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Baggerfahrer war in Lebensgefahr

Stillstand in Potsdams Zentrum nach Bombenfund Baggerfahrer war in Lebensgefahr

Am Donnerstag wurde bei Bauarbeiten am Hauptbahnhof in Potsdam eine Weltkriegsbombe entschärft. Sprengmeister Mike Schwitzke hat wieder einen tollen Job gemacht. Doch viele fragen sich: Warum blieb der Blindgänger gerade an diesem Ort so lange unentdeckt? Es bestand Lebensgefahr für die Bauarbeiter.

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Die Bombe lag am falschen Platz

Der entschärfte Blindgänger.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Eine 250-Kilogramm-Fliegerbombe US-amerikanischer Herkunft aus dem Zweiten Weltkrieg ist Donnerstagmorgen am Hauptbahnhof gefunden und am Abend entschärft worden. Der gesamte Bahnhof und mehr als 9700 Menschen in einem Sperr-"Kreis" von 800 Metern mussten sich eine andere Bleibe suchen oder wurden in Sicherheit gebracht. Im Sperrgebiet befinden sich drei Pflegeheime, der Hauptbahnhof, die Lange Brücke, Teile der Landesregierung und der Landtag. Viele Anwohner weigerten sich wegen der langen Evakuierungszeit, ihre Wohnungen verlassen, so dass sich die Räumung in die Länge zog. Sprengmeister Mike Schwitzke musste die Bombe unter Flutlicht entschärfen.

Am Freitagmorgen lief der Verkehr in Potsdam wieder normal. S-Bahn und die Regionalbahnen fuhren nach Angaben der Deutschen Bahn planmäßig. Auch der Straßenverkehr war laut Polizei nicht mehr beeinträchtigt.

Lebensgefahr für Bauarbeiter
Warum sie überhaupt dort lag und bei bisherigen Suchmaßnahmen nicht gefunden wurde, erklärte Stadtsprecherin Christine Weber mit der Fülle an Schrott im Boden. Das habe den staatlichen Kampfmittelräumdienst veranlasst, die Baumaßnahmen zu beaufsichtigen. Schwitzke sagte, das Gelände sei voruntersucht, aber nicht zur Bebauung freigegeben worden. Vor den jetzigen Bauarbeiten war das Areal ein Parkplatz. Davor stand hier ein mobiles Kaufland-Warenhaus.

Die Bombe war gegen 9 Uhr bei Baggerarbeiten auf der Baustelle der künftigen Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) direkt gegenüber dem Bahnhof und nahe der Neuen Fahrt gefunden worden. Sie war bewegt worden und einem Bagger aus etwa einem Meter Höhe wieder aus der Schaufel gefallen. "Für den Baggerfahrer war das lebensgefährlich", gestand Schwitzke. Die schnellstmögliche Entschärfung war zwingend. Die Stadt informierte das Center-Management und dieses seine Händler und Gastronomen.

Eine am Donnerstag, 18. Dezember 2014, am Potsdamer Hauptbahnhof entdeckte Fliegerbombe ist noch am gleichen Tag unschädlich gemacht worden. 10.000 Menschen mussten raus aus dem Sperrkreis, ab Mittag fuhr kein Zug mehr, zentrale Straßen waren gesperrt. Die Innenstadt war damit lahmgelegt.

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12.20 Uhr rückte die Bundespolizei an und blockierte die Bahnhofseingänge; sie ließ nur noch Menschen raus, keinen mehr rein. Es gab erste Wutausbrüche abgewiesener Bahnkunden. Die Fahrplananzeiger der Verkehrsbetriebe wiesen 12.30 Uhr als Zeit der Unterbrechung aus; es gebe keinen Ersatzverkehr, war zu lesen. Straßenbahnen fuhren voller Menschen, aber mit geschlossenen Türen, Warnblinkern und im Schritttempo durch die Haltestelle. "Was soll das?" brüllte ein Mann: "Hackt's bei Euch?" Die aus Brandenburg gekommenen Kochlehrlinge Sebastian Grahn und Nico Bargenda etwa hatten, wie alle an der Tram-Haltestelle, keine Ahnung, wie sie weiterkommen. Allerorten Kopfschütteln, Ratlosigkeit, Handytelefonate, weil niemand Aufklärung bot. Busse allerdings hielten an, ließen Leute aussteigen und zusteigen. Wie ein ViP-Busfahrer sagte, hatte es eine einzige Durchsage gegeben, die viele offenbar nicht gehört hatten. Wer Endstation hatte am Bahnhof, musste sich einen Parkplatz außerhalb des Sperrkreises suchen, in der Breiten Straße etwa.

