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Badestelle in der Schweinebucht

Erinnerungen an Potsdamer Exklave Badestelle in der Schweinebucht

Der Historiker Wilfried Hanisch (82) lebte seit 1962 in der Potsdamer Exklave zwischen dem KGB-Städtchen an der Großen Weinmeisterstraße, dem Neuen Garten und den Grenzanlagen vom Jungfernsee. Er berichtet von einer denkwürdigen Einwohnerversammlung mit der damaligen Potsdamer Oberbürgermeisterin und dem Chef der Grenztruppen Berlin im März 1965.

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Wilfried Hanisch (82) an einem Lageplan zum „Geschichtspfad Sowjetisches Militärstädtchen“ in der Straße Am Neuen Garten.

Quelle: Volker Oelschläger

Potsdam. Äußerst ungewöhnlich war die Einwohnerversammlung am 17. März 1965 in der Bertinistraße, von der Wilfried Hanisch (82), einer der damaligen Teilnehmer, berichtet. Potsdams Oberbürgermeisterin Brunhilde Hanke und der Chef der Grenztruppen Berlin, ein Generalmajor Helmut Poppe, informierten die Anlieger des nördlichen Zipfels der Nauener Vorstadt über die bevorstehende Verlagerung der Grenzübergangsstelle für den Schiffsfrachtverkehr von Nedlitz zur Bertini-Enge auf dem Jungfernsee.

„Ein Stabsoffizier des Generals erläuterte auf großflächigen Tafeln die geplante Anlage“, sagt Hanisch. Die Anwohner seien auch darüber informiert worden, dass der Weg unterhalb der Gutmann-Villa als neuer Schiffsanleger verbreitert werden soll und dass es in der Enge eine Kontrollstelle geben werde. Selbst das auf dem Seeboden liegende eiserne Netz, mit dem die Schiffspassage nachts versperrt wurde, sei dort vorgestellt worden.

Potsdamer Historiker wie Hannes Wittenberg oder Thomas Wernicke hörten von der MAZ dazu befragt zum ersten Mal von dieser Veranstaltung. Auch Brunhilde Hanke (86) konnte sich am Mittwoch nicht aus dem Stand daran erinnern. Einwohnerversammlungen habe es bei gravierenden Veränderungen im Grenzgebiet allerdings gegeben, sagte die einstige Oberbürgermeisterin: „Die Leute mussten ja informiert werden über ihre Rechte und Pflichten.“

Bis dahin hatten die Anwohner laut Hanisch freien Zugang zum Jungfernsee – trotz des Mauerbaus vom 13. August 1961. Manche angelten dort, manche hatten ein Boot, gebadet wurde in der „Schweinebucht“ unterhalb der Villa Jacobs. Nun änderte sich das.

Hanisch ist einer der letzten Zeitzeugen, die bis heute in dem Viertel geblieben sind. Fragte man ihn damals, wo er wohnt, habe er gesagt: „Zwischen den drei Zäunen.“ Im Süden war hinter einer Bretterwand ein sowjetisches Militärobjekt, das heute als Sitz des sowjetischen Geheimdienstes KGB-Städtchen genannt wird. Im Norden war der Jungfernsee mit dem Grenzübergang nach West-Berlin, im Osten die Mauer des Neuen Gartens.

Hanisch kam 1962 nach Potsdam. Als junger Historiker war er am Aufbau des 1958 gegründeten Instituts für Deutsche Militärgeschichte beteiligt, einer Einrichtung der Nationalen Volksarmee mit Sitz in der Villa Ingenheim an der heutigen Zeppelinstraße. Zuletzt war er dort Leiter der Abteilung Militärgeschichte der DDR und anderer sozialistischer Staaten.

Von Anfang an wohnte der Historiker in der Straße Am Neuen Garten kurz vor der Einmündung der Großen Weinmeisterstraße. Für die Anwohner des Viertels vom Grünen Haus am Heiligen See bis hinüber zur Bertini- und zur Höhenstraße gab es nur eine Straßenverbindung in die Stadt: den Wirtschaftsweg des Schlosshotels Cecilienhof im Neuen Garten.

