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Die Nacht von Potsdam Großvater wollte nicht mit in den Keller
Lokales Potsdam Blindgänger in Potsdam Die Nacht von Potsdam Großvater wollte nicht mit in den Keller
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11:29 15.04.2015
Anneliese Sotschek 1953 bei ihrer Hochzeit. Quelle: Privat
Potsdam

An das Geräusch der Sirenen wird sich Anneliese Sotschek immer erinnern. „Das kann man nicht vergessen“, sagt die heute 85-jährige Potsdamerin. 1930 kam Anneliese Sotschek in Schlesien zur Welt und lebt seit 1937 in der Wollestraße in Babelsberg. Schon vor der Nacht von Potsdam hatte Anneliese Sotschek als junges Mädchen viele Fliegeralarme miterlebt. „Bei Fliegeralarm in der Schule mussten wir, wenn genug Zeit war, nach Hause in die Bunker, ansonsten in den direkt bei der Schule,“ sagt sie. „Wir haben uns dann gefreut, dass die Schule früher ausging.“ Kam der Fliegeralarm in der Nacht, war es immer schwierig, den jüngeren Bruder aus dem Bett zu bekommen. „Da hatte meine Mutter ganz schön zu tun.“ Meistens sind die Flieger ohnehin nur über Potsdam in Richtung Berlin geflogen.

Eineinhalb Zimmer teilte sich ihre Familie damals – die beiden Kinder, die Mutter sowie die beiden Großeltern wohnten in der Wohnung. „Mein Vater war ja im Krieg“, sagt Sotschek.

Doch der 14. April 1945 ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben.  „Um 22 Uhr hörten wir den Fliegeralarm“, erinnert sich Sotschek. „Und dann ging es los mit dem großen Angriff auf Potsdam und Babelsberg.“ Gemeinsam mit dem Bruder, der Großmutter und der Mutter rannte sie in den Keller. Nur ihr Großvater blieb stur und legte sich ins Bett. „Er hat gesagt: ‚Ich geh nicht in den Keller, ich hab den Ersten Weltkrieg überlebt‘“, erzählt Sotschek. Es blieb keine Zeit zum Umstimmen, alle beeilten sich, in den Luftschutzkeller zu gelangen. „Das Haus hat gewackelt und mein Bruder und ich klammerten uns an unsere Mutter, solche Angst hatten wir.“ Sie erinnert sich auch an eine junge Mutter, die die ganze Zeit über ihr Baby gebeugt war in der Hoffnung, sie könnte es so schützen.

Durch den Luftdruck der Bomben öffneten sich dann die Rußklappen der Öfen, die Menschen drohten, zu ersticken. „Die Wirtin ist hochgerannt und hat Wasser geholt, dass wir nicht ersticken“, sagt Sotschek.

Das erste, was sie taten, als der Angriff vorbei war: Nachsehen, wie es dem Großvater geht. „Mein Großvater lag im Bett, die Fenster waren alle raus, die Tür lag auf seinem Bett, die Decke hatte er über den Kopf gezogen, er hat gezittert  – aber er lebte.“

Die Großeltern waren aus Schlesien nach Babelsberg geflüchtet – mit einem Ochsen. „Durch den tiefen Schnee bis hierher hat er geschafft“. Der Ochse wurde bei einem Gutsbesitzer untergestellt.

Dieser Gutsbesitzer wollte sich nicht auf den Keller als Schutz vor Bomben verlassen und hatte seiner Familie einen Bunker gebaut. Großvater und Bruder ging gleich nach den Freunden gucken. „Auf dem Weg dorthin wurden sie noch von Talfliegern beschossen und warfen sich auf den Boden.“

Doch eine Luftmine hatte den extra errichteten Bunker getroffen. „Das Mädchen hatte noch den Hund im Arm“, sagt Sotschek. Alle Familienmitglieder waren tot, ihre Lungen waren geplatzt. Ihr Großvater begrub die Gestorbenen in einem Massengrab. Das einzig Gute an dem Vorfall sei gewesen, dass nun die Tiere geschlachtet werden mussten und man frisches Fleisch hatte. „Mein Großvater hatte dann Milch für den Säugling.“

Sotschek seufzt. „Tja, und dann ging das große Aufräumen los, überall lag nur noch Schutt herum. Aber wir lebten Gott sei Dank.“ Alle Menschen im Keller blieben unversehrt.

Vier Wochen nach dem verheerenden Bombenangriff, nach vier Wochen begannen die Babelsberger, weiße Laken ins Fenster zu hängen. Sotschek erinnert sich an die riesigen Krater:  „Ich will nicht wissen, wie viele Bomben noch unterm Zentrum Ost liegen“

„Als dann die Russen kamen, hat unsere Mutter uns eingeschärft: Wenn es klopft, geht ihr auf die Toilette.“ Denn wenn die Tür der Stube und die Tür der Eingangstür offen standen, war die Tür zum Badezimmer verdeckt. Zum Glück kam es so nicht. Andere hatten mehr Pech. „Ich erinnere mich an ein Mädchen, das fand ich immer so hübsch, es hatte Korkenlocken“, erzählt Sotschek. „Sie war 18 und wurde mehrmals vergewaltigt.“ Nur einmal kamen die Russen zum Haus ihrer Mutter. „Da bin ich gleich weg“, sagt Sotschek. Ihre Mutter konnte kein Russisch und verstand zunächst nicht, welches Anliegen der Soldat hatte. Er zeigt solange auf die Nähmaschine, bis ihre Mutter verstand: Der Soldat benötigte eine Nadel.

Nachdem Anneliese Sotschek die Schule beendet hatte folgte  wie damals üblich, ein halbes Jahr Pflichtpraktikum in einem Betrieb. Sotschek absolvierte dieses bei einem Tischlermeister in der Nachbarschaft. „Eines Nachmittags kam ich dort an und klopfte vergeblich, nur noch der Hund war auf der Veranda“, erzählt sie. Von den Nachbarn erfuhr sie dann, dass die Familie, die Mitglied der NSDAP waren, Hals über Kopf geflohen waren.

Später lernte Sotschek Uhrmacherin  beim Onkel in Steglitz, sie benötigten einen Werktisch, da ging sie zur Tischlerei, um zu fragen, warum der Bau so lange dauert. „Komm doch mal runter, da ist ne junge Frau“, rief einer der Mitarbeiter hoch zu ihrem zukünftigen Ehemenann. „Er hat dann natürlich gleich Feuer gefangen“, sagt Anneliese Sotschek schmunzelnd.  1953 heirateten sie, 1954 kam Tochter Eva zur Welt. Als ihre Tochter etwas älter war, fing Anneliese Sotschek eine Tätigkeit als Bürokraft an. Zehn Jahre lang war sie sogar in der Finanzbuchhaltung der MAZ beschäftigt. 

Heute hat Anneliese Sotschek auch noch eine Enkeltochter und drei Urenkel.

Von Anne-Kathrin Fischer

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