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Blindgänger in Potsdam Bombenentschärfung am Dienstag: Das müssen Sie wissen
Lokales Potsdam Blindgänger in Potsdam Bombenentschärfung am Dienstag: Das müssen Sie wissen
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15:42 01.08.2018
Sperrkreis für die Bombenentschärfung in Potsdam am 3. Juli 2018 Quelle: Detlev Scheerbarth
Potsdam

Mal wieder werden große Teile der Potsdamer Innenstadt lahmgelegt. Am Dienstag, 3. Juli 2018, wird in der Nähe des Hauptbahnhofes eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft. Alles, was Sie dazu wissen müssen, finden Sie hier im aktuellen Blindgänger ABC:

AUSWEICHQUARTIERE

Während der Evakuierung [-> Sperrkreis] und Entschärfung stehen das Freiland in der Friedrich-Engels-Straße 22, der Treffpunkt Freizeit in der Straße Am Neuen Garten 64 und das Bürgerhaus am Schlaatz, Schilfhof 28, als Aufenthaltsorte zur Verfügung. Es werden Shuttlebusse eingesetzt:

Vom Parkplatz ab Am Kanal Ecke Burgstraße fährt der Bus zum Treffpunkt Freizeit, ab Haltestelle Humboldtring fährt der Shuttlebus zum Bürgerhaus am Schlaatz und ab Friedrich-Engels-Straße Höhe Pflegequartier fährt der Bus zum Freiland.

BOMBE

Bei dem am Dienstag in der Nähe des Hauptbahnhofes gefundenen Blindgänger handelt es sich um eine 250 Kilogramm schwere Fliegerbombe englischer Herkunft aus dem Zweiten Weltkrieg [-> Nacht von Potsdam]. Der Blindgänger liegt in etwa drei Metern Tiefe im Nuthepark.

Übrigens: Die meisten Blindgänger in Potsdam sind englischer Herkunft, weil der Angriff von britischen Truppen durchgeführt wurde. Zwar werden auch ab und an amerikanische Fliegerbomben gefunden, aber dabei handelt es sich zumeist um Aushilfsware der Amerikaner, wie Sprengmeister Mike Schwitzke der MAZ verriet.

CRAYFISH

Der Codename für den alliierten Bombenangriff auf Potsdam war „Crayfish“. 512 Flugzeuge hoben am 14. April 1945 von mehreren britischen Flugplätzen nördlich von London ab – davon hatten 490, zumeist schwer beladende Lancaster-Bomber, das Ziel Potsdam. Der Bomber-Strom war fast 70 Kilometer lang.

DATUMSRECHNER

Der Blindgänger liegt vermutlich seit 26.744 Tagen auf seinem Platz. [-> Fundort]. Damals, am 14. April 1945 [-> Nacht von Potsdam], wurden große Teile der Innenstadt rund um den Bahnhof bei einem Luftangriff britischer Bomber zerstört.

Vor genau 238 Tagen, am 8. November 2017, wurde an fast der gleichen Stelle ein Blindgänger [->Rückblick] entschärft.

Übrigens: Die Bombenentschärfung findet an einem Jubiläumstag für Potsdam statt. Am 3. Juli 993, also vor 1025 Jahren, wurde Potsdam das erste Mal urkundlich erwähnt.

EVAKUIERUNG

Etwa 10.000 Menschen leben in dem Bereich rund um den Blindgänger. Sie müssen ihre Wohnungen am Dienstag bis 7.30 Uhr selbstständig verlassen.

Im Sperrgebiet befinden sich drei Pflegeheime, die Grundschulen Rosa Luxemburg in der Burgstraße und Am Humboldtring sowie die Lenné-Gesamtschule, sechs Kindertagesstätten, der Hauptbahnhof, die Lange Brücke, das Bildungsforum, das Sport- und Freizeitbad Blu, das Filmmuseum, das Potsdam-Museum, das Museum Barberini [-> siehe Gerhard Richter], das Hotel Mercure und der Landtag.

FUNDORT

Die Bombe wurde zwischen Havel, Nuthe und Hauptbahnhof gefunden – mitten auf einer freien Fläche. Auf dem Gelände neben der Investitionsbank soll eine Grünfläche mit Spielanlagen entstehen. Dazu wird die Erde bis in vier Metern Tiefe ausgetauscht.

