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Begleiter am Ende des Lebens

15 Jahre Potsdamer Hospizdienst Begleiter am Ende des Lebens

Die ehren- und hauptamtlichen Helfer des Potsdamer Hospizdienstes begleiten Todkranke und ihre Familien. Seit 15 Jahren ist der Dienst wichtige Stütze in den letzten Lebensmonaten.

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Vera Hansen (links) und Heike Borchardt vom Hospizdienst

Quelle: Bernd Gartenschläger

Hermannswerder. Auch angesichts des Todes kann man witzig sein. Vera Hansen saß am Sterbebett einer Seniorin. Ihren 100. Geburtstag hatte die kranke, alte Dame schon hinter sich. Ob sie Angst vor dem Tod habe, fragte Vera Hansen die Frau. Die sagte nur: „Nein, Angst habe ich nicht.“ Und nach kurzer Überlegung: „Aber eine Umstellung wird’s schon.“

Sie hätten gemeinsam gelacht über die fast letzten Worte der Frau, erinnert sich Vera Hansen. „Der Tod hat für mich seinen Schrecken verloren“, sagt die 40-Jährige, die seit acht Jahren fast täglich mit dem Sterben anderer konfrontiert ist. Seit 2008 arbeitet die Sozialarbeiterin beim Hospiz- und Palliativberatungsdienst Potsdam – also eine von fünf hauptamtlichen Mitarbeitern. Die tragende Säule des Dienstes, der am Mittwoch sein 15-jähriges Bestehen feiert, sind die ehrenamtlichen Begleiter, die todkranken Erwachsenen und ihren Angehörigen zur Seite stehen. Rund 100 Freiwillige haben sich mittlerweile in einem Kurs zum Sterbebegleiter ausbilden lassen. „Unsere Ehrenamtler sind von Mitte 20 bis Mitte 70“, sagt Vera Hansen. Von der Studentin über die Anwältin bis zum Soldaten sei alles dabei. Meist seien es Frauen, die sich für das Ehrenamt melden. Weil Frauen mit dem Tod besser zurechtkommen? Vera Hansen glaubt das nicht. „Frauen sind generell im sozialen Bereich aktiver“, meint sie. Die Ehrenamtler stehen Sterbenden zur Seite, sind Gesprächspartner, Handhalter, praktischer Ratgeber wenn es um Fragen wie die Beerdigung geht. Der ambulante Hospizdienst kommt zu den Kranken nach Hause, ins Pflegeheim, in die Klinik oder auch ins stationäre Hospiz auf Hermannswerder mit acht Plätzen.

Die Annäherung an den Tod beginnt für die Ehrenamtler sanft. Den künftigen Betreuern werden zunächst Gemälde des Schweizer Künstlers Ferdinand Hodler (1853-1918) gezeigt. Hodler hat Krankheit, Sterben und Tod seiner Geliebten Valentine Godé-Darel in einem Bilderzyklus verewigt.

Regisseur Andreas Dresen unterstützt den Hospizdienst

Künstlerisch hat sich auch Andreas Dresen dem Thema Tod genähert. Für sein Sterbedrama „Halt auf freier Strecke“ um einen Familienvater mit Gehirntumor hat sich der Regisseur auch beim Potsdamer Hospizberatungsdienst informiert. „Bei den Recherchen zu unserem Film habe ich viele sehr bewegende Geschichten von Menschen angesichts des Todes gehört. Es waren erschütternde, traurige Erzählungen, doch auch überaus kraftvolle und lebensbejahende“, so Dresen.

Vera Hansen erinnert sich besonders gut an eine Mutter, die beiden Kinder erst 9 und 12 Jahre alt, die unheilbar krank war. „Die Frau hat mich tief beeindruckt“, sagt Hansen. Sie habe nicht mit ihrem Schicksal gehadert. „Sie war mit sich im Reinen, frei von jeder Eifersucht“, erzählt Hansen. Ihr größter Wunsch sei es gewesen, dass ihr Mann wieder eine Frau findet und die Familie glücklich weiterlebt.

Zwischen Mitgefühl und Distanz

Die Regel sei das nicht. „Sterben ist nicht immer friedlich und angenehm“, sagt Hansen. Panikattacken etwa und starke Schmerzen gehörten oft dazu. Dessen müssten sich die Begleiter bewusst sein. Eine Regel gibt es für die Ehrenamtler: Haben sie selbst einen Trauerfall in der Familie erlebt, können sie nicht sofort im Hospizdienst einsteigen. „ Man sollte mindestens ein Jahr warten“, rät Hansen, die selbst aufs Fahrrad steigt, um nach einem belastenden Einsatz abschalten zu können. „Man muss die Balance halten zwischen Mitgefühl und Distanz“, erklärt sie.

So selbstverständlich über den Tod sprechen wie es geht – das ist auch die Maxime von Heike Borchardt (54), die den Potsdamer Hospizdienst 2001 gegründet hat und bis heute leitet. Borchardt arbeitete in der Hauskrankenpflege. „Ich spürte Berührungsängste. Man hat oft nicht gewusst, wie man mit Schwerkranken über den Tod sprechen soll“, sagt sie. Inzwischen sei das Thema Tod längst nicht mehr so tabuisiert – auch durch die Arbeit des Dienstes. „Die Betroffenen sind dabei oft weiter als die Angehörigen“, ist Borchardts Erfahrung. Auch für diese sind die Begleiter Ansprechpartner. Etwa wenn es darum geht, ein Ritual für den Abschied zu finden. „Den geliebten Menschen zu Hause aufzubahren um sich zu verabschieden, kann für viele hilfreich sein.“ Auch die Frage „Sollen Kinder mit zur Beerdigung?“ käme häufiger. Heike Borchardts Antwort: „In den meisten Fällen ja. Kinder sollten einbezogen werden.“ Das Trauercafé des Dienstes bietet zusätzlich einen Raum für Austausch.

Doch immer mehr Menschen leben allein und haben keine Angehörigen in der Nähe, die ihnen in den letzten Momenten beistehen. Dann sind die Begleiter besonders gefragt – selbst wenn der Kranke vielleicht nicht mehr ansprechbar ist. Vera Hansen erinnert sich an ihre erste Sterbebegleitung vor acht Jahren. Es sei Herbst gewesen, wie jetzt. „Ich habe dem Mann Blätter in die Hand gegeben“, erzählt Hansen. Dann nahm sie ein Fotoalbum, das in seinem Zimmer lag, beschrieb ihm, was sie auf den Bildern sah. „Die Menschen hören noch, bis zum Schluss“, sagt die Sozialarbeiterin. Selbst wenn der Geist nicht mehr wach ist, eines, glaubt sie, könne dem Sterbenden dennoch vermittelt werden: „das Gefühl, nicht alleine zu sein.“

Von Marion Kaufmann

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