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„Befreier des Vaterlandes“

Friedrich II. über Luther „Befreier des Vaterlandes“

Der Historiker Jürgen Luh sprach in der vergangenen Woche im Bildungsforum über das Verhältnis des Preußen-Monarchen Friedrich II. zur Reformation. Die MAZ druckt Auszüge aus dem Vortrag, den Luh im Rahmen des Jahreskampagne „Stadt trifft Kirche“ hielt.

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Martin Luther (10. November 1483 bis 18. Februar 1546) reformierte die Kirche grundlegend.

Quelle: MAZ

Potsdam. Worum es Friedrich ging, als er sagte, er wolle die Reformation mit den Augen eines Philosophen betrachten, wird deutlich, wenn man den Titel liest, den er diesem Abschnitt seiner „Denkwürdigkeiten des Hauses Brandenburg“ voranstellte: „Aberglaube und Religion“, und wenn man die Entwicklung seiner Gedanken in diesem Kapitel verfolgt: Er wollte, weil er von Anbeginn an für die Aufklärung Partei ergriffen hatte, einen Beitrag zur Ausbreitung der Vernunft innerhalb des Menschgeschlechts leisten, den Aberglauben als Aberwitz, Unverstand und Ignoranz entlarven – und damit einhergehend auch die Religion als einen Teilbereich des Aberglaubens. (...)

Leider sei nur zu wahr, musste er eingangs seiner Abhandlung feststellen, dass Irrtum und Aberglaube offenbar das Erbteil der Menschheit seien, denn allen Völkern sei der gleiche Hang zum Götzendienst eigen. Und da alle Völker „so ziemlich die gleichen Leidenschaften“ besäßen, ergäben sich daraus auch die gleichen Folgen. Diese Überzeugung bildete den Ausgangspunkt seiner Überlegungen.

Als Ursache für diesen Tatbestand identifizierte er „die Furcht“, weil sie „Leichtgläubigkeit“ zur Folge habe. (...)

Preußen-König Friedrich II

Preußen-König Friedrich II.

Quelle: MAZ

Aus Furcht seien nach und nach „all die verschiedenen Kulte“ entstanden, die eigentlich nichts anderes gewesen seien „als hunderterlei wunderliche Formen einer Unterwürfigkeit, die den Zorn des Himmels besänftigen sollte, dessen Wirkungen man fürchtete“.

Die menschliche Vernunft sei gegen diesen Zwang nicht angekommen, im Gegenteil, sie habe, verängstigt und verstört durch allerlei damals noch unerklärliche Naturereignisse nicht gewusst, „wohin sie sich wenden sollte, um ihren Ängsten zu entkommen“.

Und wie der Kranke kein Heilmittel unversucht ließe, schlussfolgerte Friedrich aus dieser Beobachtung, so sei das Menschengeschlecht, in der Hoffnung eine Medizin zu finden, die ihm helfen werde, in seiner Verblendung auf den Glauben an ein göttliches Wesen verfallen, an hilfreiche Kräfte, die hinter den Naturerscheinungen stünden: „Alles, vom Erhabensten bis zum Niedrigsten wurde verehrt“, so Friedrich. „Weihrauch dampfte vor Kräutern, Krokodilen wurden Altäre errichtet; Bildsäulen großer Männer, die zuerst über Völker geherrscht hatten, erhielten Tempel und Opferpriester, und in Zeiten allgemeiner Heimsuchung verdoppelte sich der Aberglaube.“

Gefördert worden sei diese Umnachtung der Menschheit durch die Theologen und Priester der verschiedenen Religionen; mit dieser Aussage griff der König die Institution „Kirche“ im Allgemeinen an. Den Vertretern der Kirchen galt ja seit jeher sein Misstrauen. (...)

Zur Person: Jürgen Luh

Jürgen Luh , geboren 1963, ist promovierter Historiker. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte des Heiligen Römischen Reiches, die Militär- sowie die brandenburgisch-preußische Geschichte. Seit 2008 ist er in der Schlösserstiftung für Wissenschaft und Forschung zuständig.