Warum liegt die Bombe gerade an dieser Stelle? Die Antwort ist einfach: Das Areal liegt mitten im Zielgebiet [ -> Quadrat] der britischen Lancaster-Bomber aus dem Jahr 1945. Zum anderen befand sich auf dem Areal einst ein Güterbahnhof – und auf dem stand laut Sprengmeister Mike Schwitzke in den letzten Kriegstagen ein mit deutscher Artilleriemunition beladener Zug.

GERHARD RICHTER

Das Museum Barberini hat dienstags regulär geschlossen. Ein Besuch wäre sowieso nicht möglich gewesen, eine Evakuierung nicht nötig. Aber: Im Museum wurde man am Donnerstagnachmittag von der Nachricht über den Bombenfund kalt erwischt. Knapp vor der Eröffnung der Richter-Ausstellung konnte man dort noch keine Auskunft über die Konsequenzen der Sperrkreis-Situation für das Haus geben – etwa ob die Gemälde wegen möglicher Erschütterungen abgehängt werden müssen.

HELFER

Etwa 600 Helferinnen und Helfer, unter anderem von der Stadt, der Berufsfeuerwehr, freiwilligen Feuerwehren, Bundespolizei und Polizei sind im Einsatz, um den Sperrkreis zu räumen und abzusichern, teilte die Landeshauptstadt Potsdam mit.

INVALIDE PERSONEN

Alle Bewohnerinnen und Bewohner sind dazu aufgerufen, den Sperrkreis bis 7.30 Uhr selbstständig zu verlassen. Personen, die jedoch nicht selbstständig den Sperrkreis verlassen können, melden sich bitte frühzeitig bei der Potsdamer Feuerwehr unter (0331) 370 1216, um einen Transport zu bestellen.

JAHR 1945

Allein von Januar bis Mitte April 1945 heulten die Sirenen in Potsdam über 130 Mal. Jedes Mal heulen die Sirenen, die Menschen eilen in die Luftschutzräume. Doch der letzte zielgerichtete Angriff fand am 22. Juni 1944 statt. An einen erneuten Angriff glaubt daher in jedem Frühjahr keiner so richtig. Doch das ist ein Trugschluss. Potsdam steht seit Februar 1945 auf einer Liste mit 25 potenziellen Zielen (Operation ‚Thunderclap’). Am 12. April fällt die Entscheidung: Potsdam wird am 14. April 1945 [-> Nacht von Potsdam] angegriffen.

KMBD

Der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD) gehört der Polizei des Landes Brandenburg an. Sein Sitz ist in Wünsdorf. Er ist zuständig für die Kampfmittelbeseitigung in Brandenburg „sowie die Nachweisführung über geräumte Flächen, die Entgegennahme, den Transport, die Lagerung und Vernichtung von Kampfmitteln“.

Das Land Brandenburg weist den höchsten Anteil an kampfmittelbelasteten Gebieten der Länder der Bundesrepublik Deutschland auf. Rund 392.000 ha seiner Gesamtfläche gelten noch als belastet, teilte der KMBD mit.

LIVETICKER

MAZonline wird am Dienstag einen Liveticker zur Bombenentschärfung veröffentlichen. Darin halten wir Sie live über das aktuelle Geschehen auf dem Laufenden. Sie erfahren, wann der Sperrkreis geräumt ist, wann mit der Entschärfung begonnen wird und wann Sie wieder in Ihre Wohnungen zurück können. Nutzer der MAZ-MobilApp halten wir zusätzlich mit Push-Nachrichten über den aktuellen Stand der Räumung auf dem Laufenden.. Weitere Informationen, Geschichten und Fotos finden Sie zudem unter: www.MAZ-online.de/bombe.

MIKE SCHWITZKE

Verantwortlicher Sprengmeister am Dienstag in Potsdam ist Mike Schwitzke vom KMBD. In Potsdam ist er seit Jahren der Herr der Bomben. In seinen Bereich fallen neben der Landeshauptstadt aber auch die Landkreise Potsdam-Mittelmark und das Havelland sowie die Stadt Brandenburg an der Havel.

