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Der Mann mit dem explosiven Job

Mike Schwitzke Der Mann mit dem explosiven Job

Mike Schwitzke gehört zu den gefragtesten Sprengmeistern in Deutschland. Der sympathische 44-Jährige hat vor allem in Potsdam mit Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Die MAZ traf sich mit einem Helden, der keiner sein will.

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Sprengmeister Mike Schwitzke am 18. November 2013 im Wildpark.

Quelle: Christel Köster

Potsdam. Mike Schwitzke trägt heute nicht die berühmte schwarze Stoffmütze. Der Mann, der immer dann auf der Titelseite großer Tageszeitungen prangt, wenn es gilt, eine Fliegerbombe unschädlich zu machen, trägt im Büro keine Arbeitsschutzkleidung. Er hat heute nur eine blaue Hose mit dem passenden Shirt an, Holzperlenschmuck an Arm und Hals bringt Abwechslung in sein Outfit.

Das Büro des Truppführers ist in den Räumen des Kampfmittelbeseitigungsdienst, der seinen Sitz wiederum auf dem Gelände der Polizei  in der Kaiser-Friedrich-Straße in Potsdam-Eiche. Von 30 Bomben, die im Jahr 2013 in ganz Brandenburg entschärft werden mussten, fielen 11 in das von Schwitzke betreute Gebiet: Die Landeshauptstadt Potsdam, Potsdam-Mittelmark, das Havelland sowie die Stadt Brandenburg.

Doch die Bombenentschärfung macht nur einen kleinen Teil von Mike Schwitzkes Arbeit aus. Hier, im Betonbau auf dem Polizeigelände, hat sich der 44-Jährige sein Büro bunt eingerichtet, kocht erst einmal eine starke Tasse türkischen Kaffee.  An der Wand hinter seinem Schreibtisch hängen Zeitungsauschnitte und Fotos, auf denen Schwitzke neben unscharf gemachten Bomben in die Kamera lächelt, daneben historische Bilder, etwa Flugblätter mit der Aufschrift „Licht lockt Bomben“. Auf dem akkurat eingerichteten Tisch steht ein kleiner Plastikwecker in Sprengstoffform, daneben die Zünder der letzten beiden Weltkriegsbomben, die Schwitzke in Potsdam entschärft hat: Am 18. Dezember  und am 7. Januar eine jeweils 250 Kilogramm schwere Fliegerbombe US-amerikanischer Bauart.

„Saubere Weste“ Berufsvoraussetzung
Der Tag des Truppführers beginnt für gewöhnlich um sieben Uhr morgens. In seinem Büro erledigt er den „Papierkrieg“, wie der 44-Jährige sagt. Dass es längst nicht nur ums Bombenentschärfen geht, das ist ihm wichtig. „Die Bomben sind der geringste Anteil“, stellt er klar.

„Wir sprengen und entschärfen nicht nur Bomben. Die Palette ist sehr groß. Einen großen Teil macht die Öffentlichkeitsarbeit aus“, sagt Mike Schwitzke. Erst in der vergangenen Woche war er mit den Kollegen  beim Berufsförderungsdienst der Bundeswehr in Berlin. In der  Julius-Leber-Kaserne haben sie sich den in Kürze ausscheidenden Zeitsoldaten vorgestellt. Gab es Anfragen?

„Interessenten gab es genug“, erzählt Schwitzke, wenn auch nur männliche. Mit einigen der jungen Männer wurde ein Praktikum vereinbart, denn so fängt es meistens an, so fing es auch bei Mike Schwitzke selbst an. Die wichtigste Voraussetzung für den Beruf sei eine „saubere Weste“, denn wer tagtäglich mit Munition zu tun hat, müsse vertrauenswürdig sein. Dazu wären technisches Verständnis sowie historisches Interesse von Vorteil.

Schwitzke selbst hat Betriebsschlosser gelernt:  „Ich habe also von der Pike auf gelernt, Metall zu verarbeiten.“ Danach war er 17 Jahre lang Soldat, erst bei der NVA und dann bei der Bundeswehr. Dann das Praktikum beim Kampfmittelbeseitigungsdienst in Kummersdorf – dort wo die gesamte Munition des Landes zusammenläuft und vernichtet wird. Es folgten zwei Jahre beim Kampfmittelräumdienst, dann ging es als Dozent an die Dresdner Sprengschule. Seit vier Jahren hat er die Festanstellung in Potsdam.

