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Potsdam Alles schnell-schnell: Krankenschwester berichtet
Lokales Potsdam Alles schnell-schnell: Krankenschwester berichtet
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08:42 21.09.2017
Eingang zu Klinikum „Ernst von Bergmann“. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Petra Weiß (Name geändert) arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Krankenschwester am Klinikum „Ernst von Bergmann“, wo – wie an vielen deutschen Krankenhäusern – Personalknappheit herrscht. Ihren wahren Namen möchte sie aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht veröffentlichen.

Gibt es einen Zeitraum für den sich sagen lässt: Seitdem ist es schlimmer geworden?

Petra Weiß: Ja sicher. Die Situation verschlechterte sich vor zwölf, 13 Jahren mit der Einführung der Fallpauschalen. Seitdem wird jeder Patient als Fall abgerechnet. Damit ist die Personalstruktur verändert und der Durchlauf an Patienten erhöht worden. Bundesweit. Seitdem haben wir das Empfinden als Personal am Patienten, dass sich die Situation drastisch verschlimmert hat.

Wie hat sich die Anzahl der Mitarbeiter auf der Station verändert?

In der Frühschicht waren wir fünf Kollegen, in der Spätschicht drei bis vier Kollegen, in der Nachtschicht zwei Kollegen. Auf einer Station mit 36 Patienten. Mittlerweile sind wir am Tag zwei bis drei Vollzeitkräfte plus Hilfskraft. In der Spätschicht zwei Vollkräfte mit Hilfs- oder Leasingkräften an der Seite. In der Nachtschicht eine Vollkraft mit einem Springer, der noch auf einer anderen Station aushelfen muss.

Wie wirkt sich das im Alltag aus?

Dass man alles in unheimlicher Hetze macht. Früher hat man mit einem Patienten sprechen können über das, was man mit ihm vorhat, hatte mehr Zeit für seine Grundbedürfnisse. Jetzt ist es alles schnell-schnell. Man ist froh, wenn der Patient sagt, er hat sich heute schon mal alleine gewaschen. Ob er es getan hat, bleibt dahingestellt.

Seit wann wird mit Überlastungsanzeigen gearbeitet, in denen Pflegepersonal anmeldet, dass das Arbeitspensum wegen Unterbesetzung nicht zu schaffen ist.

Vielleicht seit zehn Jahren. Das hatte der Betriebsrat initiiert, damit wir uns absichern. Dass wir früh genug entweder vor den Diensten im Dienstplan sehen, das funktioniert so nicht. Oder bei plötzlichem Personalausfall, der nicht ausgeglichen wird. Dann steht man halt da und schreibt eine Überlastungsanzeige.

Wenn bestimmte Sachen nicht mehr gemacht werden können, was fällt zuerst weg?

Zum Beispiel die Messung der Vitalzeichen – Blutdruck, Puls, Temperatur. Bettenmachen. Prophylaxen. Dazu gehört zum Beispiel, dass man die Patienten mobilisiert, Hautpflege anbringt, Dekubitusvorbeugung, solche Geschichten. Alles geht nur noch schnell-schnell.

Und wie häufig kommt es zu solchen Überlastungsanzeigen?

Das sind immer Phasen. Wenn ein hoher Krankenstand ist oder viele Pflegekomplexpatienten bei uns liegen. Wenn es viele Isolationen gibt, Patienten mit ansteckenden Krankheiten, bei denen man nicht so schnell wieder aus dem Zimmer kommt. Das ist ja alles Zeit, die einem wegläuft. Vier, fünf Anzeigen sind es im Monat auf der Station, würde ich schon sagen.

Gibt es Situationen, in denen gar nichts mehr geht. Und was ist dann los?

Dann bleibt vieles liegen. Medikamente können nicht fertig gestellt werden. Es kann nicht alle zwei Stunden durch die Zimmer gegangen werden. Nachfüll- und Reinigungsarbeiten – die Pflegewagen, Visitenwagen, Telefone, Schreibtische sollen ja einmal am Tag desinfiziert werden. Auch die Tastaturen am Computer. Die Dokumentation fällt dann ganz häufig hinten runter. Weil man gar nicht die Zeit mehr hat, Berichte zu schreiben. Dabei ist die Dokumentation total wichtig.

