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Die längste Galerie Potsdams

Stadtgeschichte Die längste Galerie Potsdams

Der Bauzaun an der alten Fachhochschule Potsdam wird zur Galerie. Am 20. Januar werden mit der Ausstellung „Geschichte(n) am Bauzaun“ über 132 Meter Tafeln enthüllt, die die Entwicklung Potsdams vom 1000. Stadtjubiläum 1993 bis in die Gegenwart zeigen. Die Galerie ist Auftakt des neuen Themenjahres.

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Oktober 1993: Lausitzer Bergleute kippen Kohlen vor dem Rathaus ab.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Mit einer 132 Meter langen Galerie am Bauzaun der alten Fachhochschule wird am 20. Januar das Themenjahr 2018 eröffnet. Unter dem Motto „1000 Jahre und ein Vierteljahrhundert“ sollen auf 17 Tafeln entlang der Friedrich-Ebert-Straße mit historischen Abbildungen und kurzen Texten „Schlaglichter“ zur jüngeren Stadtgeschichte präsentiert werden. Die Ausstellung „Geschichte(n) am Bauzaun“ richte sich gleichermaßen an alteingesessene und Neu-Potsdamer, sagt der Historiker Johannes Leicht (39), der die Informationen für die Tafeln recherchiert hat. Für die einen könnten die Fotografien Anregung für eigene Erinnerungen sein, während es für andere vor allem um die Information geht: „So sah es früher aus, und so sieht es jetzt aus.“

Kohlfeld von französischen Künstlern am Stadtbahnhof als Beitrag zum Jubiläumsjahr

Kohlfeld von französischen Künstlern am Stadtbahnhof als Beitrag zum Jubiläumsjahr.

Quelle: AP

Der Historiker selbst wohnt seit 1998 in Potsdam. Als gravierende Veränderung erinnert er sich persönlich an den Holzsteg, der von der Langen Brücke hinunter zum damaligen Stadtbahnhof führte. Der Steg ist ebenso Vergangenheit wie der Stadtbahnhof. Unmittelbar hinter der Langen Brücke beginnt als Passage zum Hauptbahnhof das Potsdam-Center, dessen umstrittener Neubau die Potsdamer Parklandschaft fast den Unesco-Welterbetitel gekostet hätte.

Ein zentrales Thema der Bauzaungalerie ist der Wandel der Stadtlandschaft. Beispielhaft steht der Alte Markt mit dem Anfang der 1990er Jahre abgerissenen Rohbau für das neue Theaterhaus, mit der 1992 eröffneten

Der Historiker Johannes Leicht vor dem Bauzaun der Fachhochschule

Der Historiker Johannes Leicht vor dem Bauzaun der Fachhochschule.

Quelle: Bernd Gartenschläger

„Blechbüchse“ als provisorischer Spielstätte, mit dem später wieder aufgebauten Stadtschloss und dem Palast Barberini. Einen 13-Jahres-Sprung gibt es auf der Tafel zur Kultur in Potsdam: Bei der Räumung der besetzten Fabrik am 22. September 1993 in der Gutenbergstraße ging das Vorderhaus in Flammen auf. Am 22. September 2006 hob sich der Vorhang für die erste Vorstellung im neuen Theaterhaus in der Schiffbauergasse. Wegbereiter des neuen Kulturstandortes am Wasser waren das 1992 eröffnete Waschhaus und die Tanzfabrik, die im Sommer 1993 aus ihrem bisherigen Domizil in der Gutenbergstraße in die Schiffbauergasse umzog.

Gründer der Geschichtslotsen

Johannes Leicht (39), geboren in Leipzig, aufgewachsen in Oelsnitz (Vogtland), studierte von 1998 bis 2004 an der Humboldt-Universität Berlin Geschichte, Soziologie und Politik. Promotion am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Fünf Jahre am Deutschen Historischen Museum, unter anderem Mitarbeit am Projekt „Lebendiges Virtuelles Museum online“ (Lemo), einem Internetportal zur Geschichte.

