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Potsdam Seine letzten Zeilen
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09:08 13.08.2018
Im Exil gab er die Hoffnung auf ein gutes Ende nie auf: Fritz Hirschfeld (l.) am 23. August 1940 am Strand von Noordwijk. Quelle: Repro: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Ein unbekanntes Schicksal. Ein Schicksal, das doch so zwingend, so unausweichlich über ihn gekommen ist. Fritz Hirschfeld ist ein Mann von 58 Jahren, als sich seine Spuren im Herbst 1944 in Auschwitz verlieren – und die ganze Welt weiß, was das bedeutet. Nach Jahren der Flucht im Konzentrationslager ermordet, ist Fritz Hirschfeld einer der jüdischen Juristen aus dem Landgerichtsbezirk Potsdam, an die in diesen Tagen eine kleine, aber berührende Ausstellung im Justizzentrum an der Jägerallee erinnert – und die nun unerwartet Zuwachs bekommt.

Geblieben ist nicht viel von Fritz Hirschfeld. Sein Name, sein Geburtsdatum, ein paar Fotos und eine Fülle von behördlichen Eintragungen, die so wenig von seinem Leben berichten und so viel von den Demütigungen, denen er und seine Familie nach der Machtergreifung der Nazis 1933 ausgeliefert waren. Geblieben ist aber auch ein Abschiedsbrief, den Fritz Hirschfeld am 19. April 1943, dem Tag vor seiner Deportation, schrieb. Ein paar Zeilen an Menschen, die er im niederländischen Exil seine Freunde nennen konnte – einer von ihnen ist der heute 95 Jahre alte Leonardus Teulings. Er hat seine Tochter von Nimegen aus in das Land entsandt, aus dem Fritz Hirschfeld einst vertrieben wurde: Myriam Teulings hat dem Landgericht ein paar Bücher – von Hirschfeld auf Maschine getippte philosophische und religiöse Betrachtungen – übergeben. Und eine Abschrift jenes Briefes.

„Denn nach Abschied ist mir im Grunde gar nicht zumute“

„Meine Lieben, alle“, schreibt Fritz Hirschfeld. „Der heutige Tag ist mit Packen ausgefüllt. Und das ist gut so. (...) Zwischendurch nun diesen Gruß an Euch, Ihr Lieben in dem Lande, das nun vier Jahre lang so etwas wie eine Heimat für mich war. Ich will keine Worte des Abschieds schreiben. Denn nach Abschied ist mir im Grunde gar nicht zumute. (...) Gott gebe uns allen ein frohes Wiedersehen, bei dem wir dann die Erinnerungen an diese und die kommenden Tage austauschen können. Der Friede des Herren sei mit Euch allen! Stets Eurer Oom Fritz.“

Die Präsidentin des Potsdamer Landgerichts, Ellen Chwolik-Lanfermann, mit einem Teil der überreichten Gegenstände aus Fritz Hirschfelds Nachlass. Quelle: Bernd Gartenschläger

Fritz Hirschfeld, davon künden diese Worte, blieb bis zuletzt ein unerschütterlicher Optimist. „Er hat sein schreckliches Schicksal mit solch Würde getragen und andere noch gestärkt und ihnen Mut gemacht“, sagt die Präsidentin des Landgerichts Potsdam, Ellen Chwolik-Lanfermann: „Das hat mich tief beeindruckt.“ Die Ausstellung sei ihr eine Herzensangelegenheit, die sich nach der Einführung ins Amt Ende 2017 unbedingt erfüllen wollte. „Es ist wichtig, zu erinnern, zu mahnen und in Zeiten zunehmender antisemitischer Übergriffe zu zeigen, wohin so etwas führt.“ Sie hoffe, dass auch Schulklassen die Ausstellung besuchen.

Durch einen glücklichen Zukunft von der Ausstellung erfahren

Myriam Teulings kannte den Freund ihres Vaters und ihrer drei Tanten nicht persönlich, doch er ist ihr seit Kindesbeinen an ein Begriff. „Es wurde über ihn gesprochen wie über einen nahestehenden Verwandten, einen verstorbenen Onkel“, erzählte sie bei ihrem Besuch in Potsdam. Von der Ausstellung habe sie durch einen glücklichen Zufall erfahren. „Als ich meinem Vater davon berichtete, bat er mich, doch bitte nach Potsdam zu fahren, um die Gegenstände, die er hat, mit einzubeziehen.“

Leonardus Teulings (95) schickte seine Tochter Myriam auf eine besondere Mission nach Potsdam. Quelle: Repro: Bernd Gartenschläger