Am 22. Juni 2018, also vor wenigen Tagen, hatte er seinen letzten Einsatz. In Nauen. Erfolgreich.

NACHT VON POTSDAM

Am 14. April 1945 wurde Potsdam das Ziel eines alliierten Bombenangriffs. Unter dem Titel „Die Nacht von Potsdam“ hat der Potsdamer Historiker und Buchautor Hans-Werner Mihan ein Buch über die unheilvolle Nacht herausgegeben. Der Titel ist angelehnt an den „Tag von Potsdam“ und bis heute im Sprachgebrauch der Potsdamer verankert.

Der Angriff damals dauerte nur wenige Minuten, aber die Folgen waren verheerend: Tote und Verletzte liegen in den Trümmern. Der Bahnhof und ein Großteil der historischen Altstadt sind zerstört. Von den 1656 Gebäuden der Innenstadt wurden 509 völlig zerstört und 103 zum Teil; 989 Gebäude galten noch als bewohnbar und nur 55 als unbeschädigt.

Das Protokoll der Bombennacht in Echtzeit: Zeitzeugenberichte, Hintergründe und Bilddokumente.

ORDNUNGSWIDRIGKEIT

In der Vergangenheit – so wie beim letzten Mal oder im „Fall der Waschmaschinen-Anlieferung“ – kam es zu Störungen und Verzögerungen durch Passanten. Die Landeshauptstadt hat daher entschieden, „jede Störung bei der Evakuierung und Entschärfung zur Anzeige zu bringen beziehungsweise selbst Bußgeldverfahren einzuleiten“.

Der Sperrkreis wird geräumt – so oder so. „Im Rahmen der geltenden Gesetze werden nach pflichtgemäßem Ermessen alle notwendigen Maßnahmen getroffen, um von der Allgemeinheit oder dem Einzelnen Gefahren abzuwehren, durch die die öffentliche Sicherheit oder Ordnung bedroht wird“, teilte die Stadt Potsdam mit.

Menschen, die sich gegen diese Gefahrenabwehrmaßnahme wehren, verstoßen gegen die Kampfmittelverordnung für das Land Brandenburg.

Also: Rechtzeitig raus aus dem Sperrkreis! Diese Ordnungswidrigkeit kann mit einem Bußgeld von bis zu 5.000 Euro geahndet werden.

PERSONENNAHVERKEHR

Im Bus- und Straßenbahnverkehr wird es am Dienstag zu massiven Einschränkungen und Verzögerungen kommen.

Zunächst fahren die Straßenbahnen noch über die Brücke, halten jedoch 7.30 Uhr nicht mehr am Hauptbahnhof, Lange Brücke und Alter Markt. Mit Beginn der Entschärfung wird das Straßenbahnnetz zweigeteilt.

Wer von Süden nach Norden bzw. umgekehrt fahren möchte, muss von der Tram in den Bus umsteigen.

Vom Norden in Richtung Hauptbahnhof: Zwischen Platz der Einheit und Rathaus Babelsberg in die Straßenbahnen 94 und 96 und dann in die Busse 693 und 694 bis zur Haltestelle Magnus-Zeller-Platz – vom Süden her umgekehrt.

Die Busse aus dem Norden in Richtung Hbf enden alle am Platz der Einheit/West.

Der Bus 690 verkehrt nur zwischen Rathaus Babelsberg und Johannes-Kepler-Platz.

Der 691er verkehrt ab 7.10 Uhr gar nicht. Der Bus 694 verkehrt zwischen den Haltestellen Rathaus Babelsberg und Templiner Eck in beiden Richtungen über Karl-Liebknecht-Straße, Großbeerenstraße, Horstweg, An der Alten Zauche, Heinrich-Mann-Allee, Brauhausberg, Templiner Straße. Zusätzlich werden die Haltestellen entlang der Umleitungsstrecke bedient.

» Detaillierte Informationen unter www.vip-potsdam.de. Das Kundenzentrum am Hauptbahnhof bleibt während der Munitionsbergung geschlossen.

QUADRAT

Nach mehreren übereinstimmenden Historiker-Berichten wurde während des Angriffs auf Potsdam ein Zielgebiet in Form eines Quadrates über der historischen Innenstadt markiert.

