Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Potsdam Als Horst "Kiekeohr" Schüler in den Gulag kam
Lokales Potsdam Als Horst "Kiekeohr" Schüler in den Gulag kam
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:00 01.12.2013
Journalistenausweis von Horst "Kiekeohr" Schüler. Quelle: privat
Potsdam

MAZ: Herr Schüler, Sie leben seit Jahrzehnten in Hamburg, sind aber geborener Potsdamer.
Horst Schüler: Babelsberger! Oder sagen wir lieber: Nowaweser.
 

Ende der 1940er Jahre waren Sie eine stadtbekannte Persönlichkeit. Besser gesagt: Ihr Pseudonym war stadtbekannt. Als „Kiekeohr“ schrieben Sie regelmäßig Kolumnen in der Märkischen Volksstimme, der Vorläuferzeitung der Märkischen Allgemeinen. Worum drehten sich Ihre Kolumnen?
Schüler: Es ging um das, was man im Alltag sah und hörte – daher der Name, abgeleitet von „kieken“ und „Ohr“. Dazu war eine kleine Zeichnung angefertigt worden, die die Kolumne begleitete.

Ein Männlein mit Spitzohren.
Schüler: Ja. In diese Kolumne verpackte ich die damals gerade noch mögliche Kritik, die man an der Partei üben durfte. Sie erschien zweimal pro Woche und hatte einen so großen Erfolg, dass die kleine Figur in den HO-Bäckerein in Potsdam nachgebacken wurde.

Was war das Erfolgsgeheimnis?
Schüler: Es war einerseits in einer besonders skurrilen Sprache geschrieben; andererseits ging es um das, was den Bürger geärgert hat. Eigentlich war das aber schon zuviel an Kritik, denn die Berichterstattung beschränkte sich auf die Wiedergabe von Parteitagsbeschlüssen und von Normerfüllungen. Das, was den Bürger wirklich bewegte, fand in der redaktionellen Arbeit keinen Niederschlag.

Was waren die Probleme damals?
Schüler: Die Leute litten oft noch Hunger und es gab Wohnungsnot. Und man konnte die Kinder oft nicht auf die Schulen schicken, die sie wollten. Dafür musste man nämlich politisch „einwandfrei“ sein und durfte nicht der bürgerlichen Klasse angehören.

Sie waren in der Lokalredaktion der MV tätig. Wo war die damals und wie haben Sie die Zeitung generell in Erinnerung?
Schüler: Die Lokalredaktion war in demselben Gebäude wie heute untergebracht auf dem Gelände an der Friedrich-Engels-Straße. Von der Struktur her war die Zeitung so gestaltet, dass die wichtigen Ressorts Doppelspitzen hatten: je ein Ex-Mitglied der KPD und ein Ex-Mitglied der SPD. Aus diesen beiden Parteien war ja die SED hervorgegangen. Aber die Ex-SPD-Mitglieder gingen bald nach West-Berlin oder sie verschwanden in den Weiten Sibiriens.

Sie wurden auch verhaftet und nach ihrer Verurteilung in die Sowjetunion gebracht. Wie wurden Sie vom angesehenen Redaktionsmitglied zum Polit-Häftling?
Schüler: Chefredakteur Sicker forderte mich eines Tages auf, den Presseoffizier der Sowjetischen Militäradministration aufzusuchen. Diese befand sich in der Berliner Straße, der früheren Alte König straße. Dort stellte sich heraus, dass es sich nicht um einen Presseoffizier handelte, sondern um einen Hauptmann: Er wollte, dass ich meine Kollegen bespitzle.

Was war Ihre Reaktion?
Schüler: Mein Vater war in der Nazi-Zeit als Betriebsrat der Charlottenburger Wasserwerke denunziert worden, weil er keinen Hehl aus seiner Meinung über Hitler machte. Er starb im KZ Sachsenhausen. Ich sagte dem Offizier offen, dass ich Denunziantentum verabscheuungswürdig fände. Darauf hieß es, ich sollte mich in ein paar Wochen noch einmal melden. Das habe ich aber nicht getan. Rückblickend wäre es klüger gewesen, wenn ich mit meiner Frau gleich die Koffer gepackt hätte. Damals konnte man ja noch leicht nach West-Berlin fahren. Aber weil ich offiziell ein „Opfer des Faschismus“ war, dachte ich, dass man mir nichts tun könne.

War Ihre Verweigerung der Grund für die Verhaftung?
Schüler: Ich hatte einem alten Schulfreund aus Babelsberg, der inzwischen in West-Berlin lebte, kritische Texte von mir mitgegeben. Er leitete sie weiter. Damals kam es oft vor, dass politisch unliebsame Personen aus West-Berlin entführt und wieder zurück in die DDR gebracht wurden. Das passierte auch meinem Freund. Man hat dann so lange auf ihn eingeprügelt, bis er alle Namen preisgab.

