Volltextsuche über das Angebot:

0 ° / -5 ° wolkig

Navigation:
Ein Midwest-Mädchen im Osten

Studentin aus Sioux Falls erkundet Potsdam Ein Midwest-Mädchen im Osten

Emily Anderson studiert am Augustana-College in der Potsdamer Partnerstadt Sioux Falls (Süd-Dakota, USA). Seit einigen Wochen ist sie an der Universität Potsdam zu Gast und zieht mit Blick auf ihre Heimat ganz erstaunliche Vergleiche. Nur eines vermisst sie – vor allem jetzt an heißen Sommertagen: öffentliche Trinkwasserbrunnen.

Potsdam 52.3905689 13.0644729
Google Map of 52.3905689,13.0644729
Potsdam Mehr Infos
Nächster Artikel
Mit dem Besen gegen Vater Schwan

Emily Anderson aus der Partnerstadt Sioux Falls vermisst in Potsdam nur eines – öffentliche Trinkwasserbrunnen.

Quelle: Christel Köster

Potsdam. Ich beginne mit dem größten Unterschied zwischen Brandenburg und den USA: In Potsdam gibt es keine öffentlichen Trinkbrunnen. Wenn ich etwas benennen müsste, das mir besonders fehlt seitdem ich hier lebe, würde ich die Trinkbrunnen nennen. In meiner Uni-Stadt Sioux Falls findet man sie überall. Überhaupt sind öffentliche Trinkbrunnen typisch amerikanisch, und typisch Amerikaner ist, dass wir immer eine Trinkflasche dabei haben, die wir dann an diesen Brunnen mit Wasser auffüllen. Genau so mache ich das auch. Wie eine typische amerikanische Studentin eben. Potsdam war eine Umstellung. Hier muss man das Wasser kaufen, auch stilles Wasser, und in Bars und Cafés gibt es kein kostenloses Leitungswasser. Man muss danach fragen.

Es ist das erste Mal, dass ich mich für eine so lange Zeit außerhalb der USA aufhalte. Ich studiere Deutsch, mein Professor am College schlug mir vor, ein Semester nach Deutschland zu gehen. Die Uni Potsdam und mein College in Sioux Falls, South Dakota, haben eine Partnerschaft. Auch Potsdam und Sioux Falls sind Partnerstädte. Hier bin ich also. Und ich bin begeistert. Potsdam gefällt mir gut. Die Stadt ist grün, es ist leicht, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, und das öffentliche Verkehrsnetz ist zuverlässig. Außer während der Streiks. Wenn ich eine Liste bleibender Eindrücke erstellen müsste, würde ich mit den majestätischen Bauten im Stadtzentrum beginnen. Die Innenstadt ist ein kompletter Tapetenwechsel für ein Midwest-Mädchen wie mich. Ich bin auf einer Farm aufgewachsen. Wenn ich daheim aus dem Fenster sehe, liegen vor mir weite Felder und ich blicke auf rot gestrichene Scheunen. Sieht auch schön aus, ist aber eben immer dasselbe. Europäische Architektur ist abwechslungsreicher!

In Potsdam wohne ich im Studentenwohnheim in der Kaiser-Friedrich-Straße. Bei den Studierenden sind das „die Türme“. Bill, ein Student auf meiner Etage, hat mich dafür sensibilisiert, nicht nur die restaurierten Häuser im Stadtzentrum zu sehen sondern auch die sozialistische Architektur außerhalb der City. Die Platten. Er findet sie kalt und leblos. Genau genommen wohnen wir in so einer Platte, wenigstens sie ist mit Leben gefüllt. Ich mag „die Türme“ trotzdem, der Campus Am Neuen Palais ist nah, einen Supermarkt gibt es um die Ecke und die Busse fahren alle zehn Minuten. Die Frequenz finde ich ausreichend. Bill sagt, das sei zu wenig, aber er ist aus Washington DC – und ich bin aus der Provinz.

Weil Lebensmittel in Deutschland so günstig sind, erlaube ich mir, in Cafés oder Bars ein gutes Trinkgeld zu geben. Bei mir Zuhause ist es normal, zehn bis 20 Prozent des Rechnungsbetrags als Trinkgeld zu geben, wenn man mit dem Service zufrieden war. Wenn ich in Potsdam ausgehe fällt mir auf, dass Trinkgeld deutlich geringer ausfällt, manchmal sogar mickrig. Obwohl der Service in Ordnung war. Das ist entmutigend. Ich habe selbst einige Jahre gekellnert und zu wenig Trinkgeld immer persönlich genommen. Warum es in den USA vergleichsweise hoch ausfällt, kann ich begründen: Wir haben keinen Mindestlohn. Löhne in der Gastronomie hängen vom Trinkgeld ab. Abgesehen davon mag ich die Restaurant- und Clubkultur in Potsdam sehr, vom Döner bis zum Festival. Für mein Empfinden hat die Stadt nur zu wenig öffentliche Toiletten. Und dass man in Cafés Geld bezahlen muss, um die Toilette zu benutzen, ist absurd, bei mir Zuhause unvorstellbar. Da sind Toiletten öffentlich, sauber und gratis.

Positiv überrascht haben mich die niedrigen Preise für frische Lebensmittel. Alles ist hier nur halb so teuer wie in den USA. Ich gebe etwa 15 Euro pro Woche für Lebensmittel aus. Das Studentenwohnheim hat eine Gemeinschaftsküche. Die ist nicht so meins, beim Kochen brauche ich Privatsphäre. Aber immerhin treffe ich dadurch die anderen ausländischen Studierenden. Als Gaststudent in Potsdam sucht man seinesgleichen. In den USA sagen wir: Vögel mit demselben Gefieder fliegen zusammen.

Emily Anderson, 21, studiert Deutsch am Augustana College in Potsdams US-amerikanischer Partnerstadt Sioux Falls. Ein Semester, von April bis Ende Juli, ist Emily Gaststudentin an der Uni Potsdam und war in dieser Zeit auch bei der MAZ zu Gast.

Von Emily Anderson

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam
Potsdams Innenstadt - vor und nach dem Krieg

Der 14. April 1945 ist ein sonniger, warmer Frühlingstag – ein Sonnabend.  Um 22:15 Uhr ertönen die Sirenen, Bomben fallen auf Potsdam und wenig später marschiert die russische Armee in Potsdam ein. Das Stadtbild ist ein anderes geworden.

Das Protokoll zum Luftangriff: www.maz-online.de/Nacht-von-Potsdam

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg