Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Potsdamer Baggerfahrer hätte keine Chance gehabt

Mehrfach starben in Deutschland Arbeiter bei Bombenexplosionen Potsdamer Baggerfahrer hätte keine Chance gehabt

Am Montag war ein Baggerfahrer auf einen Blindgänger gestoßen. Wäre die Baggerschaufel in einem anderen Winkel an die Bombe gestoßen, hätte sich am Montagabend mitten in Potsdam eine Katastrophe ereignet. Erschreckende Beispiele gibt es in Deutschland einige - und in Potsdam wäre ein Kaninchenstall schuld gewesen.

Voriger Artikel
Kaninchenstall verhinderte Bombenfund
Nächster Artikel
Weltkriegsmunition wird in Potsdam gesprengt

Auf einer Baustelle der Autobahn A3 bei Aschaffenburg (Bayern) fuhr am 23. Oktober 2006 eine Fräse auf eine Bombe; der Fahrer starb.

Quelle: dpa

Teltower Vorstadt. Was für ein Glück! Der Baggerfahrer der Spremberger Firma AGS Recycling, der am Montagnachmittag bei archäologischen Arbeiten im Nuthewinkel auf eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg gestoßen war und sie dabei bewegt hatte, wäre heute tot, wenn er den Zünder angeschlagen hätte. Wie machtlos er gegen die Explosion gewesen wäre, belegen ähnliche Fälle, bei denen in Deutschland Bagger- und Fräsenfahrer ums Leben kamen.

Bagger fliegt am Fenster vorbei
Der wohl dramatischste Fall datiert vom 26. April 1978, als in der Münsterländer Stadt Rheine bei Bauarbeiten zum neuen City-Haus ein Bagger mit seinem Bohrer auf eine Bombe stieß, die sofort in die Luft ging. Baggerfahrer Günter Lehmann und die Bauarbeiter Wolfgang Bartsch und Norbert Ansmann starben. Weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Exakt 14.02 Uhr erschütterte eine gewaltige Explosion in der Matthiasstraße das Stadtzentrum. Wie sich herausstellte, war eine britische 500-Kilo-Bombe hochgegangen; sie schleuderte den Bagger – der Fahrer lebte noch – drei Stockwerke hoch in die Luft, so hoch, dass der damalige Stadtdirektor Clemens Ricken die Maschine von seinem Büro im Rathaus aus durch die Luft fliegen sah. „Zustände wie im Krieg“, „Innenstadt wird zum Schlachtfeld“ oder „Chaos überall“ schrieb die Münsterländische Volkszeitung. Eine zentimeterdicke Dreckschicht lag auf der Matthiasstraße. Umherfliegende Ziegel und Betonbrocken beschädigten 40 Autos. Ein sechs Meter langer Eisenträger landete auf dem Dach des Nadorff-Hauses.

Die Explosion riss einen acht Meter tiefen Krater und kappte eine Telefonhauptleitung; das Fernsprechnetz Mesum kollabierte. Der Schaden bei der Bundespost betrug über 300.000 Mark. Wegen zerstörter Leitungen waren Teile der Stadt ohne Wasser und Gas. Dabei hätte die Katastrophe laut Medienberichten weitaus schlimmere Folgen haben können. „Die Busse waren wenige Minuten vorher abgefahren“, erinnert sich Hans Otto Altmeppen, damals Redaktionsleiter der Münsterländischen Volkszeitung und Zeuge der Katastrophe. Zum Zeitpunkt der Explosion saß er am Schreibtisch im ersten Obergeschoss des Verlagsgebäudes an der Ecke Bahnhofstraße / Poststraße.

Einige Jahre vor der Katastrophe hatte die Besitzerin des früheren Hotels Hartmann die Behörden auf einen möglichen Blindgänger aufmerksam gemacht. Der Kampfmittelräumdienst untersuchte das Grundstück des später abgerissenen Hotels, auf dem jetzt das City-Haus steht. Die Nachforschungen blieben ergebnislos.

Tödliche Luftmine
Ebenfalls tödlich endete die Arbeit eines Baggerfahrers Anfang Januar 2014 in Euskirchen bei Bonn. 13 Menschen wurden verletzt, zwei davon schwer. Im weiten Umkreis wurden Autos demoliert und Gebäude beschädigt, Scheiben splitterten. Vermutlich war eine Luftmine explodiert, deren Zündung vor Jahrzehnten versagt hatte.

Tödliches Ende der Arbeit eines Baggerfahrers Anfang Januar 2014 in Euskirchen bei Bonn.

