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Aufgeschlossen, empathisch, belastbar

Telefonseelsorge Potsdam Aufgeschlossen, empathisch, belastbar

115 Ehrenamtliche engagieren sich derzeit bei der Potsdamer Telefonseelsorge. Die zwei Leitungen in der Landeshauptstadt sind rund um die Uhr mit Mitarbeitern besetzt und fast genauso oft durch Anrufer belegt. Leiterin Beate Müller weiß, dass den Mitarbeitern in jeder Schicht viel abverlangt wird. Sie kennt aber auch die schönen Seiten dieses Ehrenamtes.

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Quelle: dpa

Potsdam. „Manche Gesprächsinhalte kann ich auch nach vielen Jahren nicht vergessen: Unfalltod eines Kindes, nicht mehr therapierbare Krebserkrankung einer Mutter von drei Kindern, Suizid des Freundes, extreme Einsamkeit im Alter“, schreibt ein Mitarbeiter der Potsdamer Telefonseelsorge in der Jubiläumsbroschüre zum 20-jährigen Bestehen der Einrichtung. Von welchem der 115 Ehrenamtlichen das Zitat stammt, sagt Beate Müller nicht. Sie ist nicht nur die einzige hauptamtliche Mitarbeiterin sondern seit 13 Jahren auch Leiterin der Telefonseelsorge Potsdam. Die Anonymität der Anrufer aber auch jener, die jährlich 20 000 Anrufe entgegen nehmen, ist ihr wichtig. Nicht umsonst lautet der Leitspruch der Einrichtung „Anonym. Kompetent. Rund um die Uhr“.

Seit 1. September 1998 ist die Potsdamer Telefonseelsorge 24 Stunden lang an sieben Tagen in der Woche besetzt. Die Kalkulation hinter dem sensiblen Ehrenamt ist hart: Drei Schichten zu je vier Stunden übernimmt jeder Ehrenamtliche pro Monat im Durchschnitt. Hochgerechnet auf die zwei Leitungen, die inzwischen in der Landeshauptstadt geschaltet sind, bedeutet das konkret, dass rund 120 Mitarbeiter nötig sind. „Ausgelastet sind wir immer“, fasst es Beate Müller zusammen. Dass die Kalkulation dennoch mit 115 Ehrenamtlichen aufgeht, hat sie einigen, besonders Engagierten zu verdanken.

Telefonseelsorger schätzen das eigene Leben mehr

Neue Mitarbeiter zu finden, ist schwierig. Denn für die Bürgerinnen und Bürger ist es wesentlich einfacher ein Ehrenamt im Sport- oder Heimatverein zu bekleiden – zumindest was die psychische Belastung angeht. Nicht jeder ist für die Mitarbeite bei der Telefonseelsorge gemacht. „Interessierte sollten Aufgeschlossenheit, Einfühlungsvermögen, Belastbarkeit und Flexibilität mitbringen“, sagt Beate Müller. Ausschlusskriterien gibt es für die kostenlose Grundausbildung nicht. „Unsere Gemeinschaft reicht von Handwerkern über Künstler bis zu Juristen“, beschreibt Beate Müller ihre Ehrenamtlichen.

„Viele von ihnen haben privat selbst viel Unterstützung erfahren und wollen etwas zurückgeben“, sagt sie. Die größte Überraschung ist deshalb für die meisten Mitarbeiter der Potsdamer Telefonseelsorge, dass sie sich durch das Engagement auch selbst weiterentwickeln. „Das Gefühl für das eigene Leben wird dadurch stärker“, erklärt Beate Müller, die nur einmal im Monat Zeit für eine Schicht am Hörer hat, „die Menschen merken dann, wie gut es ihnen eigentlich geht“.

Die Selbstreflexion ist ein wichtiger Bestandteil bei der Ausbildung der ehrenamtlichen Telefonseelsorger. „Unsere Leute sitzen während der Schichten allein am Telefon und müssen deshalb herausfinden, mit welchen Themen sie gut umgehen können“, sagt die Leiterin.

Probetag vor der kostenlosen Grundausbildung

200 Stunden dauert die Ausbildung bei der Telefonseelsorge, die an Wochenenden und abends stattfindet. Vor dem Lehrgangsbeginn können die Interessierten an einem Probetag ausloten, ob der Job wirklich etwas für sie ist. Später werden die Erfahrungen an der Hotline in Hospitationen vertieft. So sollen sich die künftigen Mitarbeiter am Ende ihrer Ausbildung „gut aufgestellt fühlen“, sagt Beate Müller.

Später, im Laufe der ehrenamtlichen Tätigkeit, die einige Mitarbeiter mehrere Jahre lang betreiben, treffen sich die Telefonseelsorger regelmäßig zur sogenannten Supervision. In Gruppen sprechen sie dann über ihre Erfahrungen und tauschen sich über neue und ungewöhnliche Themen aus. Die Mehrzahl der Anrufer beschäftigen Beziehungsprobleme und Streit in der Familie oder unter Freunden.

„Die Telefonseelsorge ist wie ein Seismograph der Gesellschaft“, weiß Beate Müller. Die Einführung des Arbeitslosengeldes II und die Gesundheitsreform beschäftigten viele Anrufer. Heute sind es andere Themen. „Die Vereinbarkeit des eigenen Berufs und der Pflege der Eltern wird öfter besprochen.“ Auch Probleme in Patch-Work-Familien seien noch vor zehn Jahren weitaus seltener thematisiert worden. Zu diesen neuen Gesprächsinhalten werden die ausgebildeten Telefonseelsorger geschult.

Die nächste Ausbildung zum ehrenamtlichen Telefonseelsorger startet im November 2017. Informationen gibt die Geschäftsstelle der Telefonseelsorge unter 0331/97 93 19 15.

Die Telefonseelsorge in Zahlen

Insgesamt 20 647 Anrufe nahmen die 115 ehrenamtlichen Mitarbeiter der Potsdamer Telefonseelsorge im vergangenen Jahr entgegen. 52 Prozent der Anrufenden waren Frauen. Die Mehrzahl der Personen, die den Kontakt suchten, lebten allein (41 Prozent).

Das Alter der Anrufer erfasst die Telefonseelsorge nur punktuell. Stichproben zeigen jedoch, dass die meisten von ihnen bereits älter sind. 35 Prozent machten die 40- bis 59-Jährigen aus. Für Kinder und Jugendliche gibt es mit der „Nummer gegen Kummer“ eine eigene Einrichtung der Telefonseelsorge.

In mehr als einem Drittel aller Gespräche geht es um die Themen Partnerschaft, Familie, Erziehung und Freunde. In jedem fünften Telefonat wird das körperliche Befinden und die Niedergeschlagenheit des Anrufenden thematisiert. Auch die Schule und der Beruf sowie Einsamkeit und Ängste gehören zu den häufigsten Anliegen.

Nur fünf Minuten dauern die meisten Anrufe bei der Telefonseelsorge (44 Prozent). Elf Prozent der Anrufer sprachen länger als 45 Minuten mit einem der Mitarbeiter. Ein Zeitlimit gibt es offiziell nicht.

Von Victoria Barnack

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