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Aufarbeitung der Stasi-Ausbildung in Golm

MAZ-Serie zu den Potsdamer Ortsteilen Aufarbeitung der Stasi-Ausbildung in Golm

Zum Uni-Jubiläum wird in Golm an die Juristische Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit erinnert, an der rund 10 000 MfS-Mitarbeiter ihre Ausbildung erhielten. Die Recherche dieses Kapitels war äußerst schwierig, weil viele Unterlagen vernichtet worden waren. Dennoch konnte nun vieles ans Licht gebracht werden.

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Campus der Uni Potsdam in Golm.

Quelle: Marcel Kirf

Golm. Mindestens 10 000 Offiziere und Spitzel der Stasi erhielten in Golm ihren Abschluss, schätzt Iris Stange von der Berliner Zweigstelle des renommierten Instituts für Zeitgeschichte. „Wahrscheinlich waren es aber deutlich mehr“, die die 1951 eingerichtete Kaderschmiede des DDR-Geheimdienstes absolvierten, so die Historikerin. Von mehr als 30 000 Agenten gehen andere Schätzungen aus. Das Problem ist die Aktenlage: die Mannen des Ministeriums für Staatssicherheit, die sich selbst als „Schild und Schwert der Partei“ verstanden, verwischten ihre Spuren, als die DDR zusammenbrach, viele Unterlagen wurden vernichtet, der Standort 1990 „besenrein übergeben“. Für die Universität Potsdam, die den Campus Golm nach der Wende übernahm, hat Stange erforscht, was sich in rund 40 Jahren inmitten des Ortes im Geheimen abspielte. Ihr Aufsatz „Die Juristische Hochschule Potsdam des Ministeriums für Staatssicherheit“ ist im Januar im bebra-Verlag erschienen, als Kapitel des Sammelbands „25 Jahre Universität Potsdam. Rückblicke und Perspektiven“. Am 16. Januar enthüllte Uni-Präsident Oliver Günther auf dem Campus, der seit der Eingemeindung Golms im Jahre 2003 im westlichsten Ortsteil der Landeshauptstadt liegt, eine Bronzeskulptur, die an die Stasi-Vergangenheit erinnert. Die Hochschule ist zwar nicht Rechtsnachfolger der Spitzelschule, zum eigenen Jubiläum aber lässt sie die Vor-Geschichte ihrer Standorte erforschen.

Schautafeln am Neuen Palais, in Golm und in Griebnitzsee geplant

„Zeitzeichen“ heißt ein Ende 2014 aufgelegtes Projekt, das Leonie Kayser am Lehrstuhl für Neuere Geschichte von Professor Manfred Görtemaker betreut. Dieser fungierte auch als Herausgeber des Jubiläumsbandes. „Wir erforschen die Geschichte der drei Universitätsstandorte in der Stadt“, so Kayser. Schautafeln am Neuen Palais, in Golm und in Griebnitzsee sollen künftig über die Ergebnisse informieren. Auf etwa 1,30 Meter mal 80 Zentimeter Fläche wird die Historie in Bildern und Texten erfahrbar gemacht. Über mit mobilen Geräten auslesbare QR-Codes gelangt man auf eine Internetseite mit weiteren Fakten und Fotos. Die Tafel am Neuen Palais wird während der Themenwoche „Uni findet Stadt“ (6. bis 12. Juni) aufgestellt, aber auch die Golmer Tafel soll noch vor dem offiziellen Jubiläumsakt am 15. Juli stehen. Voraussichtlich Ende Juni wird diese installiert. Der abgebildete Zeitraum beginnt bereits in der NS-Zeit, denn auch die Nazis nutzten die Abgeschiedenheit des Ortes bereits.

Die Stasi in Golm

Am 16. Juni 1951 entstand die „Schule des Ministeriums für Staatssicherheit“ in Golm. „In der Folge wurde sie kontinuierlich aufgewertet“, sagt Expertin Irina Stange. Nach den Unruhen am 17. Juni 1953 erhielt die Schule Hochschulrang, 1965 wurde sie zur Juristischen Hochschule umgewidmet.

Obwohl ab Ende der 60er-Jahre auch Promotionen (zum Dr. iuris, ab den 80er Jahren auch zum Dr. scientia iurus) erfolgten, hatte die Ausbildung „definitiv keinen rechtswissenschaftlichen Hintergrund“, so Stange. „Die meisten Doktorarbeiten beschäftigten sich mit operativen Fragestellungen des MfS.“

In der „Schule geschlossenen Charakters“ (Stange) versahen die MfS-Mitarbeiter ihren Dienst, in Uniform und teilweise unter Waffen. Gelebt, studiert und gearbeitet wurde auf dem Campus, der autark funktionierte.

Neben Lehr-, Schlaf- und Essenräumen gab es Freizeitangebote: Sportflächen, Theater, Kneipe und Grillplätze.

Breiten Raum wird allerdings die Stasi-Ausbildungsstätte einnehmen, die einem größeren Publikum durch den Florian Graf Henckel von Donnersmarck-Film „Das Leben der Anderen“ mit Ulrich Mühe, Martina Gedeck und Sebastian Koch bekannt geworden ist. Der auch an Originalschauplätzen in Golm gedrehte Kino-Erfolg wurde 2007 mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet.

Ausstellung zur Stasi-Schule wird überarbeitet

Neben den im Rahmen des „Zeitzeichen“-Projektes entstehenden Schautafeln für alle Standorte (am Neuen Palais wird von Friedrich dem Großen bis in die Gegenwart erzählt, in Griebnitzsee die frühere Nutzung des Areals als Sitz des Deutschen Roten Kreuzes im 3. Reich und als Hochschule für die DDR-Diplomaten thematisiert) ist für das historische Gedenken am Campus Golm noch ein weiterer Baustein vorgesehen. Die von Iris Stange und Thomas Gröbel konzipierte und 2012 bereits gezeigte Ausstellung zur Stasi-Schule bei Potsdam wird in den kommenden Monaten überarbeitet und erweitert und voraussichtlich ebenfalls in den Jubiläumswochen der Uni im Frühsommer neu eröffnet. Auch die im Rahmen dieser Exposition zu sehenden Objekte, Daten, Filme und Fotografien werden dann sukzessive eingearbeitet in das künftige Online-Portal, das über die Vorgeschichte der universitären Standorte informiert.

Von Marcel Kirf

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