RÜCKBLICK

Am 8. November 2017 wurde eine Fliegerbombe nicht weit entfernt vom Fundort des aktuellen Blindgängers gefunden. Die Bombe befand sich in einem „miserablen Zustand“. Die Entschärfung war daher zunächst fraglich, aber mit Hilfe eines Roboters gelang sie dennoch.

SPERRKREIS

Der Sperrkreis rund um den Fundort in der Babelsberger Straße beträgt am Dienstag zirka 800 Meter. Von den Sperrungen ist die gesamte südliche Innenstadt zwischen Am Kanal, Humboldtbrücke, Humboldtring, Lotte-Pulewka-Straße, Friedrich-Engels-Straße, Friedhofsgasse, Heinrich-Mann-Allee, Am Brauhausberg, Finkenweg, Leipziger Straße, quer über die Havel bis zum Lustgarten, Schlossstraße und über die Friedrich-Ebert-Straße wieder zur Straße Am Kanal.

TELEFON

Betroffene erhalten Informationen rund um die Entschärfung und den Sperrkreis bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Landeshauptstadt unter der Nummer (0331) 289 1677 und bis Sonntagabend unter der Telefonnummer (0331) 289 1642.

UNSCHÄDLICH

Mike Schwitzke wird am Dienstag versuchen, die Fliegerbombe vor Ort zu entschärfen. Er wird den Zünder der Bombe entfernen und kontrolliert sprengen. Die Bombe an sich wird dann abtransportiert und später unschädlich gemacht.

VERKEHR

Der Straßenbahn- und der Busverkehr werden in Potsdam am Dienstag während der Entschärfung zwischen Am Friedhof und Platz der Einheit unterbrochen [-> Personennahverkehr].

Autofahrer werden gebeten, das Gebiet weiträumig zu umfahren. Die Nuthestraße und Humboldtbrücke sind befahrbar.

Die Heinrich-Mann-Allee ist ab Am Brauhausberg gesperrt, das Abbiegen in die Straße Am Brauhausberg ist möglich. Die Leipziger Straße ist ab Höhe Wasserwerk gesperrt. In der Innenstadt sind die Breite Straße sowie die Friedrich-Ebert-Straße ab Yorckstraße bis zum Sperrkreis nur für Anlieger befahrbar.

WEITERE BLINDGÄNGER

Sprengmeister Mike Schwitzke geht davon aus, dass es noch weitere Blindgänger im Boden der Landeshauptstadt zu finden sind. Vor allem das Gebiet rund um den [-> Fundort | -> x-te Bombe] wurde bei dem Angriff auf Potsdam massiv bombardiert.

X-TER BLINDGÄNGER

Seit 1990 werden Fliegerbomben ab 100 Kilogramm in Potsdam statistisch erfasst. Der jetzt gefundene Blindgänger ist Nummer 188. Kleinere Kaliber werden in dieser Statistik nicht erfasst.

ZUGVERKEHR

Der Zugverkehr wird während der Entschärfung zwischen S-Bahnhof Babelsberg und Bahnhof Charlottenhof unterbrochen.

Von 7:30 bis etwa 9:30 Uhr dürfen die Regionalzüge in Potsdam Hbf nicht mehr halten. Danach wird der Bahnbetrieb eingestellt.

Betroffene Linien:

RE1 Magdeburg/Brandenburg - Frankfurt (Oder)/Eisenhüttenstadt

RB20 Hennigsdorf - Potsdam Hbf

RB21/22 Berlin Friedrichstraße/Griebnitzsee - Golm - Wustermark/Berlin-Schönefeld Flughafen

RB23 Michendorf - Potsdam

S-Bahnlinie 7 Potsdam Babelsberg - Potsdam Hbf

Die Bahn rechnet mit einem Ende der Maßnahme gegen 14 Uhr.

» Mehr Informationen unter www.bahn.de sowie telefonisch unter (0331) 235-6881 und (0385 750) 2405 zur Verfügung.

Von MAZonline

Am Dienstag geht in der Potsdamer Innenstadt nichts mehr. Ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg wird entschärft. Zehntausend Menschen müssen den Sperrkreis verlassen. Der Bahnverkehr wird eingestellt, die Lange Brücke gesperrt.

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