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Infoabend zu Flüchtlingen in Potsdam

"Kommt hin und lernt sie kennen" Infoabend zu Flüchtlingen in Potsdam

Die Suche nach Flüchtlingsunterkünften in Potsdam läuft auf Hochtouren. Anfang November werden zwei Leichtbauhallen auf dem Freiland-Gelände errichtet. Dort sollen mindestens 80 Flüchtlinge untergebracht werden. Doch es gibt kritische Stimmen gegen das Vorhaben und viele Fragen. Nun hat eine Infoveranstaltung einige Antworten liefern können.

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Viele Anwohner sind zur Infoveranstaltung in Potsdam gekommen.

Quelle: Peter Degener

Potsdam. Die Landeshauptstadt Potsdam führt in diesem Monat vier Infoveranstaltungen zum Thema Unterkünfte für Flüchtlinge durch. Den Anfang hat am Montag, 19. Oktober, die Anwohnerversammlung „freiLand“ gemacht. Gut eine Stunde informierten unter anderem Potsdams Sozialbeigeordnete Elona Müller-Preinesberger und Frank Thomann, Fachbereichsleiter für Soziales und Gesundheit, in der Turnhalle der Comenius-Schule über die geplante Asylunterkunft auf dem Gelände des alternativen Jugendzentrums "freiLand".

Potsdams Sozialbeigeordnete Elona Müller-Preinesberger und Frank Thomann, Fachbereichsleiter für Soziales und Gesundheit, beantworteten in der Turnhalle der Comenius-Schule die Fragen der Bürger zum Thema Flüchtlinge in Potsdam.

Quelle: Peter Degener

+++ Aktuelle Infos von der Veranstaltung +++

Nach der Begrüßung zunächst ein paar Fakten:

Während das Land einen Schlüssel von 120 Flüchtlingen pro Sozialarbeiter vorgibt, geht Potsdam weit darüber hinaus. Ein Sozialarbeiter komme hier auf 60 Asylbewerber, schließlich sei Sozialarbeit als Einstiegsberatung das A und O, heißt es auch der Infoveranstaltung. Flüchtlingskinder bekommen außerdem Kita-Plätze, ohne heimischen Kindern einen Platz wegzunehmen. In den Schulen gebe es Willkommensklassen.

Gibt es Alternativen zu Leichtbauhallen?

Es gäbe Alternativen, die Lowcost-Häuser. Studenten der Fachhochschule Potsdam tüfteln gerade an einer verbesserten Variante, den sogenannten  „Make Space“-Häusern. Sie haben einen höheren Standard in Sachen Wohnsituation und Nachhaltigkeit. Sobald diese Alternative verfügbar ist, werde sie geprüft, so Müller-Preinesberger. "Derzeit helfen uns diese Alternativen nicht. Wir müssen die Menschen über den Winter bringen." Leichtbauhallen seien Notunterkünfte, mehr nicht. Das kommt gut an: Es gibt Beifall. Die Hallen sind in 3 bis 4 Tagen aufzubauen.

Frank Thomann findet die Unterbringung in Leichtbauhallen "anständig" gegenüber Turnhallen oder Camps unter freiem Himmel wie etwa in Berlin. Außerdem werde gerade mit dem Investor des alten Landtages über eine Nutzbarmachung des Gebäudes als Unterkunft verhandelt, aber es gebe noch kein Ergebnis.

Was wird aus Familien in den Leichtbauhallen?

In den großen Leichtbauhallen gibt es kaum Privatsphäre. Gerade für Familien könnte das zum Problem werden. Sozialamtsleiter Frank Thomann gibt Entwarnung: Man wolle Familien mit Kindern, wenn sie denn kommen, binnen einer Woche wieder aus den Leichtbauhallen raus haben, um schwierige Situationen in den Hallen zu vermeiden. Insbesondere Familien und deren Kinder sollten schneller integriert werden als andere.

Fragerunde in der Comenius-Turnhalle.

Quelle: Peter Degener

Sorge um Flüchtlingskinder, warum keine Sorge um die eigenen Kinder?

