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Auf einen Besuch im Landhaus Gugenheim

Tag des offenen Denkmals in Potsdam Auf einen Besuch im Landhaus Gugenheim

Das „Landhaus für Neuvermählte“ im Herzen der Villenkolonie Neubabelsberg ist ein Kleinod. 1921/22 erbaut, verrät die Villa auf den ersten Blick nicht, welch bedeutende Persönlichkeiten hier lebten. Nach turbulenten Jahren, Leerstand und langem Rechtsstreit ist das Haus nun wieder in festen Händen. Zum Tag des offenen Denkmals laden die Besitzer zu sich ein.

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Jörg Limburg von der Unteren Denkmalschutzbehörde schwärmt: „Ein lichtes, sehr stilvolles Landhaus, das nicht pompös ist.“ Davon können sich Interessierte am Tag des offenen Denkmals ein Bild machen.

Quelle: Friedrich Bungert

Babelsberg. Ein Haus, das wollten sie nie besitzen. Sich fest an ein Gemäuer, einen Ort zu binden, sich einem Flecken Land so ganz und gar anzuvertrauen, das wollte sich nicht in ihren Plan vom Leben fügen. Dann riefen Freunde an und sagten, dass es da etwas gäbe, dass sie sich unbedingt anschauen müssten. Es wäre wie für sie gemacht. Schnell! Weihnachten 2006 fuhren sie in die Villenkolonie Neubabelsberg hinüber, hielten am Johann-Strauß-Platz und wussten schon beim Blick durch die rostigen Streben des hohen Eingangstores, dass sie nun doch ankommen würden bei Haus und Garten und einem Flecken Land, auf dem die Kinder groß und sie alt werden können.

„Wir haben dann trotzdem noch ein halbes Jahr lang überlegt, ob wir es wirklich wagen“, sagt die Dame des Hauses, die den Namen ihrer Familie nicht in der Zeitung lesen möchte – „weil es das Haus ist, worum es geht.“ Die Dame steht heute auf der anderen Seite des Tores, das noch immer die Initialen jenes Mannes trägt, der das Haus 1923 vom Vater zur Hochzeit geschenkt bekam: HG – Hans Gugenheim. Das Interesse an diesem 1921/22 erbauten „Landhaus für Neuvermählte“, wie es sein Architekt Hermann Muthesius bezeichnete, ist groß. Als es Mitte der Neunziger besetzt war, beklagten sich die Kommunarden im Magazin „Der Spiegel“ darüber, wie sehr es doch nervt, dass am Wochenende West-Berliner in ganzen Gruppen am Zaun stehen.

Das Tor trägt noch immer die Initialen des ersten Villen-Besitzers

Das Tor trägt noch immer die Initialen des ersten Villen-Besitzers: HG – Hans Gugenheim

Quelle: Friedrich Bungert

Gruppen linsen hier auch zwei Jahrzehnte später noch über den Zaun: Das Landhaus mit der markanten Backsteinfassade und dem hohen Mansardendach ist auf den beliebten Führungen durch die Villenkolonie ein Muss. Nun hat es der Tag des offenen Denkmals zum ersten und vielleicht einzigen Mal im Portfolio. Wer das Haus, seine bestechende Architektur und bis heute fesselnde Geschichte kennenlernen möchte, hat am 10. September die Gelegenheit dazu. Dann öffnen die heutigen Eigentümer nicht nur die Pforte zu ihrem weitläufigen Garten, auf dass man das Landhaus von allen Seiten und aus nächster Nähe begutachten kann. Sie laden auch in das Erdgeschoss ein, in dem sich unter anderem das Wohn- und das Esszimmer und die Küche befinden.

