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Appell zur Versöhnung nach 28 Jahren

Gedenken am 56. Jahrestag des Mauerbaus in Potsdam Appell zur Versöhnung nach 28 Jahren

Zum 56. Jahrestag des Mauerbaus gedachten am Sonntag Politiker und Potsdamer den Opfern der Mauer. Die Gäste der Gedenkveranstaltung im Park Babelsberg, unweit der einstigen Grenzanlagen, nahmen den Tag zum Anlass für einen Appell gegen Regime und zur Versöhnung sowie das Bewahren der Erinnerungen.

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Claus Peter Ladner, ehemaliger Präsident des Verwaltungsgerichts Potsdam (links), Brandenburgs Bildungsminister Günter Baaske (SPD) und zahlreiche Gäste legten während der Gedenkveranstaltung im Park Babelsberg Blumen nieder.

Quelle: Christel Köster

Babelsberg. Der Rasen leuchtet in sattem Grün am Sonntagnachmittag vor dem Schloss im Park Babelsberg. Der Blick auf die Glienicker Lake ist frei, bis auf ein paar Bäume, deren volle Kronen die Sicht an einigen Stellen verdecken. Am Wegesrand in dem Weltkulturerbe blühen Blumen in kräftigem Rot, Gelb und Rosatönen. Mehr als 100 Potsdamer und Gäste haben sich am Sonntag zum 56. Jahrestag des Mauerbaus in der grünen Oase versammelt, von der sie noch vor knapp 30 Jahren nie gedacht hätten, dass sie einmal einen solch idyllischen Anblick bieten würde.

„Gärten träumen immer von einem anderen Ort“, sagt Michael Seiler, ehemaliger Gartendirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Der Gartenhistoriker hat den Wandel der Anlage selbst mitgestaltet, die Mittelpunkt der Gedenkveranstaltung am Sonntag war. Wo sich im Jahr 2017 grüner Rasen, volle Baumkronen und blühende Blumen zeigen, war von 1961 bis 1989 eine Hochsicherheitszone. Vor der Glienicker Lake erstreckte sich die Mauer und davor ein eingepflügter Acker – der Todesstreifen. Hunde patrouillierten vor dem Gelände von Baum zu Baum. Mehrere Menschen verloren an den Grenzanlagen im Park Babelsberg ihr Leben.

Gedenkveranstaltung im Potsdamer Park Babelsberg

Gedenkveranstaltung im Potsdamer Park Babelsberg.

Quelle: Christel Köster

Dass es bei der Aufarbeitung der Zeit des geteilten Deutschlands auch 28 Jahre nach dem Fall der Mauer um mehr als strafrechtliche Rehabilitation und Beileidsbekundungen gehen muss, betonten die Gäste der Gedenkveranstaltung. Landtags-Vizepräsident Dieter Dombrowski (CDU) appellierte im Park an die Opfer der DDR-Diktatur, zur Versöhnung bereit zu sein mit jenen, die ihnen heute schuldbewusst gegenüber stehen. „Man kann diese Versöhnung nicht verordnen“, sagte er, „aber diejenigen, die auf der anderen Seite stehen, müssen das Gefühl haben, dass sie willkommen sind, wenn sie denn wollen.“

Dombrowski wurde am 13. August 1974 wegen „ungesetzlichen Grenzübertritts“ und „staatsfeindlicher Verbindungsaufnahme“ zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er 16 Monate im Stasi-Gefängnis in Cottbus verbüßte. Inzwischen ist er Bundesvorsitzender der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft, in der mittlerweile auch mehrere, ehemalige Gefängniswärter Mitglied sind.

Ehemalige Staatsgrenze der DDR im Babelsberger Park im Oktober 1985

Ehemalige Staatsgrenze der DDR im Babelsberger Park im Oktober 1985.

Quelle: MAZ-Archiv

Auch Brandenburgs Bildungsminister Günter Baaske (SPD) gewährte Einblick in seine persönlichen Erinnerungen an die Zeit der Mauer und regte zum Gedankenaustausch über die Einzelschicksale an. Baaske war gerade drei Jahre alt, als die Mauer in Potsdam errichtet wurde. „Die Bilder und Erlebnisse haben sich bei vielen Menschen tief ins Bewusstsein gebrannt“, sagte er und berichtete in Babelsberg von einem Ostseeaufenthalt im Jahr 1973, das zahlreiche Gäste am Sonntag zu Tränen rührte: Damals entdeckte Baaske gemeinsam mit Rettungsschwimmern am Ostseestrand ein ertrunkenes Mädchen. Später fanden die Grenzsoldaten auch die anderen drei Mitglieder der tschechischen Familie nahe Markgrafenheide. Sie hatten offenbar versucht, mit dem Kajak über die Ostsee zu fliehen.

„Der Bau der Mauer hat Karrieren, Familien, Freundschaften und Bindungen zerstört, die lebenswichtig für viele gewesen wären“, sagte Baaske und verurteilte damit nur wenige Meter von der einstigen innerdeutschen Grenze entfernt die Beweggründe der damaligen DDR-Regierung. Gleichzeitig warnte er vor der aktuellen politischen Entwicklung. „Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen, weil sie freier leben wollen oder weil sie überhaupt leben wollen, über Meere oder über Grenzen fliehen müssen“, sagte er, „und wir dürfen nicht zulassen, dass es Menschen und ein Regime gibt, dass diese Menschen davon abhalten will.“

Ortsvorsteher Winfried Sträter (Groß Glienicker Forum) und Spandaus Oberbürgermeister Helmut Kleebank (SPD) legten an der Gedenkstätte in Gro

Ortsvorsteher Winfried Sträter (Groß Glienicker Forum) und Spandaus Oberbürgermeister Helmut Kleebank (SPD) legten an der Gedenkstätte in Groß Glienicke Kränze nieder

Quelle: Christel Köster

Bereits am Mittag hatten sich etwa 50 Menschen im Potsdamer Ortsteil Groß Glienicke zu einer Kranzniederlegung versammelt. In dem Ort, der unmittelbar vom Mauerbau betroffen war, wird ebenfalls alljährlich am 13. August der Opfer der Mauer gedacht.

Von Victoria Barnack

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