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Angst kennt der Sprengmeister nicht

Mike Schwitzke im großen MAZ-Interview Angst kennt der Sprengmeister nicht

Am Mittwoch wurde eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg neben dem Potsdamer Hauptbahnhof entschärft. Sprengmeister Mike Schwitzke war wie immer gelassen. Nach der Entschärfung sprach er mit der MAZ über Splitterflug, Ängste und das nächste Wiedersehen - vielleicht schon in gar nicht ferner Zukunft.

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Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs bedankt sich bei Sprengmeister Mike Schwitzke.

Quelle: Bernd Gartenschläger

MAZ: Herr Schwitzke, mit welchem Gefühl sind Sie an diesem Morgen aufgestanden?
Mike Schwitzke : So, als würde ich an einem ganz normalen Tag zur Arbeit gehen.

Welche Risiken gibt es bei einer solchen Entschärfung?
Schwitzke : Das größte Problem bei diesen mechanischen Zündern ist, dass der Zünder belastet sein kann. Das bedeutet, dass er beschädigt ist, in seinen Gewindegängen gestaucht und dass man nicht die Möglichkeit hat, ihn mit normalem Werkzeug aus der Bombe heraus zu bekommen.

Beschädigt war der Zünder bei der aktuellen Bombe diesmal aber nicht?
Schwitzke : Nein, er war lediglich stark verschmutzt. Deshalb mussten wir ihn erst 35 Minuten lang reinigen, um glatte, saubere Flächen zu haben, um ihn dann entfernen zu können. Anschließend haben wir gut 15 Minuten gebraucht, den Zünder mit einer Schraube rauszudrehen und so die Bombe unschädlich zu machen.

Welchen Schaden hätte die Bombe anrichten könne?
Schwitzke : Wenn die Bombe dort, wo sie lag, explodiert wäre, hätten wir einen Splitterflug bis zu 1000 Meter gehabt. Hätten wir sie heute kontrolliert sprengen müssen, hätten wir auch erst entsprechende Vorarbeit leisten müssen, um die Fassaden und alles andere zu schützen. Das wäre ein enormer Aufwand gewesen.

Was wäre denn passiert, wenn es nicht möglich gewesen wäre, den Zünder herauszuschrauben?
Schwitzke : Dann hätte man mit einer anderen Technik versuchen müssen, den Zünder herauszubekommen, es gibt da verschiedene Möglichkeiten. Wenn dies nicht gelungen wäre, wäre Plan B zum Einsatz gekommen: Die kontrollierte Sprengung der Bombe. Da hätte die Vorbereitung mindestens eine Stunde gedauert, man hätte eine Sprenggrube vorbereiten müssen, die Bombe in die Sprenggrube verlagern und diese dann wieder anfüllen müssen, so dass es möglichst wenig Splitterflug geben würde. Dann hätte man die Sprengung per Funkzünder ausgelöst.

Welche Frage hören Sie von Journalisten am häufigsten?
Schwitzke : Ob ich Angst habe, bevor ich an der Bombe schraube.

Haben Sie offensichtlich nicht.
Schwitzke : Nee, das ist mein Job. So wie Sie Leute interviewen, schraube ich an Munitionen rum. Da hat man eigentlich die Ruhe weg. Also Angst habe ich keine.

Das war die 159.Bombe, die in Potsdam seit der deutschen Wiedervereinigung unschädlich gemacht wurde. Wie oft waren Sie selbst im Einsatz?
Schwitzke : Naja, so ungefähr zehn Mal im Jahr bin ich schon dafür unterwegs.

Wie viele Bomben haben Sie mittlerweile schon entschärft?
Schwitzke : Das weiß ich gar nicht so genau – ich schätze aber, dass es schon so zwischen 50 und 60 Bomben waren.

Glauben Sie, dass schon bald der nächste Einsatz hier am Potsdamer Hauptbahnhof auf Sie wartet?
Schwitzke : Ich sag mal so: Wir werden nicht zum letzten Mal hier an dieser Stelle zusammengekommen sein. Nach der Bombe ist vor der Bombe und es ist nicht auszuschließen, dass in unmittelbarer Nähe noch weitere Bomben liegen.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass Sie schon in den nächsten Tagen wieder ran müssen?
Schwitzke : Dazu kann ich keine Angaben machen. Ich war ja damals beim Abwurf nicht dabei, weiß also auch nicht, wie viele Bomben hier noch zu finden sind.

Seit wann machen Sie den Job?
Schwitzke : Ich habe das in ähnlicher Form schon rund 17 Jahre beim Militär gemacht. Hier in Brandenburg bin ich jetzt seit fünf bis sechs Jahren.

Was bekommen Sie denn immer von der Stadt geschenkt? Einen Strauß Blumen?
Schwitzke : Eigentlich darf ich gar keine Geschenke annehmen. Aber ein kleiner Blumenstrauß wird akzeptiert.

Interview: André Bauer, J. Mühln, A. Fischer

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