Mit der Verlegung der Kontrollstelle sei zunächst ein schmaler, unbewohnter Uferstreifen an der Bertinistraße abgesperrt worden, später sei eine Mauer vor der Kontrollstelle mit dem heute denkmalgeschützten Wachturm hinzugekommen. Der Neue Garten war schließlich vom Ufer des Jungfernsees bis hinunter zum Grünen Haus gesperrt. Frei blieb davor nur der Streifen zum Heiligen See. Ein bewohntes Sperrgebiet, das auch von den Anrainern nur mit Passierschein betreten werden durfte, gab es lediglich jenseits des Neuen Gartens in der Schwanenallee.

Diesseits des abgesperrten Geländes am Heiligen See „wurde ähnlich wie heute auf den Parkwegen, zum Teil unmittelbar entlang des Grenzhinterlandzauns, gejoggt und in der neuen Badestelle im nordöstlichen Teil des Heiligen Sees gebadet“, sagt der Historiker, „allerdings nicht so umfangreich wie heute und ohne FKK-Liegewiesen“.

Wie berichtet, bemüht sich ein Verein „Erinnerungsorte Potsdamer Grenze“ um die Bewahrung letzter Zeugnisse der DDR-Grenze am Jungfernsee. Mit einem vom Verein und dem Zentrum für Zeithistorische Forschungen Potsdam initiierten Projekt „Todesstreifen im Weltkulturerbe“ soll die Geschichte des DDR-Grenzregimes am Jungfernsee von Nedlitz bis zur Babelsberger Enge aufgearbeitet werden.

Forschungsprojekt „Todesstreifen im Weltkulturerbe“

„Todesstreifen im Weltkulturerbe“ ist der Titel eines Forschungsprojektes, mit dem die Geschichte des DDR-Grenzregimes am Jungfernsee aufgearbeitet werden soll. Ausgangspunkt des Projektes war der Streit um die Bewahrung letzter Zeugnisse der Grenzübergangsstelle (Güst) Nedlitz, die in den 1960er Jahren in die Glienicker Enge auf dem Jungfernsee verlegt wurde.

Der Grenzübergang auf dem Jungfernsee ist nach Einschätzung von Jan Fiebelkorn-Drasen, Sprecher des Vereins, bedeutend, weil über ihn ein großer Teil der Versorgung West-Berlins abgewickelt wurde. Zudem sei auch dieses Teil einer Grenze gewesen, über die Menschen flüchteten und an der Menschen starben. Nach der Rekonstruktion und Neugestaltung der Ufer des Jungfernsees gebe es kaum noch Bauten, die an diese Zeit erinnern. Die Geschichte verschwinde „heute unter der Schönheit des Weltkulturerbes“.

Initiiert wurde das vom Land geförderte Projekt vom Verein „Erinnerungsorte Potsdamer Grenze“ und dem Zentrum für Zeithistorische Forschungen. Neben den Grenzanlagen soll auch der Alltag im unmittelbaren Hinterland erforscht werden. Mittelfristig sind ein Erinnerungsweg mit Stelen und ein Erinnerungsort im Umfeld des Wachturms an der Bertinistraße geplant.

Hanisch hat die ersten Veröffentlichungen darüber mit Interesse gelesen. Er berichtet auch vom Alltag in diesem Niemandsland zwischen KGB-Viertel, Jungfernsee und Neuem Garten. Einwohnerversammlungen gehörten dazu, von denen jedoch keine zweite so außergewöhnlich war wie jene vom März 1965. Probleme, die die Bewohner in der Exklave lange beschäftigten, waren eine Beleuchtung für die Straße Am Neuen Garten bis zum sowjetischen Tor, die sie schließlich in Eigeninitiative anlegten, der Kampf um eine Busverbindung von der Innenstadt in die Höhenstraße, die es heute noch gibt, und für einen überdachten Fahrradständer am Ausgang des Neuen Gartens für die Leute, die von dort aus zur Straßenbahn weiterliefen.

Eines der Dauerthemen sei das Angebot im Konsum gewesen, den man in einem Stallgebäude der Villa Mendelssohn Bartholdy an der Bertinistraße eingerichtet hatte. Dort hätten nicht nur Grenztruppen eingekauft: „Das war der Lebensmittelladen für ein ganzes Wohngebiet.“

Von Volker Oelschläger

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