„Kann jeder lernen, was ich mache“  
Schwitzke stammt ursprünglich aus Leipzig, man hört das, es gibt Menschen, die könnten diesen Dialekt unsympathisch finden, doch diesen Mann, der ständig sein Leben aufs Spiel setzt, den kann man unmöglich unsympathisch finden. Und dabei bleibt er so bescheiden, er sieht sich nicht als Held. „Ein Lkw-Fahrer hat genauso viel Verantwortung wie ich. Ein falsches Lenken und er richtet Unheil an“, sagt Schwitzke. „Ich finde das alles überzogen, ich würde nie von mir behaupten: Ich war der Held des Tages. Das kann jeder lernen, was ich mache.“  

Der 44-Jährige lebt heute mit seiner Frau und zwei seiner vier Kinder in Ludwigsfelde (Teltow-Fläming). „Für die ist es Normalität geworden“, sagt er. Sein zehnjähriger Sohn zeigt reges Interesse am Job seines Vaters. „Ich hab nichts dagegen, wenn er das auch machen will“, sagt der Sprengmeister. Die Frage sei nur, ob es seinen Beruf dann überhaupt noch gibt. Doch diese Befürchtung hätten auch ältere Kollegen schon früher geäußert.

Klar ist: Sein Beruf wird nicht sicherer. Selbst wenn die Korrosion am Zünder einer Bombe irgendwann stagniere und auch schützend wirke, im Innern passieren chemische Prozesse, die, je länger die Bombe unentdeckt herumliegt, den Prozess schwieriger machen.

Alles hängt vom Zünder ab
Dennoch, er selbst habe nie Angst bei seinen Arbeiten mit Bomben, sagt Schwitzke. Er weiß nicht, wie oft Pressevertreter ihn dies schon gefragt haben, er hört die Frage immer wieder. „Einen gewissen Respekt hat man“, sagt er. 50 bis 60 Bomben habe er schon unschädlich gemacht, bei seiner ersten, das war eine amerikanische Bombe in Wilhelmshorst, sei er genauso bedacht und gelassen vorgegangen wie bei seiner letzten.

Wird eine Bombe gefunden, fahren die Mitarbeiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes des Landes Brandenburg immer zu zweit zum Fundort. Dort besichtigt Schwitzke den Zünder: Ist es ein chemischer Langzeitzünder oder ein mechanischer Zünder? Von dessen Zustand hängt ab, ob gesprengt oder entschärft werden muss.

„Barbara hat ein Auge auf uns“
Ein besonderes Ritual gebe es nicht, wenn es an die Entschärfung oder Sprengung gehe. „Also, wir rollen hier keinen Gebetsteppich aus“, sagt Schwitzke und lacht. „Wir haben unsere heilige Barbara, das ist die Schutzheilige der Feuerwerker und Bergleute und die hat immer ein Auge auf uns.“

Schwitzke ist ohnehin ein ruhiger, entspannter Typ. Während anderen schon beim Gedanken an Sprengmittel ein eisiger Schauer über den Rücken läuft, sagt Schwitzke: „Ich genieße die Stille im Sperrkreis“. Während der Entschärfung geht er nicht ans Telefon, es sie denn, es ist ein Anruf der Einsatzleitung, immer wieder passiere es, dass Menschen den Sperrkreis unerlaubt durchbrechen, dann muss der Vorgang sofort gestoppt werden.

Erst nach der erfolgreichen Entschärfung tippt er verschiedene Nummern in sein Telefon: „Ich muss meinen Chef beim Kampfmittelbeseitigungsdienst informieren, den Chef im Innenministerium, den Direktor des Zentraldienstes der Polizei und den technischer Einsatzleiter. Und vorher rufe ich noch meine Frau an“, erzählt er.

Ein Blumenstrauß als Dankeschön
Stressig wird es für ihn erst, wenn der Sperrkreis offiziell aufgehoben wurde. „Erst mal muss ich Ordnung schaffen“, erklärt er. „Wir wollen ja nicht, dass hektische Reporterteams in die Grube fallen.“ Dann kommen die Presseleute, der Oberbürgermeister der Stadt Potsdam, Jann Jakobs (SPD) überreicht einen Blumenstrauß, Mike Schwitzke zeigt „seine“ Bombe, lässt sich fotografieren und filmen, beantwortet geduldig alle Fragen.

Doch: „Wenn der Zünder raus ist, ist die Bombe noch lange keine Geschichte.“ Sie wird dann zur Vernichtung in den Munitionszerlegungsbetrieb in Kummersdorf gefahren. In der folgenden Woche muss Schwitzke ein Entschärfungsprotokoll anfertigen: Um welche Bombe handelte es sich? Wie tief lag sie? Warum wurde entschärft und nicht gesprengt oder andersrum? Welche Besonderheiten gab es?“

Der WELTKRIEGSBOMBEN-EXPERTE

  • Sprengmeister Mike Schwitzke ist seit 2008 beim brandenburgischen Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD).
  • Der 44-jährige Leipziger gilt als ruhig und besonnen. Nach einer Ausbildung zum Schlosser ging er für viele Jahre zum Militär.
  • Mit seiner Frau und zwei seiner Kindern lebt der 44-Jährige in Groß Schulzendorf (Teltow-Fläming).