Diese Kartei am Bett des Patienten?

Die gibt es schon lange nicht mehr. Wir sind fast papierlos. Da muss ich schon sagen: Das hat es in gewisser Weise erleichtert, die Akte im Computer. Früher musste man Zettel und Laborkarten ausfüllen, Röhrchen bekleben. Jetzt kommt alles aus dem Drucker. Das hat sich wirklich erleichtert. Wo auch immer die Zeit geblieben ist, die man da eingespart hat. Es ist ja auch Personal weg.

Wissen Sie, wie es bei der privaten Konkurrenz ist?

Ich war selbst einmal Patient in einem privaten Krankenhaus, und da waren nur Leasingkräfte. Da hatte man überhaupt kein Stammpersonal. Was ich sehr schlimm finde. Die sind auch gar nicht billig. Aber sie haben nicht die Fixkosten wie das Festpersonal.

Was unterscheidet eine Leasingkraft von einer fest angestellten Krankenschwester?

Eine Leasingkraft, mal unter uns, hat nicht die Leidenschaft für die Abteilung. Was stehen und liegen bleibt, ist ja nicht ihres. Sie kommt ja morgen nicht wieder.

Wie lange bleiben sie in der Regel.

Für ein paar Schichten. Bei uns sind sie wirklich nur die Lückenfüller. Es ist auch kein angenehmes Arbeiten mit einer Leasingkraft. Denn man fühlt sich immer extrem mitverantwortlich für das, was sie tut.

Wie ist es über Nacht, wenn Sie allein auf Station sind, mit den Pausen?

Das ist ein echtes Problem. Nach vier Stunden sollte man eine halbe Stunde Pause machen. Aus gesundheitlichen Aspekten müsste ich die Station verlassen, um richtig abzuschalten. Aber wie soll ich das, wenn ich allein auf Station bin?

Warum ist es so wichtig, alle zwei Stunden durch alle Zimmer zu gehen?

Nachts passieren ja doch häufig Sachen. Demente Patienten verschwinden, machen Dummheiten, legen sich in andere Betten. Auch ernsthafte gesundheitliche Beschwerden treten oft nachts auf.

Kommt es zu Zwischenfällen aufgrund der Überlastung?

Es ist ja schon schlimm genug, dass man jeden Tag an seine Grenzen stößt und sich sagt: Ich habe gefährliche Pflege gemacht, ich hätte es besser machen müssen. Man weiß auch: Ich hätte das und das vielleicht früher erkennen können, wenn ich da gewesen wäre, wenn ich Zeit für den Patienten gehabt hätte. Irgendwie wird es immer geschafft, das Schlimmste abzuwenden.

Und die seelische Belastung?

Die steht im Vordergrund. Die Patienten sind unzufrieden. Familienmitglieder beschweren sich ganz viel, weil die Potenziale ihrer Angehörigen nicht geweckt werden. Gott sei Dank gibt es Angehörige, die Oma und Opa im Rollstuhl mit rausnehmen auf den Flur. Diese Reserven haben wir gar nicht – die Patienten früh genug wieder zu mobilisieren. Sie mal ordentlich anzuziehen.

Gehört das zu Ihren Aufgaben?

Es gehört eigentlich dazu. Es ist ja auch für den Patienten ein Wohlfühl-Effekt, wenn er wieder in den Alltag zurück geführt wird. Wenn er aufrecht sitzen kann, ein eigenes T-Shirt tragen kann. Nur so als Anmerkung: Wie würde ich die eigenen Eltern gepflegt haben wollen? Möchte ich das so, wie es ist? Nein, das möchte ich nicht. Wir wissen zwar alle, dass es überall so ist. Aber es geht ja nicht um irgend etwas. Es geht ja nicht um eine Topfpflanze.

Meinen Sie, das ist für Kassenpatienten überall so?

Das würde ich denken. Allerdings gibt es ein Krankenhaus in Spremberg im Süden Brandenburgs, in dem das Personal die Klinik selbst übernommen hat. Sie haben auf Gehaltserhöhungen verzichtet, dafür aber genug Personal. Wenn es nicht so weit weg wäre, würde ich dort anfangen. Denen ist es wichtiger, dass man im Alltag klar kommt und gesund dabei bleibt, als die Lohnerhöhung.

