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Potsdam Blinde Kinder tanzen im Neuen Palais
Lokales Potsdam Blinde Kinder tanzen im Neuen Palais
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18:33 05.11.2017
Museumspädagogin Wilma Otte mit Isabella Schwarzer (11,l.) und Isabella Rosenlöcher (7) am Modell des Parks Sanssouci vor der ersten Führung für blinde Kinder durch das Neue Palais. Quelle: Annika Jensen
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Potsdam

Die Stoffe fühlen sich weich an. Manchmal auch wie Krepp. Das Modell des Parks Sanssouci ist dagegen kalt und hart. Wie ein blinder Mensch die Schlösser und Gärten in Potsdam erlebt, lässt sich als Sehender wohl nicht vorstellen – schon gar nicht, wenn diese blinden Menschen Kinder sind. Und doch wollen auch sie nicht ausgeschlossen sein. Das hat die Schlösserstiftung nun erkannt. Sie hat in Kooperation mit dem Potsdamer Verein Pro Sehen und der Bundesvereinigung Eltern blinder und sehbehinderter Kinder (BEBSK) am Samstag den ersten Tanznachmittag für blinde Kinder im Neuen Palais organisiert.

Fanny Hess beim Betasten eines Kleides. Quelle: Annika Jensen

Die Museumpädagogin Wilma Otto begrüßt die sechs Kinder und ihre Familien gemeinsam mit Vertretern der Vereine am Modell des Parks. Im Anschluss ging sie mit ihnen durch den Museumsshop in die Museumswerkstatt. Dort stehen drei Kleiderpuppen, die prachtvolle Kleider und Anzüge in der Mode des 18. Jahrhunderts tragen. Auf einer Kleiderstange am anderen Ende des Raumes hängen noch mehr Gewänder. Eine Berliner Schneiderin hat sie in verschiedenen Größen und kostbaren Stoffen für die Stiftung angefertigt. „Der Nachmittag ähnelt sehr dem Ablauf unserer Kindergeburtstage“, sagt Otto. „Wir reden ganz kurz über die Zeit Friedrich des Großen. Dann ziehen die Kinder, sowohl die blinden als auch ihre begleitenden Geschwister, die Kleider an, wir üben ein paar Tanzschritte ein und dann geht es in den Spiegelsaal im Neuen Palais.“

„Ihr werdet wunderschön aussehen, ganz wie die Menschen früher“, sagt Yvette Arnholdt, eine weitere Betreuerin. Auf ihre Sprache achtet Arnholdt nicht. So beschreibt sie die Knöpfe am Herrenrock als „wunderschön golden“. Doch was ist Schönheit, was ist Gold für diese Kinder? „Ich denke nicht, dass wir uns in der Sprache einschränken sollten“, sagt Susan Hähnel, Vorsitzende des Vereins Pro Sehen. „Es ist nicht so, dass sie es nicht mitkriegen, wenn sie farbige Stoffe betasten. Sie nehmen sie schlicht anders wahr. Uns geht es darum, den Kindern möglichst, eine normale Welt zu vermitteln.“ Sprachliche Einschränkungen würden dabei nicht helfen.

Karina Schenk kniet mit ihrer vierjährigen Tochter Jagoda vor einer Kleiderpuppe. Das Mädchen kann zwar Hell und Dunkel, Farben und Formen erkennen, trotzdem liegt seine Sehkraft unter zwei Prozent. Damit gilt Jagoda als blind. Sie betastet den Stoff – Rock, Unterrock und die Spitze. 20 Minuten später steckt sie in einem solchen Kleid. „Sie sieht total süß aus. Aber ich denke, meine Tochter ist doch noch recht jung dafür“, sagt Karina Schenk. „Ich bin eher in Vertretung des Vereins BEBSK hier und wollte es mir unbedingt anschauen. Und ich glaube, dass es für die älteren Kinder auf jeden Fall eine schöne Sache ist.“ Das Verkleiden und Tanzen sei eine tolle Möglichkeit, etwas über die Zeit des Königs zu erfahren.

Romy Hess (.l) kann sehen und begleitet Isabella Rosenlöcher ins Schloss zum Tanzen. Quelle: Annika Jensen

Nach dem Einüben der Tanzschritte geht es rüber zum Neuen Palais. Die Touristen schauen verblüfft der kleinen Prozession von Kindern in bunten barocken Kleidern hinterher. Romy kann sehen. Sie ist als Schwester dabei. Auf dem Weg zum Schloss hält sie die Hand der blinden Isabella. Sie führen die Gruppe an und sind als erstes am Schloss. Romys Vater Hans-Jörg Hess läuft mit Sohn Henry auf dem Arm hinterher. „Ich finde es sehr schön, weil es sehr haptisch gestaltet ist“, sagt er. „Es ist ja schon für uns recht schwer zu begreifen, wie es damals wirklich war. Für Blinde ist es sicher noch schwerer. Aber das Anfassen der Kleider und das Anziehen, das macht es wirklich interessant.“

Im Schloss dürfen die Kinder im Spiegelsaal in einen sonst abgesperrten Bereich. Arnholdt entfernt eine dicke Kordel. Die Gruppe läuft über eine Holzabdeckung, die den kostbaren Marmorboden schützt. Am anderen Ende des Raumes, in einer Ecke, ist ein großer quadratischer Teppich ausgelegt. Dort tanzen die Kinder ihre einstudierten Tänze. Aus einem kleinen CD-Recorder am Boden erschallt die Musik.

Als sie zurück in der Museumswerkstatt sind, aus ihren Kleidern schlüpfen und wieder in der Gegenwart angekommen sind, wartet ein reich gedeckter Tisch auf sie. Bei Saft, Kaffee und viel Gebäck sitzen die Familien und Organisatoren beisammen und tauschen sich aus. Susan Hähnel ist zufrieden mit dem Nachmittag. „Ich kann Ihnen schon jetzt sagen, das wird nicht das letzte Mal gewesen sein.“

Von Annika Jensen

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