2011 Gründung der Geschichtslotsen Potsdam als Partner für Unternehmen und Institutionen bei historischen Recherchen. Seit 2013 arbeitet Leicht mit der Wissenschaftsetage im Bildungsforum zusammen, gestaltet dort bis heute u.a. die Ausstellungskuben. 2017 war er für die Ausstellung „Fokus: Erde“ im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte zum 125. Jubiläum der Geowissenschaften auf dem Telegrafenberg zuständig.

Das Ende 1991 nach drastischer Mieterhöhung geschlossene Café Heider am Rande des Holländischen Viertels steht als Sinnbild für den Kampf um eine lebenswerte Innenstadt. Das Holländische Viertel war das erste Potsdamer Sanierungsgebiet und ist heute eine der Touristenattraktionen Potsdams. Das Heider, geraume Zeit Wunschadresse für die Filiale einer Bank, öffnete schließlich wieder neu als Café.

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3. Dezember 1993: Grundsteinlegung für das Kirchsteigfeld.

Quelle: Christel Köster

Weitere Tafelthemen sind unter anderem die Gartenstadt Drewitz als letztes DDR-Neubaugebiet, das Bornstedter Feld und das 1993 noch vom KGB besetzte Militärstädtchen am Neuen Garten, die Gotische Bibliothek als der „Schiefe Turm von Potsdam“, die Filmstadt Babelsberg mit der Filmuniversität und den Kulissen für „Sonnenallee“, schließlich der Brauhausberg mit der alten und der neuen Schwimmhalle. Der Designerentwurf von Oscar Niemeyer sei nicht mit abgebildet, „weil er nicht realisiert wurde“, sagt der Historiker. Besonders überrascht habe ihn bei seinen Recherchen, dass in der russischen Kolonie Alexandrowka heute „genau 365 Apfelsorten“ angebaut würden – eine für jeden Tag des Jahres.

Einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe die Bauzaun-Galerie in keinem Fall, sagt Leicht: „Es ist kein wissenschaftlicher Aufsatz und keine Stadtchronik. Es gibt nur Schlaglichter.“ Am Mittwoch um 12.30 Uhr stellt er Potsdams längste Galerie in der Reihe „Lunchpaket“ im Bildungsforum vor.

1000 Jahre Potsdam: ein Rückblick

Das Jubiläumsjahr 1993 war für die Landeshauptstadt ein Jahr schwerer Konflikte, aber auch richtungweisender Entscheidungen.

Baupläne für Villen am Glienicker Horn und das Potsdam-Center am Hauptbahnhof sollten den ersten Unesco-Welterbekonflikt entfachen.

Mit dem Grundstein für das Kirchsteigfeld fiel der Startschuss für das mit 2500 Wohnungen größte geschlossene Neubaugebiet in den neuen Bundesländern.

Der Konflikt um mehr als 30 besetzte Häuser in der ruinösen Innenstadt eskalierte im September mit der Räumung der Fabrik in der Gutenbergstraße.

Der Protest der Lausitzer Kohlekumpel g egen die Umstellung der Potsdamer Energieversorgung von Kohle auf Erdgas war auch ein Vorbote langer Verstimmungen zwischen Landeshauptstadt und Landesregierung.

In Babelsberg streikten die letzten 400 Beschäftigten des einstigen Karl-Marx-Werks, vor der Wende mit 2500 Beschäftigten Potsdams namhafteste Schwerindustrie.

Oberbürgermeister Horst Gramlich (SPD) konnte sich in der Neuwahl nur knapp gegen seinen PDS-Herausforderer Rolf Kutzmutz behaupten.

Und trotz Eingemeindung von Eiche und Grube mit gut 1200 Einwohnern wuchs Potsdam 1993 nur um 800 auf 140 000 Einwohner. Bis 1999 sollte die Einwohnerzahl dann auf nur noch 127 600 sinken. Erst danach kam die Trendwende.

Von Volker Oelschläger

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