Er kuratierte unter anderem die Ausstellungen „Die Kaiser und die Macht der Medien“, „Macht und Freundschaft“ sowie die Jubiläumsausstellung „Friederisiko“. Luh ist zudem einer der beiden Direktoren des Research Center Sanssouci, zusammen mit Iwan d’Aprile.

Die Jahreskampagne 2017 „Stadt trifft Kirche“ ist Potsdams Beitrag zum Reformationsjubiläum. Veranstaltungen sind unter anderem am 26. April, 18.15 bis 19.45 Uhr: Ringvorlesung: „Die Reformation in Brandenburg und im übrigen östlichen Europa“ im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte am Neuen Markt. 26. April, 19 Uhr: Andreas Kitschke „Friedrichs Kirchen – Potsdamer Kirchenbauten eines Ungläubigen?“ Vortrag in der Nagelkreuzkapelle an der Breiten Straße.

In einer Zeit, fuhr er fort, „da die Priester mit der menschlichen Leichtgläubigkeit so groben Missbrauch trieben, da sie die Religion ausnutzten, um sich zu bereichern, da die Pfaffen das zügelloseste Leben führten, unternahm es ein einfacher Mönch, alle diese Missstände zu reformieren.“ Von „verwegenem Mute“ sei dieser gewesen, „voll lebhafter Einbildungskraft“ und „klug genug, um die Gärung der Geister zu benutzen“. Friedrichs Respekt für die Leistungen Luthers wuchs im Lauf der Jahre noch. Nannte er ihn in den „Denkwürdigkeiten“ von 1747/51 meist nur einen „einfachen Mönch“ und sprach ihn kaum mit Namen an, so wies er ihm in der „Vorrede zur Kirchengeschichte“ von 1766 Charaktereigenschaften wie Mut und Klugheit zu und nahm ihn sogar vor seinen Kritikern in Schutz: „Sieht man bloß auf die plumpen Grobheiten seines Stils, so erscheint Martin Luther zwar nur als ein polternder Mönch, als ein roher Schriftsteller eines noch wenig aufgeklärten Volkes. Wirft man ihm aber auch mit Recht sein ewiges Schelten und Schimpfen vor, so muss man doch bedenken, dass die, für die er schrieb, nur bei Flüchen warm wurden, aber Gründe nicht verstanden.“

Jürgen Luh, Historiker bei der Schlösserstiftung

Jürgen Luh, Historiker bei der Schlösserstiftung.

Quelle: Privat

Luther habe die Sache also richtig angepackt. „Hätte ich zu Martin Luthers Zeiten gelebt, so hätte ich ihn kräftig unterstützt“, schrieb er der Herzogin Luise Dorothea von Gotha. Friedrichs Lob Luthers gipfelte in dem Satz: „Hätte Luther auch weiter nichts getan, als dass er die Fürsten und Völker aus der Knechtschaft befreite, in der sie der römische Hof gefesselt hielt, so verdiente er schon, dass man ihm als den Befreier des Vaterlandes Altäre errichtete.“ Denn durch sein Beispiel „gab er den Menschen den Gebrauch der Vernunft wieder, die ihnen jahrhundertelang verboten war, und der menschliche Geist, durch die wiedererlangte Freiheit mit neuem Mut erfüllt, begann den Bereich seines Wissens nach allen Richtungen zu erweitern.“

Leider hätten „jener Mönch und seine Genossen“ den Schleier des Aberglaubens aber nur etwas gelüftet. Sie seien auf halbem Weg stehen geblieben und hätten „noch manche der Aufklärung bedürftige Dunkelheiten“ hinterlassen. (...) „Den Anstoß“ zur Reformation, fasste Friedrich seinen Gedankengang zusammen, „gab also nicht die tyrannische Macht, die der Klerus über die Gewissen ausübte“.

Das Jahr 2017 steht ganz im Zeichen des Reformationsjubiläums

Das Jahr 2017 steht ganz im Zeichen des Reformationsjubiläums.

