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„Alles zum Wohle der Kinder“

Entlastungszeugen sagen für die wegen Misshandlung angeklagten Pflegeeltern aus „Alles zum Wohle der Kinder“

Auftritt der Entlastungszeugen an Verhandlungstag Nummer drei im Prozess gegen ein Ehepaar aus Neu Fahrland, das seine drei Pflegekinder jahrelang gequält und misshandelt haben soll.

Potsdam. Wie berichtet, sollen sich die Vorfälle ab 1999 zugetragen haben. Die heute erwachsenen Nebenkläger Katrin H. und Thomas C. waren damals um die zehn Jahre alt; als Teenager liefen sie Ende 2004 davon.

Nachdem die beiden das Ehepaar K. mit ihren Aussagen schwer belastet haben – unter anderem sollen sie bis zum Erbrechen gefüttert worden sein und hätten das Erbrochene wieder aufessen müssen – sagten nun den Angeklagten offensichtlich sehr nahe stehende Personen aus. So erschienen der leibliche Sohn der angeklagten Pflegemutter und dessen ehemalige Verlobte im Gericht.

Torsten W. (36) nimmt seine Mutter und den Stiefvater auf ganzer Linie in Schutz und erklärt deren Strenge mit dem Verhalten der Pflegekinder, die „nur Blödsinn“ im Kopf gehabt hätten. „Die Kinder wehrten sich gegen unsere Erziehungsmethoden“, sagt der Bar-Mixer. Die Pflegekinder hätten „das Essen mit Fit oder Salz vergiftet“, in die Ecken gemacht, Gardinen zerschnitten, Sofas aufgeschlitzt, Eltern und Mitschüler bestohlen. Katrin H. habe „aus Wut auf den Tisch gekotzt – nicht, weil ihr schlecht war“, sagt Torsten W. Sie sei wütend gewesen, „weil sie nicht das machen wollte, was wir für richtig erachtet hatten – zum Beispiel essen“. Nach so einem Vorfall habe man das Mädchen „vom Tisch entfernt“. Auf die Frage, ob sie von seiner Mutter mit Gewalt gefüttert worden sei, schweigt W. zunächst und entgegnet schließlich: „Das kann ich nicht sagen – das muss ich auch nicht.“

Die Strafen in der Familie waren laut Torsten W.: In der Ecke stehen, „mal kurz an den Haaren ziehen“ und leichte Schläge. Die beiden Angeklagten hätten „zum Wohle der Kinder alles getan“. Als die Staatsanwältin bei W. „eine aggressive Grundstimmung“ ausmacht, räumt er ein: „Ja. Wir haben versucht, den Kindern ein gutes Zuhause zu schaffen – wenn man sieht, wie das jetzt zerstört wird, kann man nur aggressiv werden.“ Bei ihm als „großer Bruder“ hätten sie sich nie über Misshandlungen beklagt. Vielmehr hätten sie um die Liebe der Pflegeeltern gekämpft, den anderen verpetzt, sich gegenseitig ausgestochen.

W.s Ex-Verlobte (35) hat 1996 bis 2004 im Hause der Pflegeeltern gelebt, geht dort noch heute ein und aus. Nicole D. spricht von „Mama und Papa“, ihre Kinder sagen Oma und Opa. Das Verhältnis könne nicht enger sein. „Wir telefonieren sechs, sieben Mal am Tag, wenn das mal reicht.“ Sie beschreibt die zwei als „die liebsten Menschen der Welt“.

Ja, man habe die Kinder gefüttert – aber nur in der Anfangszeit und immer in einer „spielerischen Art“, um sie zum Essen zu animieren und ihnen gesunde Lebensmittel schmackhaft zu machen, die sie in ihren zerrütteten Herkunftsfamilien nicht bekommen hatten. Thomas C. habe etwa nur Currywurst und Pommes frites gekannt.

Nicole D. spricht von einer Verschwörung der zwei Pflegekinder. Katrin H. habe ihr selbst erzählt, dass sie sich an den Pflegeeltern rächen, sie anzeigen und hinter Gitter bringen wird. Thomas C. werde ihr dabei helfen und aussagen, was sie nur wolle. Kartin H. sei eifersüchtig auf ihre Schwester Alexandra H. gewesen, weil diese wieder bei den Pflegeeltern eingezogen, sie selbst aber abgewiesen worden war. Alexandra H. ist selbst mehrmals von den K.s weggelaufen und hat den Prozess im Jahr 2010 überhaupt erst in Gang gebracht. Ihre Aussagen hat sie im Zeugenstand aber widerrufen.

Der Komplott-Vorwurf der Ex-Verlobten sei „eine ganz klare unwahre Tatsache“, insistierte Katrin H’s. Anwältin. Es wird nun geprüft, ob sich die Entlastungszeugin der Falschaussage schuldig gemacht hat. Darauf stehen bis zu drei Monate Haft. Der Prozess wird am 27. Mai fortgesetzt. Dann sollen die Plädoyers gehalten und womöglich das Urteil gesprochen werden. Die Beweisaufnahme ist noch nicht geschlossen. (Von Nadine Fabian)

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