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Potsdam Die verschwundene Mauer: Spuren der DDR-Staatsgrenze in Potsdam
Lokales Potsdam Die verschwundene Mauer: Spuren der DDR-Staatsgrenze in Potsdam
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11:15 09.04.2019
Historikerin Florentine Schmidtmann vor dem Grenzturm am Potsdamer Jungfernsee. Quelle: Volker Oelschläger
Nauener Vorstadt

Vögel zwitschern, Hunde bellen, eine Kettensäge lärmt weit hinten im Villenviertel. Draußen auf dem Jungfernsee zieht ein weißes Ausflugsschiff vorbei. Florentine Schmidtmann steht in der Sonne und sagt: „Nein, ein Wachturm war das nicht.“

Dabei zeigt die Historikerin auf einen der Zielpunkte des von ihr recherchierten Informationspfades „Achtung Grenze –Das Sperrgebiet der DDR in Potsdam 1961-1989“, der am Mittwoch eröffnet wird. Der weiß getünchte Bau ist eine schroffe Landmarke in der idyllischen Umgebung. Errichtet 1976, wurde von dort die Seilwinde ausgelöst, mit der die Bertini-Enge für die Schifffahrt blockiert werden konnte.

Blick aus Sacrower Richtung über die Bertin-Enge mit der Ponton-Sperre. Quelle: BStU

Quer über den See war damals mit starken Trossen eine Sperre aus Pontons vertäut, die zu beiden Ufern hin schmale Durchfahrten ließ. Drückte die Besatzung des Postenturms auf den Knopf, schnellte draußen im Wasser rasselnd und schäumend ein Netz aus Stahl in die Höhe.

1964 wurde an der Bertini-Enge ein Grenzübergang für die Transit-Schifffahrt eingerichtet, die West-Berlin über Elbe und Havel mit Treibstoff und Frachtgut versorgte.

Heute erinnern daran nur noch der denkmalgeschützte Postenturm, eine zur Stromversorgung errichtete Dieselhalle gleich daneben, drei Lichtmasten an der einstigen Schiffsanlegestelle und der Kanal im Boden, in dem das Stahlseil ruhte, mit dem das Netz im See gesenkt und angehoben wurde.

Blick von der Bertinistraße zur Pontonsperre um 1985. Quelle: Potsdam-Museum

Erklärt wird die „Pass- und Zollkontrolle an der Bertini-Enge“ auf einer von insgesamt acht Informationsstelen, die ab Montag am Ufer des Jungfernsees eingesetzt werden – beginnend bei der Villa Schöningen gleich vorn an der Glienicker Brücke bis hin zur Schiffsanlegestelle unterhalb der Gutmann-Villa.

Das Ufer zwischen Glienicker Brücke und Schloss Cecilienhof im Neuen Garten zählt zu den beliebtesten Ausflugszielen der Landeshauptstadt. Dass der Abschnitt vor 30 Jahren als Teil der DDR-Staatsgrenze zu West-Berlin mit einer Mauer und einem bei Nacht taghell erleuchteten Todesstreifen blockiert war, lässt sich nicht einmal mehr erahnen.

Die Dieselhalle, im Hintergrund der Postenturm. Quelle: Volker Oelschläger

Vor gut fünf Jahren schlugen Anrainer und Historiker Alarm, weil mit den Hinterlassenschaften der Grenzübergangsstelle Jungfernsee auch die letzten Spuren aus der Landschaft zu verschwinden drohten. Nach dem Abriss eines Mannschaftsgebäudes schien als nächstes die Dieselhalle in Gefahr.

Der eigens gegründete Verein Erinnerungsorte Potsdam und das Zentrum für Zeithistorische Forschungen (ZZF) entwickelten schließlich das Konzept für einen Erinnerungspfad, an dem auf Stelen über den Aufbau der Sperranlagen und den Alltag im Grenzgebiet informiert wird.

Mit den Recherchen beauftragt wurde Florentine Schmidtmann (32), die zur deutsch-deutschen Geschichte eine besondere Beziehung hat. Geboren in Göttingen, aufgewachsen ein Nürnberg, studierte sie in Frankfurt (Oder) und im polnischen Krakau Kulturwissenschaften sowie Geschichte an der Freien Universität Berlin.

Neuer Garten, Richtung Glienicker Brücke, Blick über den Hasengraben, um 1985. Quelle: Potsdam-Museum

Ihr erster Job nach dem Studium in Berlin war über zwei Jahre die Neuaufstellung des einzigen DDR-Museums in West-Deutschland in Pforzheim. Begründet wurde das Projekt im tiefen Südwesten der Republik von einem Sachsen, der vier Wochen vor dem Mauerfall dort angekommen war. Das Ankommen von DDR-Zuwanderern am Beispiel dieser Stadt ist Thema der Promotionsarbeit von Florentine Schmidtmann.

