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Potsdam Blaupause für den Herbst 2015
Lokales Potsdam Blaupause für den Herbst 2015
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19:22 06.07.2018
Vukašin „Vule“ Brkić (vorn) mit den Breakdancern Aboode, Micky, Robert Segner, Polina und Elsa (v.l.n.r.) vor dem Rechenzentrum. Quelle: Privat
Potsdam

Das Projekt „Neue Nachbarschaften“ beginnt im September 2013 im Haeckelkiez, Potsdam-West. Die Stadt und die Pro Potsdam öffnen 20 Wohnungen in zwei Sanierungsblocks für 70 Flüchtlinge. Unterstützt wird das in Brandenburg bis dahin einmalige Projekt vom Stadtteilnetzwerk Potsdam-West.

Koordinator der ehrenamtlichen Helfer ist der Breakdancer, Tanzpädagoge und Kulturarbeiter Robert Segner (32), der 2011 mit dem Kiezfest „Plattenspieler“ eine verlorene Landschaft aus Asphalt und Beton an der Knobelsdorffstraße für den Stadtteil zurück gewann.

Einer der Sanierungsblöcke im Haeckelkiez, in denen 2013 Wohnungen für Flüchtlinge freigegeben wurden. Quelle: Christel Köster

Segner berichtet von einer Stadtteilkonferenz, auf der Ideen von gemeinsamem Kochen über Stadtteilspaziergänge bis zu integrativer Gartenarbeit entwickelt wurden. Es gab auch Missverständnisse: „Du bringst Angebote für Geflüchtete, und dann sind sie gar nicht da.“

Denn der Alltag der Angekommenen, für die Potsdam oft nur eine Durchgangsstation ist, wird von existenziellen Fragen bestimmt: von Fluchterlebnissen, ungewohnter Bürokratie, Angst vor „Rückführung“. „Die Leute sind enorm aufgeladen“, sagt Segner, „durch was auch immer“. Die Helfer mussten lernen, ihren Einsatz zu dosieren. Spenden, Kleidung vor allem, gingen in einer Fülle ein, die kaum zu bewältigen war. „Das war einfach harte Arbeit“, sagt Segner.

Beim Willkommensfest am 20. September 2015 in der Heinrich-Mann-Allee. Quelle: Friedrich Bungert

Ohne es zu ahnen, lieferten die Aktiven die Blaupause für den Herbst 2015, als es nicht mehr um 70, sondern um Hunderte Menschen ging: Am 15. September 2015 erreichten die ersten zwei Busse mit 280 Flüchtlingen die neue Aufnahmestelle in der Heinrich-Mann-Allee. Und ein stadtweites Netzwerk von Helfern war zur Stelle.

2015 kamen fast 1500 Flüchtlinge nach Potsdam. Für 2018 rechnet die Stadt mit 170 Flüchtlingen, das entspricht der Gesamtanzahl von 2013.

Segner gab die Koordination der „Neuen Nachbarschaften“ 2014 ab, ohne dem Projekt untreu zu werden. Für Schlagzeilen sorgte der Kampf um ein Bleiberecht für den Roma-Jungen Vukašin „Vule“ Brkic vom Haeckelkiez.

Zum „Plattenspieler“-Festival 2014 sah der damals Sechsjährige die Breakdancer um Segner – und machte mit. Der Junge sei „ein Riesentalent“, sagt der Trainer, der schon bald nach dieser ersten Begegnung mit seiner Crew gegen die drohende Abschiebung von Vule und seiner Familie nach Serbien antanzen sollte.

Die Kampagne brachte es bis auf die Seiten des „Stern“-Magazins. Innenminister Karl-Heinz Schröder erteilte schließlich eine zunächst bis 2019 befristete Aufenthaltsgenehmigung.

Breakdance-Training im Rechenzentrum. Quelle: Privat

„Ein Leben ohne breakn ist nicht so gut“, sagt der heute neunjährige Vule auf dem Plakat für den Dokumentarfilm „breakn“ Florian Devriel und Robert Segner, der vor wenigen Tagen im Thalia-Kino lief. Der Film erzählt von fünf jungen Menschen mit und ohne Fluchtgeschichten, die ihre Liebe zum Breakdance eint.

In Potsdam sei im Breakdance „eine neue Generation am Start“, sagt Robert Segner, der im Rechenzentrum im Ehrenamt ein Bewegungs- und Begegnungsstudio eröffnet hat. Zeitweise trainieren dort 30 Leute zwischen 14 und 18 Jahren gleichzeitig. „Kulturt Euch!“ ist der Name des Vereins, den sie dafür gegründet haben.

MAZ-Serie „1000 plus 25 Jahre Potsdam“

Mit einem Fest wird am 8. Juli auf dem Alten Markt der 1025. Jahrestag Potsdams gefeiert. Die MAZ blickt aus diesem Anlass in einer Serie auf das jüngste Vierteljahrhundert zurück. Pro Jahr wird an ein Ereignis erinnert.

Bisher erschienen:

Kunst-Skandal zur 1000-Jahrfeier 1993 – die „Fontanelle“

Schießerei im KGB-Städtchen – der Abzug der Russen 1994

Boheme auf Abwegen – Neueröffnung des Café „Heider“ 1995

„Einkaufen? Eine Katastrophe.“ – Die Stern-Center-Eröffnung 1996

Wilder Osten – Der Potsdam-Center-Skandal 1997

Die SPD steht hinter mir – Abwahl von OB Horst Gramlich 1998

Sonnenfinsternis im Neuen Garten – 1999 wächst das Potsdamer Weltkulturerbe

Das Ende der Philharmonie – 2000 eröffnet der Nikolaisaal

„Ja zu langen Unterhosen“ – Die Buga 2001 und die AG Stadtspuren

Kampf um die Straße – 2002 gründet sich das Bündnis „Potsdam bekennt Farbe“

Schlechte Stimmung in Neu Fahrland – 2003 wächst Potsdam Richtung Norden

Rettung der Brandenburger Straße – Richtfest bei Karstadt 2004

Zu schön für den Titel – 2005 scheitert die Bewerbung als Kulturhauptstadt

Premierenfieber in der Schiffbauergasse – 2006 wird der Theaterneubau eröffnet

Bürgerprotest für Barockfassaden – Die Geburt von „Mitteschön“ 2007

Kultureinrichtungen kollabieren – 2008 ist das Jahr des Jugendprotests

Eskalation am Griebnitzsee – Anrainer blockieren zum Osterfest 2009 den Uferweg

Bürgerpark statt Straßenschlucht – Die Geburt der Gartenstadt Drewitz 2010

Der Stadtwerke-Skandal 2011 – Potsdams erste Transparenzkommission

Gedächtnis der Stadt zieht in die Mitte – Eröffnung des Potsdam-Museums 2012

Ein Café „Et Cetera“ – Eröffnung des Bildungsforums 2013

Das erste Konzert im Innenhof – 2014 wird das Landtagsschloss eröffnet

„Neue Nachbarschaften“ helfen Flüchtlingen – Die Blaupause für den Herbst 2015

Das letzte Bürgerbegehren – 2016 mobilisieren Potsdamer für Fachhochschule, Staudenhof und Mercure

Im Epizentrum des Streits um die Stadtmitte – Das Barberini kommt, die alte FH verschwindet

Von Volker Oelschläger

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