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Besuch bei Flüchtlingen am Rand von Potsdam

Flüchtlingsheim in Nedlitz Besuch bei Flüchtlingen am Rand von Potsdam

Das Asylbewerberheim am Lerchensteig liegt am Stadtrand von Potsdam. Für die Flüchtlinge ist das Leben zwischen weitläufigen Feldern und Wiesen dennoch schön – viele von ihnen waren in ihrer Heimat auch auf dem Dorf zu Hause. Ein Problem aber gibt es: der Bus in die Innenstadt fährt nur alle 40 Minuten.

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Asyl am Stadtrand: Die Albanerin Nirvana Dibra (m.) hilft ihrer Tochter beim Radfahren.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Nedlitz. Wie viele Nationen können zusammen auf einem kleinen Flecken Land leben? In der Flüchtlingsunterkunft der Arbeiterwohlfahrt (Awo) im Lerchensteig wohnen 16 Nationalitäten. Unter anderem Afghanen, Syrer und Tschetschenen.

Umgeben von Wiesen und Alleen hört man die Vögeln zwitschern, auf dem Nachbarhof laufen Hühner herum und die Bundesstraßen 273 und 2 sind erst nach zwei Kilometern zu erreichen. Gegenverkehr ist im Lerchensteig eher selten. Vor einem der Wohncontainer harkt ein Flüchtling ein Blumenbeet, Kinder flitzen mit ihren Fahrrädern vorbei. Von den ersten Containerreihen aus können die Bewohner endlos ins Grüne schauen. Landleben.

Die Heimleitung bemüht sich um eine besser Busverbindung

Deshalb brauchen die Flüchtlinge auch länger in das Stadtzentrum, etwa eine gute halbe Stunde. Nach zehn Gehminuten ist man an der Haltestelle, von der aus der Bus alle 20 Minuten in die City fährt, erzählt Aneta Szerbak-Zeis, Sozialarbeiterin am Lerchensteig. Es gibt jedoch auch eine andere Linie, die direkt vor der Haustür hält. Allerdings fährt dieser Bus nur im 40-Minuten-Takt. Die Heimleitung bemüht sich seit einiger Zeit um bessere Verbindungen. Sobald es wärmer ist, werden sich aber viele Flüchtlinge auf den Drahtesel schwingen und in die Stadt radeln. Ganz so, wie es im vergangenen Sommer war, sagt die Heimleiterin Anastasiya Batuyeva.

Anfangs waren die Flüchtlinge schon ein wenig überrascht, dass sie so weit außerhalb der Stadt wohnen, erzählt Anastasiya Batuyeva. „Der Bus, der die Menschen hierher bringt, fährt aber auch eine sehr ländliche Strecke ab.“ Nach ein paar Tagen waren die Flüchtlinge aber zufrieden, am Lerchensteig zu sein. „Die Asylbewerber freuen sich, ein wenig Dorfcharakter zu erleben, schließlich haben die meisten in ihrer Heimat auch auf dem Land gewohnt“, sagt Anastasiya Batuyeva – aber natürlich seien die Container im Vergleich zu den eigenen vier Wänden nicht ideal. „Eine eigene Wohnung wünsche ich jeder Familie.“

Nedlitz in Zahlen

Eingemeindet wurde Nedlitz 1935. Dort leben rund 170 Einwohner, darunter war bis Anfang 2015 ein Ausländer. Seit Ende Januar 2015 besteht nun das Asylbewerberheim in Nedlitz. 188 Flüchtlinge leben dort, darunter etwa 140 Männer und 40 Frauen.

16 Nationen sind auf dem 10 000 Quadradmeter großen Areal der Arbeiterwohlfahrt untergebracht.

Die meisten Flüchtlinge – etwa 60 Prozent – sind Syrer. Zehn Familien leben im Heim. 18 Flüchtlinge sind in den Räumen des benachbarten Obdachlosenheims eingezogen.

Erste Erwähnung fand die kleine Ortschaft Nedlitz bereits im Jahr 1323.

Theodor Fontane widmet in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ ein paar Zeilen der Nedlitzer Fähre: „Jahrhundertelang fuhr hier ein schlichter Kahn über die Schmalung, erst von Vater und Sohn, dann vom Enkel und zuletzt vom Urenkel geführt...“

Seit dem 19. Januar 2015 stehen auf dem Gelände der Arbeiterwohlfahrt, auf dem auch das Obdachlosenheim untergebracht ist, die Wohncontainer. Nicht zum ersten Mal. Bis 2009 gab es dort schon einmal eine Unterkunft für Asylbewerber. Mit dem ein Jahr zuvor formulierten Integrationskonzept der Stadt nahm man Abschied von der Gemeinschaftsunterkunft am Stadtrand und bemühte sich, Flüchtlinge in Wohnungen in der Stadt einzuquartieren. Als aber 2013 die Flüchtlingszahlen wieder stiegen und möglichst schnell hunderte Plätze gebraucht wurden, entschieden die Stadtverordneten nach heftiger Debatte, den Lerchensteig wieder zu beleben. Auf dem 10000-Quadratmeter- Areal wurde das alte Heim abgerissen und durch Neubauten in Modulweise, sprich Container, ersetzt.

Mehr als die Hälfte der Bewohner stammt aus Syrien

Von den 200 Plätzen sind gut 180 belegt, sagt Anastasiya Batuyeva, „Über die Hälfte der Menschen, etwa 60 Prozent, sind Syrer zwischen Anfang 20 bis 30.“ Aber auch alleinstehende Frauen und Familien sind in Nedlitz untergebracht. Wie die Albanerin Nirvana Dibra, die mit ihrem Mann und den zwei Kindern vor 13 Monaten nach Potsdam gekommen ist. Ihr gefällt es am Stadtrand. „Es ist wunderschön hier. Meine Kinder können draußen spielen und Fahrrad fahren, ohne dass ich mir wegen des Verkehrs Sorgen machen muss.“ In ihrer Heimat wohnte sie mitten in der Stadt und kann hier auf dem Land, wie sie sagt, ganz in Ruhe leben. Das bestätigt auch Anastasiya Batuyeva. „Wenn die Flüchtlinge aus Eisenhüttenstadt zu uns kommen, haben sie eine anstrengende Reise hinter sich und sind froh, hier durchatmen zu können.“ Auch die Heimleiterin freut sich, dass ihr Arbeitsplatz ländlich gelegen ist. Zuvor hat sie im Zentrum gearbeitet.

Weil das Heim so weit von der Innenstadt entfernt liegt, entsteht für die Flüchtlinge, aber auch ein Gefühl von Freiraum, ergänzt die Sozialarbeiterin Aneta Szerbak-Zeis. Wenn es wärmer wird, wird auch das Camp wieder aufleben, berichtet sie. Die Garten-AG pflanzt Blumen um die Container herum „und im Sommer treffen sich die Flüchtlinge zwischen den Häusern, bauen Tische auf, unterhalten sich und essen gemeinsam“, erzählt Anastasiya Batuyeva mit einem Lächeln. „Probleme gibt’s hier kaum.“

Auch das Verhältnis zu den Obdachlosen von nebenan ist gut. „Letztes Jahr haben wir ein gemeinsames Sommerfest veranstaltet“, so die Heimleiterin. „Dieses Jahr organisieren wir einen Tischtennis-Turnier.“

Von Lisa Neumann

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