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„Aussteiger“ hoffen, bleiben zu dürfen

Wagenhausburg auf Hermannswerder „Aussteiger“ hoffen, bleiben zu dürfen

Seit 16 Jahren leben die „Aussteiger“ auf Hermannswerder und hoffen, dort bleiben zu dürfen. Neunzehn Menschen leben auf dem rund 4000 Quadratmeter großen Grundstück in Ufernähe zusammen. Dreizehn Erwachsene und sechs Kinder – ein Querschnitt der Bevölkerung. Es ist eine Gemeinschaft, in der immer jemand da ist, wenn Hilfe gebraucht wird.

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Die Wagenburg auf Hermannswerder.

Quelle: Marcel Kirf

Templiner Vorstadt. So grün und idyllisch kann Potsdam im Sommer sein: im weitläufigen Garten direkt neben dem Fähranleger auf dem Tornow, auf der dem Kiewitt zugewandten Seite Hermannswerders, blüht und gedeiht, was die Natur aufzubieten hat. Inmitten des Halbrunds der acht zum Schlafplatz umgestalteten Bauwagen dampft frischer Kaffee auf einem kleinen Tisch. Daneben steht eine Glaskaraffe, gefüllt mit klarem Wasser. Gerade gepflückte Minzblätter stecken darin. Stephanie Franke und Thomas Bopp erzählen von den Anfängen der Wagenhausburg auf Potsdams Havelhalbinsel, von den Vorzügen des Lebens in einer Gemeinschaft und von den Begehrlichkeiten, die das Filetgrundstück weckt, auf dem ihr Wohnprojekt nun seit 16 Jahren ein Zuhause gefunden hat.

Neunzehn Menschen leben auf dem rund 4000 Quadratmeter großen Grundstück in Ufernähe zusammen. Dreizehn Erwachsene im Alter von Ende 20 bis Mitte 40 und sechs Kinder. Das Jüngste ist vier Jahre alt, das älteste 14. Größtes Gebäude auf der Parzelle ist eine ehemalige Gaststätte. In dem langgezogenen Flachbau hat gut die Hälfte der Bewohner ein eigenes Zimmer, die anderen haben sich in den Bauwagen draußen einen Schlafplatz eingerichtet. Das Haus ist so etwas wie der Kernbereich einer WG. Hier befinden sich Küche, Bad und Toiletten. Diese Räume werden von allen genutzt. Das eigentliche Herzstück der Anlage aber ist der große Gemeinschaftsgarten.

Seit dem Jahr 2000

Seit dem Jahr 2000 gibt es das Wohnprojekt auf Hermannswerder. Das Grundstück gehört der Stadt Potsdam, sie bot es als Ausweichobjekt an.

Zunächst war nur das ehemalige Restaurant bewohnt. Die Bauwagen kamen im Jahr 2003 dazu.

Anfangs waren es fünf Wagen, heute sind es acht. Mieter ist der Verein Fairwiese e.V., als Vermieter für die Stadt tritt die Arbeiterwohlfahrt auf.

Seit 2009 wird wegen eines neuen Standortes verhandelt. Die Stadt will das Grundstück verkaufen.

An diesem Nachmittag ist es ziemlich still inmitten all des Grüns. Keine tobenden Kinder, niemand unterhält sich mit dem Nachbarn oder hängt die Wäsche auf. Stephanie Franke und Thomas Bopp haben sich heute freigenommen, die meisten anderen sind arbeiten. Oder im Urlaub. Die Kinder haben schließlich noch Ferien. Die Annahme, hier würden Aussteiger und Dorfrevoluzzer leben, ist ein Vorurteil, dem die Wagenhausburg-Bewohner immer wieder begegnen. Doch ziehe es die verschiedensten Menschen in Gemeinschaften, so Stephanie Franke, die seit 18 Jahren so lebt, die vergangenen elf an diesem Ort. „Es ist ein Querschnitt durch die Bevölkerung – von normal bis flippig“, so Franke.

Thomas Bopp wohnt seit anderthalb Jahren in der Burg

Thomas Bopp wohnt seit anderthalb Jahren in der Burg.

Quelle: Marcel Kirf

Thomas Bopp zum Beispiel arbeitet als Pädagoge und widmet sich nebenher einem Aufbaustudium. Steffen, der wenig später dazustößt, ist Zeltwart und Techniker im Potsdamer Kinder- und Jugendcircus Montelino. Und Franke selbst betreut Teilnehmer des Freiwilligen Ökologischen Jahrs, ist Referentin eines Trägervereins. „Für mich ist das Leben in Gemeinschaft der natürliche Weg. Einer, den die Menschen sehr lange gegangen sind. Die Idee, dass zwei oder drei Leute in einer Wohnung zusammenleben, ist viel neuer“, sagt sie.

Das Gelände bietet viel Platz

Das Gelände bietet viel Platz. Man hat es sich dort gemütlich gemacht.

Quelle: Kirf

Die Vielfalt der Berufe und Interessen bereichern die Gemeinschaft. „Ich empfinde das als Horizonterweiterung“, so Franke, „jeder trägt andere Themen in die Gruppe.“ Die Dinge des Alltags – Haus- und Gartenpflege, Reparaturen, das Bezahlen von Rechnungen, das Lösen von Problemen – werden im Plenum besprochen. Jeder hat ein Mitspracherecht, Entscheidungen werden einvernehmlich getroffen. „Und wenn es mir privat schlecht geht, ist immer jemand da, an den ich mich wenden kann“, berichtet Thomas Bopp, der erst vor anderthalb Jahren hier einzog. Niemand muss sich in der persönlichen Krise öffnen, doch wer nach Trennungen oder beruflichen Rückschlägen eine Schulter braucht, ein Ohr, wird fündig werden, wird aufgefangen. „Immer mehr Leute vereinsamen, wir sind füreinander da“, sagt Steffen. „Das gilt im übrigen auch für Erfolge, die man teilen möchte“, ergänzt Franke. Diese Errungenschaften verteidigen die Wagenhausburg-Bewohner. Seit Jahren will die Stadt, die dem Projekt im Jahre 2000 das damals brachliegende Areal zur Miete überließ, das Grundstück verkaufen. Mehrere Millionen sei es inzwischen wert, sagen Gutachten.

Die Message ist eindeutig

Die Message ist eindeutig: Man hofft, bleiben zu können.

Quelle: Kirf

Nachdem die vollständige Auflösung und die Umsiedlung nach Golm vom Tisch zu sein scheinen, hoffen die Bewohner nun auf eine gütliche Einigung – und darauf, wenigstens auf Hermannswerder bleiben zu können.

Von Marcel Kirf

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