Eine werdende Mutter ist wütend, weil sie einen Kita-Platz sucht, aber keinen findet. Flüchtlinge würden dagegen versorgt. Müller-Preinesberger bekräftigt, dass alle Potsdamer, die einen Kita-Platz brauchen, auch einen bekommen. Die Kita-Versorgungsquote betrage 96 Prozent. Kitas, die Flüchtlingskinder aufnehmen, bekommen 240 Euro pro Flüchtlingskind im Monat mehr. Pädagogisches Personal werde geschult, Traumatisierungen bei Flüchtlingen zu erkennen. Auch unter den Flüchtlingen selbst gebe es Lehrer, die in Willkommensklassen helfen wollen. Die Träger der sozialpädagogischen Begleitung müssten jetzt Personal rekrutieren. Für die rund 600 noch aufzunehmenden Ausländer müssten zehn Sozialarbeiter eingestellt werden.

Was wird aus dem freiLand?

"Was passiert mit dem freiLand?" fragt eine Anwohnerin. "Wie lange wird der Standort blockiert? Wird er überhaupt blockiert?", schiebt sie hinterher. Das freiLand sei in keiner Weise in Frage gestellt, stellte Müller-Preinesberger klar. Man hoffe, dass sich freiLand in die Betreuung einbringt. Ein Autoparkplatz soll für die Hallen genutzt werden. Die Anwohnerin fragt auch, wie der Lärmschutz gesichert wird, wenn freiLand Veranstaltungen hat. Die Antwort ist simpel: Ab 22 Uhr müsse die Lautstärke ohnehin zurückgedreht werden, sagt Thomann. Man überlege zudem, eine mobile Lärmschutzwand zwischen die Leichtbauhallen und das freiLand zu stellen.

Der freiLand-Chef Dirk Harder versicherte gleich, man begrüße die Flüchtlinge und werde alles für ihre Integration tun, möglichst ohne die Angebote vom freiLand zu beschneiden. Ein Mitarbeiter sagte, es werde Veranstaltungen auch mit den Flüchtlingen geben: "Kommt hin und lernt die kennen!" Es gibt Beifall.

Die Unterkunft vor dem freiLand wird vom Internationalen Bund (IB) betreut, der auch das Objekt An den Kopfweiden neben der Potsdamer Außenstelle der Erstaufnahmestelle an der Heinrich-Mann-Allee und das Haus in der Berliner Straße 79 betreiben wird.

Wo sollen die Menschen später unterkommen?

Am Brauhausberg hat die Stadt unter anderem Wohnungen von der städtischen Gesellschaft Gewoba angemietet, wo Flüchtlinge unterkommen sollen, die aus Gemeinschaftsunterkünften ausziehen können, sagt Wohnungsamtsleiter Gregor Jekel. Er nennt allerdings keine konkrete Zahl.

Bedenken: Was, wenn die Kriminalität steigt?

Ein Anwohner wurde vor einer Asylunterkunft schon nach Kokain gefragt, sagt er. Er hat Angst vor wachsender Kriminalität. Frank Thomann zufolge ist die Kriminalität im Umfeld der Flüchtlingsunterkünfte nicht gewachsen. Sachbeschädigungen gingen vor allem von abgelehnten Asylbewerbern aus. Das seien Einzelfälle; die Mehrheit der Flüchtlinge sei ordentlich und arbeitswillig; sie wollten sich integrieren.

Wie steht es um die medizinische Versorgung?

Medizinisch seien alle Flüchtlinge untersucht worden, heißt es. Das sei ohnehin üblich, um ansteckenden Krankheiten aus dem Wege zu gehen. Wenn Flüchtlinge krank werden, würden sie natürlich auch behandelt. 

Wer kommt nach Potsdam?

Ob die Nationalitäten der Menschen bekannt ist, die man unterbringen muss, wollte jemand wissen. "Kann man die verschiedenen Religionen auseinanderhalten?" fragt ein anderer. Die meisten Flüchtlinge kommen aus den Kriegsländern Syrien, Irak und Afghanistan, so die Antwort. Die Zahl der Menschen aus dem Balkan nehme hingegen stark ab.

Religion- und Geschlechtertrennung?

Nach Religionen werde nicht getrennt, sagte Thomann. "Die Menschen sollen liberal zusammen leben." Bei Konflikten werde auch mal jemand aus der Einrichtung genommen und woanders untergebracht. "Angehörige verfeindeter Stämme werden natürlich nicht zusammen untergebracht." Besondere Schutzräume für Frauen werde es nicht geben. "Dass Frauen in unserer Gesellschaft akzeptiert werden, muss akzeptiert werden."

Die Diskussion geht weiter: Sind Fragen offen geblieben?

Wir bieten auf Facebook eine Möglichkeit zum Austausch.