Ein weiteres halbes Jahr arbeitete die Wissenschaftlerin als Praktikantin am Wende-Museum in Los Angeles, dem einzigen Museum in Amerika, das sich der Alltagsgeschichte in den letzten Jahren der DDR verschrieben hat.

Das Quappenhorn um 1985. Quelle: Potsdam-Museum

Dann kam Potsdam. Für das Projekt „Achtung Grenze – Das Sperrgebiet der DDR in Potsdam 1961-1989“ recherchierte die Historikerin Geschichte und Geschichten wie die von Frau H., die aus ihrer Wohnung an der Schwanenallee direkt auf den Grenzzaun blickte; die von Hundegebell berichtet, von Wettfahrten der Bootskompanie der Grenztruppen auf dem Jungfernsee und dem Bau eines letzten Wachturms noch kurz vor dem Mauerfall. Insgesamt jedoch sei das Leben dort „sehr angenehm und ruhig“ gewesen, sagte sie.

Man erfährt an der dritten Station auf dem Quappenhorn von zerstörten Parkanlagen, vom Abriss der Einsiedelei und der Schließung einer Badeanstalt am Jungfernsee. Teile des Grenzzauns am See wurden schließlich durch eine Mauer ersetzt, der Grünstreifen davor über viele Meter Breite mit Pestiziden verwüstet.

Die Ruine der einst als Ausflugslokal beliebten Meierei, das ist die vierte Station des Erinnerungspfades, war seit 1963 Sperrgebiet. Mindestens acht Fluchten in den Westen gelangen von hier. Dann wurden die letzten Fensteröffnungen zugemauert.

Meierei mit Blick zur Grenzübergangsstelle an der Bertini-Enge um 1985. Quelle: Potsdam-Museum

Am meisten aber habe sie die Grenzübergangsstelle fasziniert, sagt die Historikerin, „weil ich erst hier verstanden habe, dass die DDR-Grenze auch Handel und Austausch bedeutet hat“. Es habe einen Alltag gegeben, „es wohnten ja sogar Leute hier“.

Offiziell eröffnet wird der Informationspfad am Mittwoch um 15 Uhr vor der Villa Schöningen. Das Projekt ist damit erst einmal abgeschlossen.

Florentine Schmidtmann hofft allerdings, dass es irgendwann einmal fortgesetzt werden kann. Dass der Informationspfad mit weiteren Stelen verlängert wird, dass die Geschichten, die sie recherchiert hat, um weitere Erinnerungen und Begebenheiten ergänzt werden. Eine Kontaktadresse gibt es auf der Internetseite des Projekts www.Grenze-Potsdam.de.

Auf erste dieser weiteren Geschichten stieß sie schon kurz nach dem Abschluss ihrer Arbeit an dem Projekt. Eine davon: Am Rande einer Präsentation kam ein Mann zu ihr, der sich als Berufstaucher vorstellte. Er habe regelmäßig das Stahlnetz des Grenzübergangs auf Schäden untersucht.

Die Historikerin selbst aber ist längst mit einem neuen Projekt befasst. Gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlern des ZZF Potsdam hat sie eine auf den Alltag fokussierte Ausstellung „Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt“ gestaltet, die am 11. Mai im Ephraim-Palais im Berliner Nikolaiviertel eröffnet wird.

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Rund 156 Kilometer lang war die Mauer, die von August 1961 bis November 1989 West-Berlin vom Umland trennte. 30 Jahre nach dem Mauerfall sind nur noch sehr wenige Spuren davon erhalten.

Originale Zeitzeugnisse gibt es auf Potsdamer Stadtgebiet nur noch mit Resten des Grenzzauns in Groß Glienicke, Mauerresten in der Babelsberger Stubenrauchstraße und mit den Resten der Grenzübergagsstelle am Jungfernsee.

Die acht Stelen, die am Montag eingesetzt und am Mittwoch eingeweiht werden, sind jeweils 1,80 Meter hoch. Sie informieren mit Abbildungen, Lageplänen, Geschichten und Erläuterungen in Deutsch und Englisch.

An der Mauer starben nach Recherchen des Zentrums für Zeithistorische Forschungen mindestens 140 Menschen. Im Bereich des neuen Infopfades aber sind keine Todesopfer bekannt. Dafür gibt es Berichte über erfolgreiche Fluchten– acht allein im Bereich der Meierei.

Nach der Eröffnung der Ausstellung am Mittwoch um 15 Uhr vor der Villa Schöningen gibt es einen geführten Spaziergang mit der Historikerin Florentine Schmidtman zu den einzelnen Stationen.

Von Volker Oelschläger

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