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Bestürzende Entdeckung auf Jüdischem Friedhof

Potsdam Pfingstberg Bestürzende Entdeckung auf Jüdischem Friedhof

Die 2012 wieder gegründete Beerdigungsgemeinschaft Chewra Kadischa macht auf dem Jüdischen Friedhof am Potsdamer Pfingstberg eine bestürzende Entdeckung: Bei Sanierungsarbeiten fanden sie im Sandsteinpflaster eines Gehwegs Kindergrabsteine.

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Felix-Mosche Berul, Vorsteher der Chewra Kadischa, mit geborgenen Kindergrabsteinen.

Quelle: Volker Oelschläger

Potsdam. Besucher des Jüdischen Friedhofs am Pfingstberg sind offenbar seit Jahrzehnten über einen mit Grabsteinen, Bruchstücken und Sockelsteinen von Grabanlagen gepflasterten Weg auf das Gelände gekommen. Das entdeckten Angehörige der Heiligen Bruderschaft „Chewra Kadischa“ vor wenigen Tagen, als sie die Sandsteinplatten aufnahmen, um sie durch Terrazzo zu ersetzen.

Für tiefe Bestürzung sorgten zwei Grabtafeln, die mit den Inschriften nach unten ausgelegt waren. Eine erinnert in gut lesbarer hebräischer und deutscher Beschriftung an Louis Wolff, der 1846 im Alter von fünf Jahren gestorben ist, die andere an den Knaben Felix Ehrlich, gestorben 1855 im Alter von neun Monaten. Felix-Mosche Berul (70), der Vorsteher der Chewra Kadischa, vermutet, dass die Grabsteine vom Kinderfriedhof am oberen Ende des Jüdischen Friedhofs stammen.

Aus dem Feld zwischen einer hohen Eiche und einer Linde am anderen Ende ragen nur noch vereinzelt kleine Grabsteine aus dem Gras. Manche sind halb versunken, andere zerbrochen oder umgekippt. Aufrecht steht ein kleines Grabmal, das an den 1852 gestorbenen Berthold Ehrlich erinnert.

Unbekannt ist, ob und wie nah sie miteinander verwandt waren. Ein Hermann Ehrlich war im Dezember 1855 unter den Gründern der vermutlich zweiten Chewra Kadischa, die sich des 1743 angelegten Jüdischen Friedhofs annahm. Eine Recherche zur Geschichte der Potsdamer Chewra Kadiuscha von dem Potsdamer Denkmalpfleger und Historiker Norbert Blumert erschien 2015 in einer vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Brandenburg herausgegebenen Publikation „Jüdisches Sozialwesen in Geschichte und Gegenwart“.

Heilige Bruderschaft ist die Bezeichnung der Beerdigungsgemeinschaften in jüdischen Gemeinden, die sich der rituellen Bestattung Verstorbener widmen: „Diese Bruderschaften haben sich uneigennützig die Erfüllung der letzten Liebespflichten an den Glaubensgenossen zur Aufgabe gemacht“, heißt es im Statut der 2012 als gemeinnütziger Verein wieder gegründeten Chewra Kadischa, die seither von Felix-Mosche Berul geleitet wird.

Der Jüdische Friedhof am Potsdamer Pfingstberg

Der Jüdische Friedhof am damaligen Schaderberg, dem heutigen Pfingstberg, ist seit 1743 Begräbnisstätte. Bis dahin mussten die Verstorbenen der Potsdamer Juden in der Regel zur Bestattung nach Berlin gebracht werden.

Im Laufe der Zeit wurde der Friedhof auf eine Fläche von 10 000 Quadratmetern erweitert. Seit 1801 umgibt ihn eine Mauer.

In der NS-Zeit wurden metallische Gegenstände aus dem Friedhof nahezu komplett gestohlen. 1943 wurde die Stadt beauftragt, das Gelände von einer damals eingesetzten Treuhandgesellschaft anzukaufen.

1977 wurde die Grabanlage in die Denkmalliste der Stadt Potsdam aufgenommen, seit 1999 ist sie Teil des Unesco-Weltkulturerbes.

Der älteste erhaltene Grabstein stammt aus dem Gründungsjahr 1743. Anfang der 1990er Jahre wurden rund 520 Grabstätten gezählt. Mittlerweile soll der Friedhof nahezu komplett mit Gräbern besetzt sein.

Über Jahrzehnte wurde der Jüdische Friedhof am Pfingstberg nur sporadisch geöffnet. Die letzte Beerdigung in der NS-Zeit ist für 1944 beurkundet. Danach gab es in Potsdam über Jahrzehnte kein jüdisches Leben mehr. Seit 1992 wurden auf dem Friedhof nach Angaben von Felix-Mosche Berul fast 200 Menschen aus den neu wachsenden jüdischen Gemeinden in Potsdam, Königs-Wusterhausen und Bernau bestattet.

Die mit Lehm verfugten Sandsteine auf dem 5,5 Meter langen Weg vom Tor bis zu dem von Felix-Mosche Berul bewohnten Friedhofswärterhaus sollten durch Terrazzoplatten ersetzt werden, weil sie bei Nässe kaum passierbar waren. Jetzt ist der Weg ausgerissen, die Grabsteinfragmente stehen mit Inventarnummern versehen an der Wand. Bevor weiter gebaut wird, sollen nun auch die Sandsteinplatten an der Toreinfahrt aufgenommen werden.

Unter welchen Umständen die Grabsteine dort hinkamen, ist unklar. Eine Anfrage beim Rathaus, wann der Weg mit diesen Platten gepflastert worden sein könnte, blieb bisher ohne Antwort.

Von Volker Oelschläger

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