Interesse für historische Kampfabläufe
„Aber die Bombengeschichte wird überbewertet“, findet Schwitzke und führt in den angrenzenden Raum seines Büros: In einem schlichten grauen Metallregal stehen Kampfmittel wie Bombenzünder, Sprengkapsel,  Handgranaten und verschiedene Munition. „Das, was wir hier so stehen haben, ist alles üblich im Land Brandenburg“, erläutert er. Das, was seinen Kollegen und auch Bürgern viel häufiger zum Verhängnis werde, das sei die Munition: „Der Klassiker hier in Potsdam sind zum Beispiel 76 Millimeter-Wurfminen und Granaten aller Kaliber.“  Und in ehemaligen DDR-Liegenschaften werden häufig Panzerfäuste gefunden. „Wir arbeiten relativ unspektakulär, wenn wir uns mit Kleinmunition beschäftigen.“

„Aber mich interessieren Kampfmittel, die ich noch nie hatte. Ich betrachte mich sozusagen als Archäologe einer anderen Zeitepoche“, erklärt Schwitzke. „ Wenn man mit dem Herzen dabei ist und sich für die gesamte Wehrtechnik interessiert, ist es schon ein Highlight, wenn man mal ein Teil in der Hand hält, das man vorher nur vom Datenblatt kannte“, erzählt er. Zudem könne man anhand der Fundsituation oftmals Kampfabläufe nachvollziehen: „Als ehemaliger Soldat fragt man sich auch: Wie war die Situation damals?“ Nicht selten fänden Schwitzke und seine Kollegen am Fundort von Munition zudem die Rückstände von Menschen, die in Kämpfen gefallen sind.

Das Historische, der Aufbau und die Technik von Wehrmacht, das sind Dinge, die Schwitzke faszinieren: „ Ich lese auch viel Historisches.“ Unter seinem Schreibtisch befindet sich eine beachtliche Büchersammlung: Fachliteratur zu Fliegerbomben, zum Ersten Weltkrieg und zu Munitionsarten.  Erst kürzlich gab es im Wildpark Potsdam einen besonderen Fund: Patronen eines 1871er Mausgewehrs. „Da habe mir gleich die entsprechende Fachliteratur besorgt“, erklärt der Sprengmeister.

Spannende Begegnungen mit Zeitzeugen
Spannend sind dann auch die Begegnungen mit Zeitzeugen, zu denen es in seinem Beruf kommt. Schwitzke erinnert sich gut an eine Begegnung aus dem Jahre 2012: Rainer Fanghänel  aus Potsdam-Babelsberg habe den Kampfmittelbeseitigungsdienst damals kontaktiert: „Über Generationen trug sich in dem Haus das Gerücht von einer Bombe, die einst neben dem Keller einschlug und von dort gegen die Wand drückte“, erzählt Schwitzke.

Nachdem der Hausbewohner von der Explosion in München gehört hat, wandte er sich an Schwitzkes Team. „Wir haben tatsächlich in einer Tiefe von drei Metern eine 250 Kilogrammbombe amerikanischer Bauart gefunden.“

Arbeitslosigkeit fürchtet er nicht
Ähnliche eine Begegnung im Jahre 2014: Ein Herr aus der Teltower Kolonie erinnerte sich aus Kindheitstagen an einen großen Bombentrichter auf der Festwiese, in den zwei Fliegerbomben abgeworfen worden sein sollen, und wollte Gewissheit. „Wir haben es nicht geglaubt, aber überprüft“, sagt Schwitzke. „An der Stelle lagen in einer Tiefe von eineinhalb Metern tatsächlich zwei 250-Kilogramm-Bomben.“

Diese interessanten Begegnungen passieren ihm zwar immer seltener – die Generation stirbt aus – doch Mike Schwitzke bleibt mit Engagement bei seinem Beruf: „ Ich möchte den Beruf noch über 20 Jahre machen, bin zuversichtlich dass es aufgrund der hohen Belastung des Landes Brandenburgs noch viel Arbeit auf mich wartet“, sagt er zuversichtlich.

Blindgänger in Potsdam

  • Seit der Wende wurden in Potsdam und Umkreis mehr als 150 Bomben unschädlich gemacht. Rund 60 davon hat Mike Schwitzke entschärft. Die von ihm in Bahnhofsnähe am 7. Januar 2015 entschärfte Bombe „wird nicht die letzte Bombe sein, die wir auf diesem Areal finden", prognostiziert der Sprengmeister. Denn das Grundstück am Hauptbahnhof, auf dem die Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) gerade ihren 94 Millionen Euro schweren Neubau errichten lässt, ist laut Schwitzke "extrem mit Munition belastet".
  • Das hat zwei Gründe. Zum einen liegt das Baufeld im Zentrum des schweren Luftangriffs, den britische Lancaster-Bomber in den Abendstunden des 14. April 1945 auf Potsdam flogen. Zum anderen befand sich auf dem Areal einst ein Güterbahnhof – und auf dem stand laut Schwitzke in den letzten Kriegstagen ein mit deutscher Artilleriemunition beladener Zug.
  • Das Protokoll der Bombardierung: Die Nacht von Potsdam

Von Anne-Kathrin Fischer

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