Können sie sich behaupten?

Aber ja. Es gibt eine extreme Patientenzufriedenheit: Viele lassen sich extra dorthin überweisen.

Ist die angekündigte Gehaltserhöhung um acht Prozent bis 2019 am Klinikum nicht gut für das Klima?

Wir denken, das ist eine Reaktion auf unseren Protest und gut für den Betriebsfrieden. Jetzt sind wir wieder gleich gestellt mit dem Klinikum Brandenburg, dass nicht mehr so viele dahin abwandern, dass wir auch wieder mehr Bewerbungen bekommen. Das haben wir ja nicht gehabt in letzter Zeit. Im Intranet werden einem schon 500 Euro Brutto geboten, wenn man jemanden zum Arbeiten bei uns anwirbt. Aber es wird immer noch keiner kommen, wenn die Arbeitsverhältnisse so bleiben.

Wo steht das Klinikum mit dem Lohn nach der Erhöhung im Vergleich zu Häusern wie dem Klinikum Steglitz?

Berlin zahlt immer noch ein bisschen mehr. Aber man kann ja auch nicht alles schlecht reden. Wir haben tolle Bildungsangebote. Wir haben immer noch unser 13. Monatsgehalt. Mein Mann sagt immer, seht doch mal das Positive. Aber man muss auch mal sagen: Man verbringt eine Menge Zeit im Leben auf Arbeit. Und wenn man ständig den Druck hat: Ich habe meine Arbeit nicht gut gemacht, wir sind zu wenige, viele von denen, die gut eingearbeitet sind, gehen wieder, weil es ihnen zu stressig ist, da läuft doch was verkehrt. Das zermürbt.

Wie ist der Krankenstand bei Ihnen, der Anteil an Dauerkranken?

Von 20 Mitarbeitern sind bei uns zwei dauerkrank. Ganz häufig geht es um Bandscheiben, Halswirbelsäule oder Überlastungssyndrom. Burn out. Zehn Prozent. Das schleift man so mit.

Warum bleiben Sie?

Weil ich immer noch hoffe für meine letzten 20 Arbeitsjahre, dass es sich noch zum Gute wendet. Und dann ist es ja nicht verkehrt, wenn man erfahrene Schwestern hat, die das ein bisschen am Laufen halten. Man hat so eine Hassliebe entwickelt. Einerseits macht man sie gern, die Arbeit, und man bleibt auch dem Betrieb treu, obwohl man die Situation ständig auch als negativ empfindet.

Was müsste sich zum Guten wenden. Mehr Personal?

Ja.

Und was noch?

Da kann unsere Geschäftsführung nicht einmal etwas für, das muss von der Politik ganz oben geklärt werden. Dass es endlich einen Schlüssel gibt: So viel Personal für so viel Patienten. Da gibt es keine gesetzliche Regelung. Und dann steht ja immer die Frage, wo das Geld eigentlich hingeht. Ich habe mit Interesse in der MAZ gelesen, dass wir uns jetzt auch noch einen Pflegedienst an Land ziehen.

Pflege für mehr als 39 500 Patienten jährlich

1200 Mitarbeiter sind im Pflegebereich des Klinikums „Ernst von Bergmann“ beschäftigt, das mit gut 1100 Betten nach eigener Darstellung das größte und am besten ausgestattete Krankenhaus in West-Brandenburg ist.

Pro Jahr werden mehr als 39 500 Patienten vollstationär behandelt, die durchschnittliche Verweildauer liegt bei 6,6 Tagen.

Zum Anteil der Langzeiterkrankten im eigenen Personal gibt das Klinikum keine Auskunft. Die Quote liege im Vergleich mit anderen Großkrankenhäusern in Deutschland im unteren Drittel.

Im Juli demonstrierten Schwestern und Pfleger für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Personal. Kurz darauf gab das Haus bekannt, dass die Gehälter bis Juni 2019 schrittweise um acht Prozent angehoben werden.

Von Volker Oelschläger

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