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Kulturgesetz „wäre eine Katastrophe“

Neue Barberini-Direktorin im Gespräch Kulturgesetz „wäre eine Katastrophe“

Die künftige Barberini-Direktorin Ortrud Westheider erklärt, wie sie Potsdam für Plattners Kunstsammlung begeistern will. Im Streit um das geplante Kulturschutzgesetz des Bundes stellt sie sich klar auf die Seite ihres neuen Arbeitgebers Hasso Plattner. Wie er hält auch Westheider die Pläne für katastrophal für Kunstsammler.

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Ortrud Westheider

Quelle: dpa

Innenstadt. Die Kunsthistorikerin und langjährige Direktorin des Bucerius Kunst Forums in Hamburg, Ortrud Westheider, wird ab April 2016 das neue Museum Barberini leiten.

MAZ: Frau Westheider, Sie wurden vom Stifter Hasso Plattner gefragt, ob Sie die Leitung des entstehenden Museums Barberini übernehmen wollen. Haben Sie lange gezögert?

Ortrud Westheider: Nein, es war eine schnelle Entscheidung, doch das heißt nicht, dass sie mir leicht gefallen ist. 14 Jahre am Bucerius Kunst Forum, davon zehn als Leiterin in diesem besonderen Haus mitten in Hamburg, mit tollen Kollegen und der großartigen ZEIT-Stiftung im Hintergrund – so etwas gibt niemand gern auf. Aber was Herr Plattner hier in Potsdam macht, ist etwas ganz Besonderes. Dieses Haus aufzubauen und diese Sammlung beim Wachsen begleiten zu können, ist eine aufregende Aufgabe, da musste ich einfach „Ja“ sagen.

Aber Potsdam hat doch nicht die Ausstrahlungskraft wie das große Hamburg, oder?

Westheider: Warum nicht? Potsdam ist eine Landeshauptstadt mit Charakter, es hat eine lebendige Wissenschaftsszene, ist international bekannt. Und bald hat es auch ein großes Kunstmuseum. Sie sollten Ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen.

Kannten Sie Hasso Plattner schon?

Westheider: Nein, ich kannte ihn vorher nicht persönlich. Er hat mich kontaktiert und nach Potsdam eingeladen. Dabei hatten wir sofort einen guten Draht zueinander und stellten fest, dass wir ein ähnliches Verständnis und ähnliche Vorstellungen von Kunst haben. Hasso Plattner ist ein leidenschaftlicher Sammler, wir haben uns intensiv über die Bilder seiner Sammlung, seine zukünftigen Schwerpunkte und Pläne unterhalten.

Welche Ausstellungen und Veranstaltungen dürfen wir denn erwarten?

Westheider: Ich bin gerade erst dabei, das Programm für die ersten Jahre in groben Zügen zu entwerfen, spreche mit Museen und möglichen Gastkuratoren über verschiedene Projekte. Eins kann ich aber schon sagen: Wir planen ein sehr abwechslungsreiches Programm mit einer großen Bandbreite von Kunst. Piranesi passt ebenso so ins Museum Barberini wie Claude Monet, die Impressionisten werden ebenso Teil der Ausstellungen sein wie die Klassische Moderne. Und natürlich spielt die Sammlung Plattners immer wieder eine besondere Rolle.

Mit Hamburg verbunden

Ortrud Westheider studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Germanistik in Münster und Hamburg und wurde 1993 promoviert.

2006 übernahm sie die künstlerische Leitung und wurde Herausgeberin der Schriften des Bucerius Kunst Forums. Seit 2013 ist sie Mitglied des Hochschulrats der Hochschule für bildende Künste Hamburg.

Im April 2016 soll sie Leiterin des Museums Barberini in Potsdam werden.

Bei der ständigen Ausstellung macht sich Herr Plattner ja Sorgen wegen des kommenden Kulturschutzgesetzes. Er drohte schon, nicht seine ganze Sammlung nach Potsdam zu bringen. Haben Sie darüber schon mit ihm gesprochen?

Westheider: Natürlich, das ist ja ein ganz wichtiges Thema! Das geplante Gesetz wäre in der Version, wie sie jetzt kursiert, eine Katastrophe für den Kunststandort Deutschland und würde nicht nur Plattner abschrecken, sondern auch viele andere Sammler, Mäzene und Künstler. Aber ich bleibe optimistisch: Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Gesetz so verabschiedet wird.

Warum nicht?

