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Potsdam Am Epizentrum der Obdachlosigkeit
Lokales Potsdam Am Epizentrum der Obdachlosigkeit
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16:34 11.10.2017
Friedrich Bungert mit Ciomara Karl von der Bahnhofsmission Berlin Zoologischer Garten vor dem Eingang an der Jebensstraße 5. Quelle: Volker Oelschläger
Berlin-Charlottenburg

Möwen am orangeroten Himmel. Segelboote auf träge schwappendem Wasser unter einer düsteren Wolkendecke. Ein Flaschensammler im Hinterhof eines elfgeschossigen Plattenbaus. Geballte Fäuste mit schartigen Fingernägeln, Tattoos und Narben am Unterarm. Hell im Licht eine Frau im blauen Abendkleid, inmitten von Gästen der Bahnhofsmission Berlin Zoologischer Garten, die im Dunkeln auf Einlass warten.

„Lichtraum“ ist der Titel einer Fotoausstellung von 20 Studierenden des Studiengangs Audiovisuelle Medien an der Beuth Hochschule für Technik Berlin die am Sonntag um 19 Uhr im Kühlhaus in Berlin-Kreuzberg eröffnet wird. Kuratiert wird die Verkaufsausstellung, deren Erlös komplett der Bahnhofsmission zugute kommen soll, von Friedrich Bungert.

Flaschensammler im Hinterhof eines Plattenbaus. Quelle: Kolja von der Heide

Der 22-Jährige, der auch mit eigenen Bildern wie dem Sehnsuchtsmotiv von den Segelbooten auf dem Wannsee beteiligt ist, arbeitet bereits seit Jahren als freier Fotograf für den Potsdamer Stadtkurier der MAZ. Seit dreieinhalb Jahren ist er ehrenamtlicher Helfer der Bahnhofmission, „um mein Helfersyndrom auszuleben“. Wann er den ersten Kontakt zu Obdachlosen hatte, könne er nicht mehr sagen: „Ich bin eben mit offenen Augen durch die Straßen gegangen.“

Bungert begann als Helfer am Berliner Hauptbahnhof, wechselte aber dann zum Zoo, an das Epizentrum der Obdachlosigkeit in Berlin, wie er sagt. An keiner anderen Bahnhofsmission in Deutschland gäbe es morgens, mittags und abends Essen für 500 Menschen.

Die Arbeit am Hauptbahnhof sei eine ganz andere gewesen: „Reiseumstiege und Seelsorge, das waren eigentlich die Kernkompetenzen der Bahnhofsmissionen. Meine Aufgabe bestand eher darin, die Omi vom Gleis 11 zum Gleis 16 zu bringen. Aber man hatte auch viel mehr für die Leute, die wirklich Probleme hatten. Ich konnte mit jemandem, der selbstmordgefährdet ist, ins Krankenhaus gehen. Ich konnte mit ihnen zum Amt gehen, sie zur Botschaft begleiten. Oder einfach nur eine Stunde zuhören.“

Segelboote auf dem Wannsee. Quelle: Friedrich Bungert

Am Zoo steht Bungert meist einmal die Woche an der Tür. „Ich bin der erste Ansprechpartner für die Koordinierung von Spenden, für die Regelung des Einlasses, für kleinere Hilfen von ,Ich wurde heute zwangsvollstreckt’ bis ,Wo finde ich den nächsten Bäcker’. Das ist eine andere Art von Kontakt mit den Menschen.“ Verirrte Reisende kommen nicht mehr in die Mission, seit der Bahnhof Zoo zur Regionalbahnstation degradiert wurde.

Unter den Gästen seien nicht nur Obdachlose: „Wir haben Leute, die am Ende des Monats von ihrer Sozialhilfe nicht mehr leben können, wir haben Rentner, bei denen die Rente nicht mehr reicht, wir haben Kinder, die von zu Hause ausgebüxt sind.“ Die Zeit zum Gespräch müsse man sich nehmen: „Wenn ich hier sechs oder acht Stunden an der Tür stehe und nur Massenabfertigung mache, dann könnte ich nicht mit einem Lächeln nach Hause gehen.“

Bei der Arbeit sei Abstand wichtig: „Wenn die Probleme der Leute deine eigenen Probleme werden, dann kannst du den Job nicht ausüben.“ Zweimal, nach einem Todesfall und einem Zwischenfall mit einem Kind, sei die emotionale Belastung so groß gewesen, dass er mehrere Wochen nicht gekommen sei: „Ich kann anderen nicht helfen, wenn ich mit mir selbst nicht im Reinen bin.“

Gedenkbeet für gestorbene Gäste der Bahnhofsmission am Eingang Jebensstraße. Quelle: Volker Oelschläger

Bungert studiert im fünften Semester an der Beuth Hochschule. Die Idee zur Ausstellung entstand in der Fotografieklasse von Peter Wutz. In früheren Modulen seien die Arbeiten der Teilnehmer jeweils nur in einem Fotobuch veröffentlicht worden, das in der Hochschule blieb. „Nach zwei Jahren haben wir gesagt: Unsere Arbeiten haben eine Qualität erreicht, die es wert ist, gezeigt zu werden.“ Das Projekt sei immer größer geworden. Mit dem Kühlhaus als einem der angesagtesten Ausstellungsorte in Berlin, mit namhaften Sponsoren.

Auf die Bahnhofsmission als Benefizobjekt seien sie gekommen, weil die Ausstellung im Oktober stattfindet, sagt Bungert: „In dieser Zeit beginnt die Kältesaison. Es gibt bis zu 11 000 Obdachlose in Berlin, aber nur 700 Notübernachtungsplätze. Das ist kein Thema, vor dem man sich verschließen kann.“

Info
Kühlhaus Berlin, Luckenwalder Straße 3, Eröffnung am 15. Oktober, 19 Uhr, bis 26. Oktober, Eintritt frei.

Obdachlosigkeit in Potsdam

In Potsdam gibt es nach den letzten Angaben der Stadt mehr als 300 Obdachlose: „Die aktuelle Zahl der untergebrachten Obdachlosen beträgt 299 Personen“, hieß es im Januar auf eine kleine Anfrage von Clemens Viehrig (CDU): „Darüber hinaus gibt es einige Menschen, die sich entschieden haben, auf der Straße zu leben.“ Eine am Dienstag gestellte MAZ-Anfrage zu aktuelleren Zahlen blieb bis Mittwochabend unbeantwortet.

Mit der Suppenküche auf dem Rathausgelände gibt es eine zentrale Anlaufstelle für Hilfebedürftige, in der es neben Frühstück und warmen Mittagessen auch die Möglichkeit zum Duschen und Wäschewaschen sowie eine Kleiderkammer gibt. Der größte Teil der insgesamt 299 Übernachtungsplätze findet sich im Obdachlosenheim am Lerchensteig.

Von Volker Oelschläger

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