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Potsdam Barock neben Moderne: Spaziergang durch Potsdam
Lokales Potsdam Barock neben Moderne: Spaziergang durch Potsdam
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06:48 02.05.2018
In Potsdam ganz selbstverständlich: Alt neben Neu.   Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

 Die erste Legende fällt gleich zur Begrüßung an der Ruine des Terrassenrestaurants „Minsk“. Potsdam und die weißrussische Metropole waren keine Partnerstädte, sagt der Historiker Thomas Wernicke. Die Initiative zum kulturellen Austausch mit der Hauptstadt der damaligen Sowjetrepublik sei auf Initiative der SED-Bezirksleitung zustande gekommen, die ihren Sitz auf dem Brauhausberg hatte.

Eine weitere verblüffende Information: Auch in der DDR diskutierte man analog zu dem im Zweiten Weltkrieg zerstörten Viertel den Bau neuer Wohnhäuser am Hang des Brauhausberges, bevor die Entscheidung für die Schwimmhalle (1969-71) und das „Minsk“ (1971-77) über einer mit Wasserspielen und Skulpturen gestalteten Parkanlage fiel. Belegt wird das durch Skizzen zum Bebauungsplan aus dem Jahr 1967, veröffentlicht von der Architektin Christina Emmerich-Focke in ihrer Dissertation „Stadtplanung in Potsdam (1945-1990)“. Letztlich siegte hier die „Prämisse“ einer „Öffnung des Stadtzentrums zur Havel und zur Umgebung“.

Brauhausberg 1979... Quelle: Sammlung Jörg Fröhlich
... und 2017. Das "Minsk" ist von Bäumen verdeckt. Quelle: Bernd Gartenschläger

Thomas Wernicke (59), aufgewachsen in Babelsberg, war langjähriger Mitarbeiter des Potsdam-Museums und wurde 2000 als Sonderbeauftragter der Stadt zur Gründung des Hauses der Brandenburg-Preußischen Geschichte abgeordnet. Er gilt als exzellenter Kenner der Potsdamer Stadtentwicklung. Wir haben uns mit ihm für einen Spaziergang auf den Spuren von DDR-Architektur und -Stadtplanung verabredet.

Schlucht macht Weg frei für autogerechte Neugestaltung

Eine Schlucht ist die 2008 angelegte Kurve der Breiten Straße zwischen „Mercure“-Hotel und Landtagsschloss (2010-13). Dass die Trümmer des Vorgängerbaus 1959/ 60 weggesprengt wurden, hatte ideologische Gründe. Zugleich wurde der Weg frei für eine autogerechte Neugestaltung. Die damalige Wilhelm-Külz-Straße wurde als Südtangente auf vier Spuren verbreitert und über die zugeschüttete Havelbucht bis zur heutigen Zeppelinstraße verlängert. Unvollendet blieben Pläne, auch die Friedrich-Ebert-Straße als Nordtangente durch die barocke Innenstadt auf vier Spuren zu erweitern.

Erhalt des Mercure erhitzt die Gemüter

Die emotionale Diskussion um den Erhalt des „Mercure“-Hotels ist für den Historiker zumindest ambivalent, wenn der Eindruck mitschwingt, es sei wie der Palast der Republik in Berlin Teil des Alltags gewesen. Bei der höchsten Preisklasse S habe man sich den Besuch „schon gut überlegt“. Das einstige Interhotel (1966-69) steht als mächtiges Symbol für die sozialistische Umgestaltung der Stadtmitte. Doch schon vor seiner Fertigstellung gab es Kritik von höchster Stelle: Staats- und Parteichef Walter Ulbricht hatte Ende 1967 ausrichten lassen, dass es jetzt schon aussehe, „wie jedes andere Hilton-Hotel“.

Perspektiive in der Breiten Straße mit dem „Mercure“, dem IHK-Gebäude und dem Portal der Garnisonkirche. Quelle: Bernd Gartenschläger

Ein Fragment blieb der geplante Ring aus Punkthochhäusern und siebengeschossigen Wohnscheiben, der die Innenstadt umschließen sollte. Entstanden sind in dieser Phase das 2009 abgerissene Haus des Reisens an der Yorck-/Ecke Friedrich-Ebert-Straße (1968/1969) und die als Institut für Lehrerbildung (IfL) errichtete Fachhochschule (1970-77): „Die Neugestaltung des Zentrums sollte viel mächtiger ausfallen“, sagt Wernicke. Während das IfL mit der Eröffnung durch Bildungsministerin Margot Honecker höchste Weihen bekam, wurde der leere Platz davor ein Monument stadtplanerischer Ratlosigkeit. Alte Bilder zeigen Potsdams exklusivste Lage unter Rasen und ruhendem Verkehr. Dynamik kam erst mit dem Theaterneubau an der Alten Fahrt, für den am 1. September 1989, wenige Wochen vor dem Mauerfall, der Grundstein gesetzt wurde.

Blick vom Staudenhof zum Stadtschloss, rechts die Fachhochschule. Quelle: Bernd Gartenschläger

Thomas Wernicke war in der ersten frei gewählten Stadtverordnetenversammlung nach dem Mauerfall Fraktionsvorsitzender von Neues Forum/Argus. 1990 beschlossen sie den Baustopp, später den Abriss des Theaterneubaus, um Optionen für eine Neugestaltung der Stadtmitte offen zu halten. „Man wollte die einmalige Chance nicht verstreichen lassen“, sagt der Historiker. Im Oktober 1990 kam der Beschluss zur „behutsamen Wiederannäherung an das charakteristische, historisch gewachsene Stadtbild“, der in der Diskussion zum nahen Abriss der alten FH oft zitiert wird. Bei diesem Beschluss ging es „um Stadträumlichkeit“ und darum, „Lücken zu schließen“. Es sei „nicht um einzelne Fassaden“ gegangen.

„Schockreaktion“ auf Nachwendebauten

Die von manchen mit fast ideologischem Eifer ausgefochtene Rückbesinnung auf das barocke Stadtbild sei auch eine „Schockreaktion“ auf Nachwendebauten wie die Wilhelmgalerie und den IHK-Neubau in der Breiten Straße, vor allem aber auf den neuen Hauptbahnhof, der Potsdam fast den Unesco-Welterbetitel gekostet hätte. „Niemand aber“, sagt Wernicke, „hätte sich 1990 vorgestellt, dass 27 Jahre später alles durchsaniert ist.“ DDR-Architektur bleibe in Potsdam auf ganz andere Weise „omnipräsent“: „Die eigentliche Ost-Baugeschichte ist der Wohnungsbau“, sagt der Historiker: „Wer heute auf den Turm der Nikolaikirche klettert, sieht, wie er das Stadtbild dominiert.“

MAZ-Talk zum DDR-Erbe

Die MAZ lädt zum Diskussionsabend mit Vertretern aus Lokalpolitik, Architektur und Bürgerinitiative.

Der findet am in der Wissenschaftsetage im Bildungsforum Am Kanal 47 statt.

Auf dem Podium sitzen: – Burkhard Exner (SPD), Bürgermeister und Finanzbeigeordneter der Stadt Potsdam – Saskia Hüneke, Stadtverordnete Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied im Bauausschuss – André Tomczak, Sprecher der Bürgerinitiative „Mitte neu denken“, sachkundiger Bürger im Bauausschuss – Ludger Brands, Professor für Architektur an der Fachhochschule Potsdam.

Von Volker Oelschläger

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