, Herr Jakobs“, sagt Mounir Hassan, der aus der syrischen Hafenstadt Latakia geflohen ist, und meint damit nicht nur, dass Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) mehrere Stunden zur Einlösung seiner Wettschuld bei der Potsdamer Tafel mit anpackt (siehe Kasten). Der Syrer meint damit vor allem, dass die Landeshauptstadt ihm eine neue Heimat gegeben hat, in die er nun auch seine Frau und die zwei Kinder endlich nachholen konnte. „Vor zwei Wochen sind sie gekommen“, sagt er und man merkt ihm die große Emotion an.

Alles im grünen Bereich bei der Tafel Quelle: Friedrich Bungert

Von 15 bis 18 Uhr steht Jakobs hinter dem Tisch, reicht Vitaminhaltiges rüber, redet mit den Menschen. Er macht zum ersten Mal hier mit. Einerseits findet er es toll, dass Lebensmittel vor dem Verfallsdatum so noch eine sinnreiche Verwendung finden. Aber er ist auch berührt: „Offensichtlich gibt es sehr viele Menschen, die auf solche Lebensmittel angewiesen sind – das macht einen schon nachdenklich.“ Sorgenvoll sehen auch Tafel-Leiterin Imke Eisenblätter und Vorstand Johannes Wegner die Entwicklung. Mindestens 150 Menschen kommen täglich zur Tafel, die drei abwechselnd geöffnete Ausgabestellen in der Drewitzer Straße und der Schopenhauerstraße sowie in Teltow unterhält. Meist sind es Hartz-IV-Empfänger, Rentner, Flüchtlinge.

Greifen Sie zu ... Quelle: Friedrich Bungert

55 000 Mal wurden im vergangenen Jahr Lebensmittel ausgegeben. Die Tafel sucht händeringend ehrenamtliche Helfer – sei es für das Abholen der Lebensmittel, die Ausgabe oder fürs Büro. Einen halben Tag pro Woche müsste man dafür aufbringen. Einer, der irgendwann spontan „Ja“ zum Tafel-Engagement gesagt hat, ist Michael Teckentrup. Im Oktober hatte der frühere Bundeswehr-Oberst gelesen, dass Mitarbeiter gesucht würden. Da musste Teckentrup nicht lange überlegen: „Ich habe so ein tolles Leben – da wollte ich etwas zurückgeben.“

Quelle: Friedrich Bungert

Mittlerweile leitet er die Drewitzer Ausgabestelle. Wenn er sich etwas wünschen könnte, dann wäre es ein Dach für die Wartenden, damit sie mehr vor Regen und Sonne geschützt sind. Jakobs kann Erfreuliches vermelden: Ein Vorraum sei bereits geplant. Und welchen Wunsch hätte Imana, deren Rollwägelchen mittlerweile prallvoll mit Lebensmitteln ist, an den Obst-Mann alias Rathaus-Chef? Mehr Spielplätze oder sonst etwas Großartiges? „Nein“, flüstert sie schüchtern: „Ein Eis wäre schön.“

Von Ildiko Röd

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