1951 wurden Sie eines Nachts in Ihrem Elternhaus in der Großbeerenstraße, wo Sie mit Ihrer Frau lebten, verhaftet und in das Gefängnis in der Lindenstraße gebracht. Wie waren da die Bedingungen?
Schüler: Damals war es das Gefängnis des Sowjetischen Geheimdienstes. Es gab keine Betten – nur Holzpritschen. Es gab kein Wasser, keine Toiletten. Stattdessen standen ein Eimer oder ein Kochtopf in der Ecke als Abort. Die Verhöre waren nur nachts, um Schlaf zu entziehen. Oft wurde geprügelt. Bei mir führten die Tritte dazu, dass später eine Niere entfernt werden musste. Anfang 1952 wurde ich vom sowjetischen Militärtribunal verurteilt. Entweder es gab die Todesstrafe oder 25 Jahre. Die zum Tode Veruteilten wurden meist im Moskauer Gefängnis Butyrka erschossen. Ihre Asche wurde in ein anonymes Massengrab verstreut.

Sie kamen ins russische Lager Workuta. Was war das für ein Lager?
Schüler: Workuta ist ein Gebiet in der russischen Polarregion, wo es 40 bis 50 Lager gab. Jedes Lager war zwischen 3000 und 5000 Menschen stark; fast alle Häftlinge arbeiteten in den Kohlegruben. Im Winter fiel das Thermometer bis auf minus 60 Grad. Schneestürme fegten über die Tundra. Man hatte Arbeitskategorien, die folgendermaßen bestimmt wurden: Der Arzt kniff dem Häftling in den Hintern. Je nachdem, wieviel Fleisch man noch drauf hatte, ging es in den Schacht oder man war arbeitsuntauglich. Es war eine unglaubliche Schinderei. Der zwei Kilometer lange Weg vom Lager bis zum Bergwerk wurde von Soldaten und Hunden bewacht. Am Anfang und Ende gab es immer eine Zählung, ob auch alle da waren.

Glaubten Sie, dass Sie je wieder lebend rauskommen?
Schüler: Nein.

Wussten Ihre Angehörigen, wo Sie waren?
Schüler: Für die war man vom Erdboden verschwunden bis 1953. Nach Stalins Tod durften wir endlich nach Hause schreiben. In diesem Sommer gab es auch einen großen Häftlingsaufstand in Workuta, der blutig niedergeschlagen wurde.

1955 kamen Sie überraschend frei. Weshalb?
Schüler: Damals versuchte die Sowjetunion, diplomatische Beziehungen zur Bundesrepublik zu knüpfen. In dieser Zeit wurden auch die letzten deutschen Kriegsgefangenen freigelassen. Als klar war, dass man sich auf die Heimführung geeinigt hatte, wurde ich zum Politoffizier zitiert. Er fragte mich, ob ich nicht beim Abschied vor meinen Mithäftlingen Dankesworte an die Sowjetführung richten wolle. Schließlich habe man mir mehr als 20 Jahre meiner Strafe erlassen. Ich war hin- und hergerissen, lehnte aber schließlich ab. Eigentlich hatte ich erwartet, dass man mich daraufhin vom Heimtransport ausschließt, aber das passierte erstaunlicherweise nicht. Als man uns fragte, wohin wir fahren wollten, sagte ich: „In den Westen.“ Ich kam in das Lager Friedland. Und später holte ich meine Frau nach.

Am Sonntag sind Sie und Ihre Frau in Potsdam, weil vor Ihrem Geburtshaus ein Stolperstein zum Gedenken an Ihren Vater verlegt wird. Haben Sie eigentlich je Ihre alte Arbeitsstelle, das Zeitungsgebäude, wiedergesehen?
Schüler: Ja. Das war bald nach der Wende. Ich war erstaunt, wie wenig sich verändert hatte. Überall standen Schreibmaschinen und es sah fast noch so aus wie damals.
Interview: Ildiko Röd

Potsdam Stadtwerke unterzeichnen den Vertrag mit Gerkan-Büro - 2016 hat Potsdam sein neues Bad

Die letzte Hürde für das neue Sport- und Freizeitbad am Brauhausberg ist genommen. Am Freitag gab der Aufsichtsrat der Stadtwerke Potsdam, die den Bau finanzieren, grünes Licht für die Vergabe des Bad-Auftrags an "Gerkan, Marg und Partner" (GMP), das Büro des Flughafen-Architekten Meinhard von Gerkan.

30.11.2013
Potsdam Groß Glienicker soll Geld zurück erhalten - Landgericht rügt Preispolitik von Danpower

Hunderte Potsdamer Fernwärmekunden des Anbieters Danpower können auf eine Rückzahlung hoffen. Das legt ein Urteil des Landgerichts Potsdam nahe. Die Richter sprachen einem Groß Glienicker Bürger eine Summe von 134,99 Euro zu, weil der Energieversorger trotz gesunkenen Gaspreises die Bezugskosten für die Fernwärme erhöht hatte.

02.12.2013
Polizei Mutmaßlicher Messerstecher auf freiem Fuß - Mutmaßlicher Messerstecher auf freiem Fuß

+++ Schlaatz: Freilassung nach Messerstecherei +++ Innenstadt: Betrunken gegen Poller gefahren +++

29.11.2013