Westheider: Statt wichtige Kunst im Land zu halten, würde das Gesetz verhindern, dass sie überhaupt erst nach Deutschland kommt. Das ist absurd. Zweitens: Bilder eines französischen Malers wie Monet, die noch nie in Deutschland waren und jetzt in den USA hängen, sollen plötzlich nationales deutsches Kulturgut sein? Das klingt auch nicht gerade plausibel. Und drittens: Nach dem Protest von Künstlern und Sammlern ist ja Bewegung in die Sache gekommen. Es zeichnet sich schon ab, dass die Politik nachdenkt und nachbessert. Wie gesagt: Ich bin optimistisch.

Wie viele Exponate wird die sicher kommende Sammlung umfassen?

Westheider: Bei der Diskussion um das Kulturgutschutzgesetz gerät oft eines in Vergessenheit: Hier geht es um die Zukunft der Sammlung nach Hasso Plattners Tod. Bis dahin vergeht hoffentlich noch viel Zeit. Jetzt werden wir erstmal mit diesen wunderbaren Bildern arbeiten, für die Ausstellungen können wir sie ja in jedem Fall nutzen.

Trotzdem sind wir natürlich neugierig. Dürfen wir mit um die 100 Exponate rechnen?

Westheider: So viele Bilder umfasst fast schon die große Sammlung mit Werken aus der DDR, die in jedem Fall ein wichtiger Teil des Museums wird. Darüber hinaus hat Herr Plattner in vielen Jahren in meinen Augen eine der schönsten und geschlossensten privaten Kunstsammlungen aufgebaut, die es in Europa gibt.

Und welche Epochen werden abgedeckt?

Westheider: Zur Zeit gibt es Werke aus dem 18. bis 21. Jahrhundert. Aber denken Sie daran: Die Sammlung verändert sich ständig und wächst. Ein wichtiger Schwerpunkt ist der Impressionismus – sowohl der deutsche als auch der französische. Darunter sind sensationelle Ausstellungsstücke, um die uns jedes Museum auf der Welt beneidet.

Sie kündigten an, der Impressionismus soll auch Forschungsgegenstand sein. Passt das zu Potsdam?

Westheider: Natürlich! Impressionismus ist die Kunst der Landschaft, was sollte besser zu den Schlössern und Gärten Potsdams passen?

Werden Sie dafür auch mit den hiesigen Instituten zusammenarbeiten?

Westheider: In Potsdam gibt es viele hervorragende geisteswissenschaftliche Institutionen, mit denen wir liebend gern in Austausch treten. Es wird eine meine ersten Aufgaben sein, ihnen einen Antrittsbesuch abzustatten.

Sie haben das Bucerius Kunst Forum mit Erfolg geleitet. Gibt es eine Maxime, an die Sie sich halten?

Westheider: Es gibt nicht ein Erfolgsgeheimnis, sondern zwei. Und die gelten auch für Potsdam. Erstens: Qualität statt Masse. In Hamburg nannten wir das den „konzentrierten Blick“. Kunst soll nicht einfach vorbeirauschen. Achten Sie einmal darauf, in wie vielen großen Museen Sie schlafende Besucher sehen oder wie viele Leute nach zwei Stunden im Museum kein einziges Bild mehr nennen können, das sie beeindruckt hat. Wir wollen in der typischen Aufmerksamkeitsspanne von 45 Minuten oder einer Stunde interessante und neue Einblicke in Kunst bieten, an die man sich erinnert. Genau das hat uns in Hamburg Profil gegeben. Zweitens: Erkenntnis statt Event. Es klingt selbst für manche regelmäßige Museumsbesucher erst einmal überraschend, aber ohne wissenschaftliche Beschäftigung gibt es keine guten Ausstellungen. Besucher spüren instinktiv, ob eine Ausstellung nur eine Ansammlung von Bildern ist oder wirklich neue Blickwinkel öffnet. Außerdem gewinnt man nur so die wirklich bedeutenden Leihgeber. Ein Museum of Modern Art oder eine National Gallery in London überzeugen Sie nicht mit Geld oder schönen Marketingsprüchen, von beidem haben die genug. Wenn Sie aber mit einer wirklich neuen These überzeugen und diese an Originalen zeigen wollen, erkennen die das auch an. Und dann öffnen sich plötzlich Türen.

Da sind wir gespannt auf die neuen kunsthistorischen Thesen, die aus Potsdam kommen. Doch von der Kunst abgesehen: Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nach Potsdam kommen?

Westheider: Auf zwei sehr gute Potsdamer Freunde, die ich jetzt viel häufiger sehen werde als früher.

Von Rüdiger Braun

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