Auch Bernd Richter, Werkleiter vom Kommunalen Immobilien Service (KIS) in Potsdam, hat an der Infoveranstaltung teilgenommen.

Quelle: Peter Degener

Die Diskussion vorab

Schon seit Wochen sucht Potsdam unter Hochdruck nach Unterbringungsmöglichkeiten für Flüchtlinge. Bisher hatte man sich allerdings recht bedeckt gehalten. Konkrete Grundstücke und Immobilien wurden zumeist weder vom Land, noch von der Stadt preisgegeben. Anders hingegen die Vorhaben zu Leichtbauhallen auf dem Gelände des alternativen Jugendzentrums freiLand.

Die geplanten Leichtbauhallen auf dem freiLand-Gelände sorgten im Vorfeld bereits für rege Diskussionen. Die Betreiber des Kulturzentrums, die einen Teil des Geländes gepachtet haben, lehnen die Unterbringung von Flüchtlingen in Leichtbauhallen wegen mangelnder Privatsphäre für die dort untergebrachten Menschen ab. „Wir werden uns aber niemals gegen eine Unterbringung von Flüchtlingen hier aussprechen und werden eine Alternative entwickeln“, sagte Freiland-Geschäftsführer Achim Trautvetter im Vorfeld.

Potsdam: Die Anwohnerversammlungen im Oktober

Anwohnerversammlung „freiLand“: Montag, 19. Oktober, 18 Uhr, in der Turnhalle der Comenius-Schule (Am Brauhausberg 10)

Anwohnerversammlung „Neu Fahrland“: Mittwoch, 21. Oktober, 18 Uhr, im Bürgertreff Neu Fahrland (Am Kirchberg 51)

Anwohnerversammlung „Slatan-Dudow-Straße“: Donnerstag, 22. Oktober, 18 Uhr, Turnhalle der Grundschule „Am Priesterweg“ (Oskar-Meßter-Str. 4-6)

Anwohnerversammlung „Sandscholle“: Montag, 26. Oktober, 18 Uhr, in der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“ (Marlene-Dietrich-Allee 11)

Auf dem freiLand-Gelände sollen künftig Low-Cost-Häuser für Flüchtlinge aufgestellt werden

Auf dem freiLand-Gelände sollen künftig Low-Cost-Häuser für Flüchtlinge aufgestellt werden.

Quelle: Gartenschläger

Die Bewohner des alternativen Jugendzentrums hatten sich in den vergangenen Wochen verstärkt für Flüchtlinge eingesetzt. Als kurzfristig klar wurde, dass eine provisorische Erstaufnahmestelle in den alten Ministeriengebäuden in der Heinrich-Mann-Allee entstehen soll, halfen sie unter anderem bei den Vorbereitungen – dem Aufbau der Betten, die Organisation von Hilfsgütern, die Koordination. Auf ihrem Blog unterrichten sie über den aktuellen Stand. Auch viele andere Bürger aus Potsdam hatten mit angepackt.

Flüchtlinge in Potsdam

Flüchtlinge in Potsdam: Cathleen Jürgens (22) aus der Landeshauptstadt hat Ende September die Flüchtlingsunterkunft in der Heinrich-Mann-Allee besucht und Mathab Ahmadi (8) aus Afghanistan kennen gelernt. Das kleine Mädchen kam mit Ihrem Onkel und Ihrer Großmutter nach Deutschland. Ihre Eltern hat sie auf der Flucht in der Türkei verloren

Quelle: Bungert

Die MAZ erhielt anschließend einen Einblick in das Leben in der Erstaufnahmestelle. So hat kurz nach der ersten Ankuft dort ausgesehen:

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Quasi über Nacht ist das ehemalige Potsdamer Ministeriumsgelände in der Heinrich-Mann-Allee als Asylunterkunft hergerichtet worden. Am Dienstag, 15. September 2015, kamen die ersten Flüchtlinge an. Wir haben uns auf dem Gelände und in den Gebäuden umgesehen.

Zur Bildergalerie

Als es darum ging, dass die Asylsuchenden für bürokratische Formalia, die Registrierung, wieder nach Eisenhüttenstadt gebracht werden sollten, stellten sich die politisch aktiven freiLand-Nutzer dagegen. Sie wollen sich mit allen Mitteln dagegen wehren, hieß es damals.

Von Odin Tietsche, Rainer Schüler und MAZonline

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