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Rektor Bisky erkämpfte Freiheiten in der DDR

Erinnerungen ans Studium an der Rektor Bisky erkämpfte Freiheiten in der DDR

Mit dem Blick auf die tödliche innerdeutsche Grenze studierten einst die Talente der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf". Die Studiengänge waren in verstreut gelegenen Villen am Griebnitzsee untergebracht. Der letzte Rektor in der DDR war Lothar Bisky. Studenten erinnern sich an die legendäre Zeit.

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Babelsberg. Jeder der damals rund 200 Studenten der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" (HFF) verfügte deshalb über einen Grenzausweis, der ihm erlaubte, nah ans Niemandsland zu gelangen. Wegen der besonderen Lage und wegen des als renitent geltenden Filmnachwuchses hatte das Ministerium für Staatssicherheit die 1954 gegründete HFF im Fokus. Insgesamt 32 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) befanden sich unter Studenten und Angestellten, sagte Jutta Braun, Mitarbeiterin des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam, am Mittwochabend bei einer Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung. Jutta Braun nahm in ihrem Vortrag die HFF "in der Ära Bisky" unter die Lupe. Der im vergangenen Herbst im Alter von 71Jahren verstorbene Linken-Politiker Lothar Bisky war von November 1986 bis 1990 Rektor der HFF und wurde bereits während seiner Amtszeit zur Legende.

LOTHAR BISKY

  • Lothar Bisky (1941-2013) studierte von 1962 bis 1963 Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität, von 1963 bis 1966 Kulturwissenschaften an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Ab 1966 war er am Leipziger Zentralinstitut für Jugendforschung tätig.
  • 1980 war Bisky Dozent an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED. 1986 folgte er dem Ruf als Professor an die HFF.
  • Nach seiner Zeit als HFF-Rektor ging Bisky in die Politik, hatte verschiedene Funktionen. Im Brandenburger Landtag war Bisky von 1990 bis 2005 PDS-Fraktionschef, stand dreimal der Bundes-PDS und der Nachfolgepartei Die Linke vor. Von 2009 bis 2013 war er Abgeordneter des EU-Parlaments. 

Bisky habe "schlagartig einen Klimawandel" hin zu einer offeneren, freieren Filmhochschule eingeleitet, so Jutta Braun. Der neue Rektor habe zwar beruflich wie privat zur politischen (SED-)Elite gehört, seine Funktion aber zugunsten der Studenten eingesetzt, sich schützend vor sie gestellt, wenn mal wieder ein zu kritischer Studentenfilm im berüchtigten "Kellerarchiv" der HFF verschwinden sollte. "Lothar war ein sensibler, kunstsinniger Mensch, der Schritt für Schritt das Klima an der Schule veränderte", erinnerte sich am Mittwoch der preisgekrönte Regisseur Andreas Kleinert ("Die Frau von früher"), der von 1984 bis 1989 an der HFF studierte. "Wir wollten Filme machen und waren keine Widerständler." Dennoch eckte Kleinert mit seinen Arbeiten wie "Das letzte Zimmer" an, empfand jedoch Verbote "von oben" als Form der Wertschätzung - und wäre fast vom Studium relegiert worden. Dank Biskys Einsatz durfte Kleinert bleiben.

Diskutierten in der Landeszentrale für politische Bildung: Andreas Kleinert, Thomas Frick und Jutta Braun (v.l.).

Quelle: Bernd Gartenschläger

Der Rektor erkämpfte den Studenten ungeahnte Freiheiten und schaffte es, sie mit ihren Filmen zu Festivals in den Westen zu schicken. Auf diese Weise erlebte Kleinert den Mauerfall am 9. November 1989 in München. Im Frühjahr des selben Jahres durfte Filmstudent Andreas Dresen, heute ein gefeierter Regisseur ("Wolke 9"), in Paris den Duft der großen weiten Welt schnuppern und kehrte beschwingt zurück: "Jeder von uns muss das sehen", schrieb Dresen damals an die HFF-Wandzeitung. Manchmal durften Studenten erst im letzten Moment "rüber" - so etwa Bernd Sahling, dem die SED-Oberen "wegen Sicherheitsbedenken" eine Reise zum Filmfest nach Hamburg verweigert hatten. Bisky musste ohne seinen Regie-Studenten fahren, erhielt in Hamburg vom Hotelpersonal eines Abends aber eine erfreuliche Nachricht: "Bernd Sahling liegt in ihrem Bett."

Auch als die Studenten im Herbst 1989 drängten, die Demonstrationen in der Republik zu filmen, gab Bisky grünes Licht und ließ Kameras und Material ausreichen. Gefilmt wurde in Leipzig, Dresden und rund um die Gethsemanekirche, das Berliner Widerstandszentrum. Ganz in der Nähe wohnte der damalige HFF-Student Thomas Frick, heute Produzent, Regisseur und Dozent, der dort ins aufregende Geschehen eintauchte: "Ich wollte etwas verändern statt abzuhauen." Für seine Wende-Doku "Zehn Tage im Oktober" erhielt Frick etliche Preise. Einen "politischen Restgeist" machte Kleinert, seit 2006 Regie-Professor, auch in der Post-Bisky-Ära weiterhin an der künftigen Filmuniversität aus. "Deshalb suchen wir ja die rebellischen Studenten - und nehmen sie viel lieber als die angepassten - nur sind sie leider nicht mehr so leicht zu finden", bedauerte Kleinert.

DIE HOCHSCHULE FÜR FILM UND FERNSEHEN

  • Die Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" (HFF) ist die einzige Kunsthochschule Brandenburgs und die älteste und größte Filmhochschule in Deutschland. Sie hat Promotionsrecht.
  • Die Gründung erfolgte 1954 als Deutsche Hochschule für Filmkunst. Erster Rektor war Kurt Maetzig. Er hatte das Amt zehn Jahre inne. 1969 wurde die Einrichtung in Hochschule für Film und Fernsehen der DDR umbenannt. Im Jahr 1985 erhielt sie den Namenszusatz nach dem Regisseur Konrad Wolf.
  • Präsidentin der Hochschule ist seit 2013 Susanne Stürmer.
  • Anfang kommenden Monats – zum 60-jährigen Bestehen – wird aus der Schule die „Babelsberg Filmuniversität "Konrad Wolf’".
  • Es werden unter anderem die Studiengänge Drehbuch/Dramaturgie, Filmmusik, Kamera, Film- und Fernsehproduktion, Szenografie, Schauspiel und Medienwissenschaften angeboten.
  • Die Studierenden des Studiengangs Medienwissenschaften organisieren jedes Jahr das größte Studentenfilmfest Europas, „Sehsüchte“.
  • Bekannte HFF-Absolventen sind unter anderem die Schauspielerin Annekatrin Bürger, der Regisseur und DDR-Bürgerrechtler Konrad Weiß und die Schriftstellerin und Drehbuchautorin Helga Schütz.

Von Ricarda Nowak

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