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11:12 31.12.2017
Der Künstler Folakunle Oshun in der Potsdamer City. Quelle: Friedrich Bungert
Potsdam

Manchmal, sagt Folakunle Oshun, fühlt er sich in Potsdam wie ein Geheimagent. Wie ein Spion durchstreift der 33-Jährige seit Anfang Dezember die Stadt – immer auf der Suche danach, was es ausmacht hier zu leben, was die Menschen antreibt. Am Ende dieser Mission aber steht kein Bericht an eine fremde Regierung. Am Ende soll daraus eine Ausstellung, soll Kunst entstehen. Folakunle Oshun ist Kurator aus Lagos in Nigeria. In seiner Heimatstadt, dieser 18-Millionen-Einwohner-Metropole am Atlantik, hat er im Herbst die erste Biennale als künstlerischer Direktor inszeniert – und sich damit einen internationalen Namen in der Kunstszene erarbeitet. Nun ist Oshun in Potsdam und soll – wenn möglich im kommenden Herbst – auch hier eine Ausstellung kuratieren.

Drei Monate bleibt Oshun für seine ersten Recherchen in Potsdam

Oshun ist Gewinner des ersten Kuratorenpreises der Landeshauptstadt – mit 30 000 Euro immerhin der höchstdotierte Kunstpreis, den es in Potsdam bislang gegeben hat. Eine namhaft besetzte Jury wählte Oshun einstimmig aus zahlreichen Vorschlägen aus – und die Stadt lud ihn ein. Seitdem verbringt der ehemalige Student der bildenden Künste hier seine Zeit, in einer Stadt, die er vorher nur grob auf der Landkarte verorten konnte. „Genau dieses Experimentelle, diesen Einfluss von außen wollten wir“, sagt Gerrit Gohlke, künstlerischer Direktor des Brandenburger Kunstvereins und Vorsitzender der Nominierungsjury über das Pilotprojekt, an dem neben der Stadt auch das Land Brandenburg beteiligt ist. Drei Monate bleibt Oshun in einer ersten Recherchephase in Potsdam. Danach, Ende Februar, soll in einem Zwischenbericht ein erstes Konzept vorgestellt werden, das in einer zweiten und dritten Phase realisiert wird.

Beim Spaziergang oder im Lieblingscafé: Er spricht spontan Leute an

Wundern Sie sich also nicht, falls Sie dieser schlaksige Mann mit seinem einnehmenden Lächeln und einem in senffarbenem Leder gebundenem Notizbuch in der Hand anspricht. Denn Folakunle Oshun ist immer auf der Suche nach den Menschen, die hier leben, und ihren Geschichten. Er macht das spontan – beim Spaziergang im Park oder in seinem Lieblingscafé auf der Friedrich-Ebert-Straße. Doch echte, authentische Antworten zu bekommen ist schwierig. Viele Menschen sind verschlossen, wortkarg und reserviert – „konservativ“ nennt Oshun das. Die ehrlichsten Antworten bekam er bislang von drei Zehntklässlern. „Das waren die höflichsten Jugendlichen, die ich je getroffen habe“, sagt Oshun. Die Schüler berichteten authentisch und ungefiltert von der Jugend hier, von den Diskussionen um Geflüchtete und davon hier nach dem Abitur wegziehen zu wollen. Demnächst will Oshun die drei in ihrer Schule besuchen. Vielleicht erwächst daraus sogar ein erster Projektansatz. Denn am Ende soll eine Ausstellung entstehen, die im öffentlichen Raum stattfindet. Am liebsten sogar in den privaten Räumen von Potsdamern, die er bei seiner Recherche getroffen hat, die damit Teil seiner Kunst werden. So jedenfalls sah es das Konzept vor, das Oshun für seine Bewerbung einreichte.

Wundern Sie sich nicht, falls Sie dieser schlaksige Mann mit seinem einnehmenden Lächeln und einem in senffarbenem Leder gebundenem Notizbuch in der Hand anspricht – er ist auf der Suche nach den Menschen, die hier leben, und ihren Geschichten. Quelle: Friedrich Bungert

Doch ob es dabei bleibt, weiß auch der Kurator selbst noch nicht. „Für mich war der Schritt nach Potsdam wie ein Sprung ins Wasser – nur ohne vorher zu prüfen, wie tief es ist“, sagt Oshun. Wichtig sei ihm nur, dass am Ende ein Projekt entsteht, das nicht konventionell oder banal ist, das kein Potsdamer ohne weiteres hätte realisieren können. Wie das aussieht oder ankommt, wird man wohl frühestens im Februar erkennen können. Doch wenn man Oshun zuhört, wie er lebhaft, neugierig und enthusiastisch von seinen bisherigen Erfahrungen erzählt, entsteht der Eindruck, dass er der Richtige für Potsdam ist. Bleibt nur die Frage: Welchen Eindruck bekommt er von der Stadt?

Von Ansgar Nehls

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