Leonardus Teulings war ein junger Kerl, als er Fritz Hirschfeld begegnete und sogleich von ihm angetan war. Er beschreibt den Juristen als einen ruhigen, mutigen Menschen – er habe auf ihn einen unauslöschlichen Eindruck gemacht. Niemals habe er geklagt, niemals von seinem Elend, von den Sachen, die ihm zugestoßen waren, erzählt. „Er blieb allzeit der, der er war. Wohl auch, als er im Güterwaggon transportiert wurde. Ich bin mir sicher, dass er in der elendesten Lage noch einen positiven Einfluss auf die Leute um ihn herum hatte.“

Geboren 1886 Berlin, dort aufgewachsen und zur Schule gegangen, ließ sich Hirschfeld nach dem Ersten Weltkrieg in Potsdam nieder. Von 1919 bis 1921 war er als Rechtsanwalt zugelassen, wechselte in den Staatsdienst, wurde 1926 zum Amtsrichter und 1927 zum Vorsitzenden des Arbeitsgerichts ernannt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten drohte Fritz Hirschfeld Berufsverbot. Er wurde „vom Dienst beurlaubt“, konnte aber eine Ausnahmeregelung für sich beanspruchen, hatte er doch für seinen Kampfeinsatz im Ersten Weltkrieg das Eiserne Kreuz II. Klasse und das Verwundetenabzeichen erhalten.

Im Februar 1939 ließ er zurück, was ihm lieb und teuer war

Der Aufschub währte nicht lang. Zum 1. Januar 1936 musste Fritz Hirschfeld, der 1935 zum Katholizismus konvertiert war, für die Nazis aber weiterhin als Jude galt, mit dem allgemeinen Berufsverbot für jüdische Beamte zwangsweise „in den Ruhestand treten“. In der Pogromnacht 1938 kam er in Haft – für die Freilassung musste er sich verpflichten, Deutschland zu verlassen. Im Februar 1939 ließ Fritz Hirschfeld in Potsdam zurück, was ihm lieb und teuer war: seine schwer kranke, nicht reisefähige Frau Grete und sein Haus, das Maimi von Mirbach, eine Freundin der Familie, erwarb, so dass Hirschfeld die fällige „Fluchtsteuer“ bezahlen konnte. Seine Tochter Änne-Dorle erreichte als 13-jährigesMädchen mit einem Kindertransport Großbritannien, er selbst suchte Unterschlupf in den Niederlanden. Die Bemühungen, von dort aus in ein anderes, sicheres Land zu emigrieren, scheiterten. Im Herbst 1941 vom Deutschen Reich ausgebürgert, wird Fritz Hirschfeld im Sommer 1942 in das KZ Westerbork verschleppt, im Frühjahr 1943 nach Theresienstadt und im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert.

Verlängert bis 31. Dezember 2018

Der Landgerichtsbezirk Potsdam umfasste die Amtsgerichte in Baruth, Beelitz, Belzig, Brandenburg, Dahme, Jüterbog, Luckenwalde, Potsdam, Rathenow und Treuenbrietzen, außerdem die Kammer für Handelssachen in Brandenburg und Potsdam.

Anfang 1933 waren an diesen Gerichten 62 Richter und Staatsanwälte als Beamte im höheren Justizdienst und 78 Rechtsanwälte tätig. Von diesen 140 Juristen waren jüdischer Herkunft: sieben Richter, ein Staatsanwalt und 21 Rechtsanwälte. 16 von ihnen lebten in Potsdam, vier in Luckenwalde, jeweils einer in Belzig, Friesack und Rathenow. Außer diesen 29 Juristen waren in Potsdam ein Gerichtsassessor, ein Referendar und ein Jurastudent von der Verfolgung betroffen.

Die Ausstellung „Verfolgung jüdischer Juristen des Landesbezirkes Potsdam“ wurde verlängert ist noch bis Ende des Jahres im Justizzentrum an der Jägerallee zu sehen. Geöffnet ist Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr. Schulgruppen haben die Möglichkeit, Führungen zu vereinbaren. Zusätzlich zu den bereits ausgestellten Tafeln präsentiert das Justizzentrum ab Montag, 20. August, einen Einblick in den Nachlass von Fritz Hirschfeld.

Eine weitere Gelegenheit, das Justizzentrum zu besuchen, ist der Tag des offenen Denkmals am 9. Septmber. Das an der Jägerallee gelegene Gebäude wurde einst als Unteroffiziersschule von 1826 bis 1828 im Auftrag von König Friedrich Wilhelm III. nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel errichtet und von 1865 bis 1867 sowie 1910 erweitert wurde. nf

Von Nadine Fabian

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