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Alltag unterm Hakenkreuz

Potsdam-Museum bekommt wertvolle Gemälde Alltag unterm Hakenkreuz

Äußerst seltene Gemälde mit Alltagsszenen aus der NS-Zeit konnten am Freitag auf Vermittlung des Fördervereins in den Bestand des Potsdam-Museums gegeben werden. Die bisher völlig unbekannten Ölgemälde und Aquarelle stammen von Otto Heinrich (1891-1967), einem mit seinen Stadtveduten in Potsdam überaus populären Maler.

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Museumsdirektorin Jutta Götzmann und Markus Wicke, Vorsitzender des Fördervereins, mit Otto Heinrichs Gemälde „Jahrmarkt in Potsdam“.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Mehr als 900 Werke des für seine Stadtveduten berühmten Otto Heinrich (1891-1967) befinden sich im Bestand des Potsdam-Museums. Kanalotto nannten sie ihn in Anlehnung an den Italiener Canaletto (1722-1780) wegen seiner künstlerischen Leidenschaft für den Potsdamer Stadtkanal. Obwohl Otto Heinrich mit seinem Nachlass im Potsdam-Museum sehr präsent ist, sind Überraschungen möglich.

Als Sensation bezeichnet Museumsdirektorin Jutta Götzmann den Zugang von vier bislang unbekannten Werken des Potsdamer Meisters, die am Freitag auf Vermittlung des Museums-Fördervereins in die Sammlung des Hauses übergeben werden konnten. Drei von ihnen dokumentieren Potsdamer Alltagszenen in einem historischen Kontext, der in dem sehr reichen Kunstbestand des Museums einmalig ist, ein kleineres Ölgemälde zeigt die Schlossfreiheit in Berlin.

Burgstraße mit der Heiliggeistkirche auf einem Aquarell Otto Heinrichs aus dem Jahr 1934

Burgstraße mit der Heiliggeistkirche auf einem Aquarell Otto Heinrichs aus dem Jahr 1934.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Zwei sehr gut erhaltene Aquarelle von 1934 zeigen städtisches Leben auf der Brandenburger Straße mit der katholischen Kirche St. Peter und Paul im Hintergrund und in der Burgstraße mit der Heiliggeistkirche am nebligen Horizont. Beide Straßenszenen sind beflaggt mit Hakenkreuz- und schwarz-weiß-roten Reichsfahnen. Trauerflor deutet auf einen offiziellen Anlass hin, die Historiker des Museums vermuten den Tod des Reichspräsidenten Hindenburg vom 2. August 1934.

Laut Götzmann gibt es bisher nur ein Gemälde mit vergleichbarem Kontext in der Sammlung des Museums. Die allerdings menschenleere „Mammonstraße“ von Hans Klohs (1879-1954) mit der Garnisonkirche im Hintergrund und Hakenkreuzfahnen in den Fenstern ist in der Dauerausstellung zur Stadtgeschichte zu sehen.

Brandenburger Straße im Jahr 1934 auf einem Aquarell von Otto Heinrich

Brandenburger Straße im Jahr 1934 auf einem Aquarell von Otto Heinrich.

Quelle: Potsdam-Museum

Heinrichs Straßenbilder hätte es gar nicht mehr geben sollen, wie Markus Wicke, der Vorsitzende des Museums-Fördervereins, berichtet: „Er wollte sie wohl nach dem Krieg vernichten, doch eine Bekannte hat sie ihm abgeschwatzt und nach West-Berlin geschmuggelt.“ Der schlechtere Zustand des Bildes der Brandenburger Straße, von dem die Hakenkreuze unvollständig abgekratzt wurden, lässt darauf schließen, dass es schon zeitweise zu sehen war.

Der Kontakt der Vorbesitzer zum Museums-Förderverein kam über einen Antiquitätenhändler zustande: Diese Bilder seien „nichts, was man auf dem Kunstmarkt leicht verkaufen kann“, sagt Götzmann. „Man hängt sich so etwas kaum hin“, sagt Wicke.

Für das Museum hingegen sind die Bilder von enormem Wert: „In unserer Sammlung existieren nur sehr wenige Zeugnisse aus dieser Zeit“, sagt Götzmann. Ausgestellt werden sie voraussichtlich in einer für 2018/19 geplanten umfangreichen Sonderausstellung des Museums über das städtische Leben in Potsdam vom Ende des Kaiserreichs bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, an deren Vorbereitung im Haus bereits seit mehr als einem Jahr intensiv gearbeitet wird.

Otto Heinrich im Potsdam-Museum

Otto Heinrich, geboren 1891 in Berlin, lebte und arbeitete rund 40 Jahre in Potsdam. Nach seinem Tod 1967 erwarb das Museum rund 600 seiner Gemälde, Pastelle und Aquarelle.

Mittlerweile umfasst der Bestand des Potsdam-Museums 900 Werke von Otto Heinrich, die derzeit konservatorisch aufgearbeitet und katalogisiert werden.

Mittelfristig ist eine große Ausstellung geplant, der Termin ist noch offen. Letzte dem Künstler gewidmete Ausstellungen gab es im Museum 2004 und 2007.

Einmalig ist nach aktuellem Kenntnisstand auch das Motiv eines um 1939 entstandenen großformatigen Ölbildes „Jahrmarkt in Potsdam“, das Buden und Menschen in der Breiten Straße mit Blick auf die Garnisonkirche zeigt. Rummelbilder gebe es viele von Otto Heinrich, sagt Jutta Götzmann, doch die meisten entstanden nach dem Krieg mit den Ruinen der zerstörten Stadt im Hintergrund.

Ein zweites Gemälde „Jahrmarkt in Potsdam“ von Otto Heinrich, das sich nur in Nuancen von dem am Freitag vorgestellten unterscheidet, wurde 1939 auf der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ in München für 3500 Reichsmark von Adolf Hitler angekauft. Der Verbleib dieses Bildes sei unbekannt, eine Verwechslung mit dem Potsdamer Exemplar aber ausgeschlossen, versichert Wicke. Das nämlich sei von Heinrich seinerzeit direkt an einen West-Berliner verkauft worden.

Von Volker Oelschläger

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