Erst gegen 13 Uhr rückten Ordnungskräfte an, die Tipps geben konnten, wie man von dem für Straßenbahnen und Busse gesperrten Bahnhof weg kommt in andere Stadtgebiete. Zwei Minuten vor eins fuhren Gisela und Hartmut Apel aus Fichtenwalde noch in die Tiefgarage des Bahnhofs ein, von keinem gewarnt oder gehindert. Sie holten Geld bei Sparda und wollten zurück in die Garage, um zum Stern-Center zu fahren und ihren behinderten Sohn abzuholen. Die Polizei ließ sie nicht durch; erst das Ordnungsamt der Stadt sorgte 20 Minuten später dafür, dass sie das Auto holen konnten.

Das Pflegewohnstift City-Quartier gleich neben dem Bahnhof wurde planvoll und ruhig geräumt; die Mitarbeiter hatten Belegungslisten. Ältere Mieter in Bahnhofsnähe verstanden kaum, dass sie nicht mehr in ihre Wohnungen dürfen. "Mensch, ich wohne doch da hinten. Bitte lassen Sie mich durch, ich bin seit elf auf den Beinen", klagt eine Seniorin. "Wir können Sie nicht durchlassen", sagte der Stadtmitarbeiter. Siglinde Brunner aus der Friedrich-Engels-Straße brauchte dringend ihre Tabletten, durfte aber nicht mehr in die Wohnung. Dennoch hatte sie Verständnis für die Maßnahme: "Im Krieg wurden hier viele Bomben abgeworfen, was soll man machen?" Der Bahnhof war zwar ab 13 Uhr dicht, doch auf dem Vorplatz der bombenabgewandten Seite hielten sich noch Leute auf; am Dönerstand in der Spritzhalle etwa; der machte 14 Uhr zu. Eine Frau durfte nicht in ihre Wohnung ‒ doch ihr Hund war noch dort. "Ach, da ist er ja", rief sie erfreut, als ihre Tochter das unversehrte Tier aus dem Sperrbezirk brachte. Jemand wollte gegen 16 Uhr immer noch in den Sperrkreis, kam aber nicht weit.

18.01 Uhr galt der Sperrkreis als geräumt; Mike Schwitzke konnte mit der Entschärfung beginnen. Er hatte die Bombe zuvor gereinigt und eingesprüht: "Wenn der Zünder trocken wird, bekommen wir ihn nicht mehr raus", sagte er der MAZ. Seine Arbeit dauerte dann nicht allzu lange. 18.48 Uhr meldete er Vollzug, die Sperrungen wurden wieder aufgehoben. Ein Knall schreckte allerdings viele Potsdamer auf: Schwitzke hatten den Zünder extra gesprengt.

Seit der Wiedervereinigung wurden nach Angaben der Potsdamer Stadtverwaltung über 150 Blindgänger in der Landeshauptstadt unschädlich gemacht.

Von Lisa Rogge, Anne Fischer und Rainer Schüler

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Sperrungen aufgehoben: Busse, Straßenbahnen und Züge fahren

Ausnahmezustand am Donnerstag in Potsdam: Eine Bombe, die am Morgen am Hauptbahnhof gefunden worden war, wurde noch am gleichen Tag unschädlich gemacht. Bis 18:50 Uhr war die Innenstadt um den Bahnhof abgesperrt. Videos : Sprengmeister Mike Schwitzke vor und nach der Sprengung. Hier der Tag im Überblick.

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