Das Parkett, die Wände, die verglasten Türen: Was der Blick auch immer streift, es offenbart, wie sacht und feinsinnig das Haus restauriert und eingerichtet wurde, wie es die Bewohner und ihr Architekt Philipp Jamme in enger Zusammenarbeit mit der Unteren Denkmalschutzbehörde der Landeshauptstadt in seiner Besonderheit erhalten und doch den heutigen Bedürfnissen folgend weiterentwickelt haben. Was hingegen nicht einmal zu erahnen ist, ist wie schnell die Arbeiten vonstatten gingen. „Wir haben genau ein Jahr saniert“, sagt die Dame des Hauses. „Am 7. Juli 2007 haben die Bauarbeiten begonnen, am 7. Juli 2008 sind wir eingezogen. Und was soll ich sagen? Es ist ein Vergnügen, in diesem Haus zu leben.“

Leben im Denkmal

Leben im Denkmal: Ein Blick durchs Terrassenfenster in den Wohnbereich im Erdgeschoss.

Quelle: Friedrich Bungert

Diesen Satz würde Hans Gugenheim sicher unterstreichen. Doch das Vergnügen währte für den Spross des Textil-Moguls Fritz Gugenheim – seine ebenfalls von Muthesius entworfene Seidenweberei Michels & Cie stand seit 1913 auf dem heutigen Gelände der Märkischen Allgemeinen Zeitung und wurde 1945 zerstört – nicht lange und wurde ihm jäh genommen: 1936 musste der Bankier die Villa und Deutschland verlassen. Ein Schicksal, das er mit den anderen jüdischen Bewohnern Neubabelsbergs teilte. 1938 erwarb die Schauspielerin Brigitte Horney das Haus. Auf der Terrasse schrieb der unter Berufsverbot stehende Erich Kästner unter dem Pseudonym Berthold Bürger das Drehbuch für den Film „Münchhausen“ (1943), einer der letzten Farbfilme der Ufa: Hans Albers und Brigitte Horney spielten die Hauptrollen.

1945 besetzte die Rote Armee das Haus für die Delegationen der Potsdamer Konferenz – Stalin, Truman und Churchill selbst residierten nur eine Zigaretten- beziehungsweise Zigarrenlänge entfernt. 1954 wurde die Villa zum Internat, zunächst für die Filmhochschule „Konrad Wolf“ (heute Filmuniversität), später für die Fachhochschule für Archivwesen. Nach der Wende entbrannte ein langwieriger Streit um das Landhaus: Nicht nur die Horney-Erben meldeten Ansprüche an, sondern auch zwei Gruppen von Gugenheim-Nachkommen. Letztere erhielten die Immobilie schließlich zurück und verkauften sie weiter. Das Haus wechselte dann noch mehrmals den Besitzer, bis Weihnachten 2006 ein Paar, das nie und nimmer ein Haus besitzen wollte, vor dem schmiedeeisernen Tor seinen Lebensplan änderte.

Das Landhaus Gugenheim, Johann-Strauß-Platz 11, ist am 10. September von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Zum Auftakt präsentiert das Royal Roost Project bekannte Jazzstücke.

Denkmale, Musik und andere Köstlichkeiten

Vom 8. bis 10. September präsentiert sich zum 9. Mal der Potsdamer Dreiklang aus Potsdamer Jazztagen, der Kunst-Genuss-Tour und dem Tag des offenen Denkmals.

Der Tag des offenen Denkmals am Samstag, 10. September, steht in diesem Jahr bundesweit unter dem Motto „Macht und Pracht“. Potsdam nimmt das Motto zum Anlass, die Villenkolonie Neubabelsberg in den Mittelpunkt des Ereignisses zu stellen: Dort können insgesamt 22 Villen und Landhäuser gemeinsam mit den Bewohnern bei Kaffee, Kuchen und kleinen Konzerten bestaunt werden.

Potsdam beteiligt sich zum 24. Mal am Denkmaltag. In diesem Jahr öffnen insgesamt 55 Denkmale ihr Türen – mehr als je zuvor –, um über ihre spannende Geschichte und ihre Architektur zu berichten. Im Angebot sind auch thematische Führungen zu historischen Arealen und Gebäudekomplexen. Einige Denkmale, Museen und Institute bereichern den Tag mit einem eigenen Rahmenprogramm, Festen und Aktionen für Familien.

Weiter Informationen unter www.posdamer-dreiklang.de nf

Von Nadine Fabian

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