Quelle: Friedrich Bungert

Den Anstoß gab die Tatsache, dass die Priester dem Volk seine Habe, seinen Besitz, seine Freiheit wegnahmen: „Die Sklaverei, die täglich drückender wurde, erregte den Unwillen.“ Schließlich spüre der „stumpfsinnigste wie der geistvollste Mensch“ je nach dem Grad seiner Empfindlichkeit das ihm zugefügte Leid, denn seit Anbeginn an strebe die Menschheit nach Wohlbefinden. Die Reformation war in Friedrichs Augen eine „befreiende Tat“, weil die Religion „nun eine neue Gestalt“ gewann und sich wieder ihrer ursprünglichen Einfachheit annäherte – im Einfachen lag ja seiner Ansicht nach, wie er gereimt hatte, das Wahre. (...)

In seinen Augen unterschied sich keine Religion – oder Konfession – in Hinsicht auf die Moral von der anderen. „Betrachtet man die Religion vom Standpunkt des Philosophen aus, so sind sie sich alle fast gleich“, schrieb er an die Herzogin Luise Dorothea von Gotha.

Doch verdiene der Glauben, der am wenigsten mit Aberglauben behaftet sei, den Vorzug vor den übrigen, und dies sei der Protestantismus, der sich außerdem noch dadurch auszeichne, dass er nicht „verfolgungswütig“ sei.

Alle Religionen und Konfessionen sind im Hinblick auf die Moral gleich, sagte Friedrich II

Alle Religionen und Konfessionen sind im Hinblick auf die Moral gleich, sagte Friedrich II.

Quelle: Copyright 2012

Deshalb könnten einer Regierung im Grunde alle Glaubensgemeinschaften gleich recht sein. Ihm jedenfalls seien alle recht – vorausgesetzt, sie halten sich aus der Politik heraus, und folglich lasse seine Regierung „jedem die Freiheit, … den Weg zum Himmel einzuschlagen, der ihm gefällt“.

Er selbst verlange nichts weiter von dem Einzelnen, „als dass er ein guter Staatsbürger ist.“ Er hatte das ähnlich schon vor Beginn seiner Regierung in der Randnotiz, bei ihm könne jeder nach seiner eigenen Façon selig werden, formuliert. Der – durch die Religion, ihre einseitige ideologische Auslegung und ihre Rechthaberei oftmals entfachte – falsche Eifer sei „ein Tyrann, der Länder entvölkere“, die Toleranz aber eine „zärtliche Mutter“, die für Wohlergehen und Gedeihen der Länder und Menschen sorge.

Die Nikolaikirche war bereits zu Jahresbeginn festlich angestrahlt – ein glänzender Auftakt für die Jahreskampagne „Stadt trifft Kirche“

Die Nikolaikirche war bereits zu Jahresbeginn festlich angestrahlt – ein glänzender Auftakt für die Jahreskampagne „Stadt trifft Kirche“..

Quelle: Detlev Scheerbarth

Dieser Leitsatz, gestand er sich Jahre später ein, gelte aber auch für den Gedanken, den Aberglauben ausrotten zu wollen – es gebe „nichts Absurderes“. Denn die Vorurteile seien „die Vernunft des Volkes – und verdient dies blöde Volk aufgeklärt zu werden?

Gehört ja doch der Aberglaube zu den Elementen, aus denen die Natur den Menschen zusammengesetzt hat! Wie soll man gegen die Natur ankämpfen und einen so allgemeinen Instinkt durchweg unterdrücken? Jeder soll bei seiner Meinung bleiben und die der anderen achten; das ist das einzige Mittel, während der kurzen Lebensreise in Frieden zu leben.“

Gedankenfreiheit, Aufklärung, Wissen und Rücksichtnahme, so lassen sich Friedrichs Überlegungen zur Reformation knapp zusammenfassen, sind die Voraussetzung für Toleranz, ein tolerantes Handeln und ein friedliches Leben.

Voreingenommenheit, Engstirnigkeit, Unkenntnis und Fanatismus dagegen führen bei den Menschen im besten Fall zu Trägheit, im schlimmsten Fall jedoch zu Zank, Mord und Totschlag. Diese Einsicht des Königs ist unbestreitbar, und sie ist zeitlos gültig.

Von Jürgen Luh

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