Quelle: dpa

Der 50 Jahre alte Baggerfahrer arbeitete für eine Firma, die das Gelände zur Lagerung und zum Recyceln von Bauschutt gemietet hatte. Er war am Mittag gerade damit beschäftigt, solchen Schutt zu einer Zerkleinerungsanlage zu transportieren, als die Bombe explodierte. Sprengstoffexperten des Landeskriminalamtes gingen davon aus, dass es sich bei der Munition um eine Bombe oder Mine aus dem Zweiten Weltkrieg handelt. Luftminen werden als Blindgänger wesentlich seltener entdeckt als die häufigeren Fünf- oder Zehn-Zentner-Bomben, von denen allein in Nordrhein-Westfalen in jedem Jahr Hunderte gefunden und entschärft werden.

Katastrophe auf der Autobahn
An der Autobahn A3 bei Aschaffenburg explodierte am 23. Oktober 2006 auf einer Baustelle eine Fünf-Zentner-Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg und riss einen Bauarbeiter in den Tod. Vier seiner Kollegen und eine gerade vorbeifahrende Autofahrerin erlitten einen Schock. Der 46 Jahre alte getötete Arbeiter stammt aus Dresden. Bis zu 500 Meter weit geschleuderte Wrackteile des Baufahrzeugs haben außerdem zwei Häuser in der Nachbarschaft der Autobahn Frankfurt-Würzburg beschädigt.

Nach Polizeiermittlungen war die von dem Arbeiter gesteuerte Fräsmaschine gegen 10.50 Uhr auf einem gesperrten Autobahnabschnitt auf den Blindgänger gestoßen. Das Baufahrzeug, das den Untergrund für die Autobahnverbreiterung präparieren sollte, sei bei der Explosion hochkatapultiert und in zwei Teile zerrissen worden. Der Fahrer sei auf der Stelle tot gewesen. Die Wucht der Explosion riss einen 2,50 Meter tiefen und acht Meter breiten Krater in den Untergrund. Herumfliegende Trümmer beschädigten sieben vorbeifahrende Fahrzeuge, darunter auch zwei Lastwagen. Die Autobahndirektion Nordbayern vermutet, dass der Blindgänger beim Bau der Autobahn Frankfurt-Würzburg in den 50er Jahren übersehen wurde. Wegen der geringeren Leistungsfähigkeit der Bagger habe man damals offenbar nur den Oberboden weggeschoben, statt bis zum soliden Unterboden zu graben. Dadurch wurde damals offenbar knapp an dem Sprengkörper vorbei gebaggert.

Die Bombe unter dem Kaninchenstall
Unterdessen wurde bekannt, dass der Potsdamer Blindgänger vom Montag bei der Absuche von Verdachtsflächen vor einigen Jahren deshalb nicht gefunden wurde, weil ein massiver Kaninchenstall auf dieser Stelle stand. Die auf Luftbildern erkenntlichen Einschlagstellen britischer Bomben gaben den Suchtrupps offenbar keine hinreichenden Anhaltspunkte, um den Stall abreißen zu lassen. Ebenso wie der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD) des Landes, hält auch die Firma Archäologische Ausgrabungen und Bauprojektbetreuung (AAB) aus Berlin, die derzeit auf dem Areal arbeitet, die Bombe für einen „Zufallsfund“ und eine Ausnahme.

Wie die Bombe gefunden und entschärft wurde

  • Auf der Brachfläche der künftigen Einfamilienhaussiedlung im Nuthewinkel liefen am Montag noch archäologische Grabungen.
  • Ein Bagger der Spremberger Firma AGS schob eine Erdschicht weg und touchierte dabei die einen Meter in der Erde gelegene Bombe.
  • Von dem Blindgänger wussten weder der Projektentwickler NCC, noch die Archäologiefirma AAB. Bei Geländesondierungen vor einigen Jahren war die Bombe nicht entdeckt worden.
  • Weil die 250-Kilo-Fliegerbombe bewegt worden war, wurde noch für denselben Abend die Entschärfung vor Ort festgelegt. 300 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen.
  • Sprengmeister Mike Schwitzke erledigte die Entschärfung problemlos.

Die Bombensuche war vor mehreren Jahren durch den Projektentwickler NCC selbst in Auftrag gegeben worden. AAB-Chef René Bräunig zufolge wird in diesen Fällen nur dort gesucht, wo es Verdachtspunkte gibt, also fotografierte Einschlagstellen oder Zeugenhinweise. Der Rest des Geländes werde in der Regel ohne weitere Absuche freigegeben, sagte Bräunig am Mittwoch der MAZ. Das bestätigte auch der KMBD. Man habe „alle erkennbaren Vermutungspunkte und Bombentrichter sowie Verdachtsflächen untersucht“ und keine Hinweise gehabt, dass auf der Fundfläche ein Kampfmittel zu vermuten war.

Weil die Lage nach dem Bombenfund aber verändert ist, werde man eine Baubegleitung durch ein vom KMBD beauftragtes Unternehmen aus dem Bereich der Kampfmittelräumung verfügen und erwäge eine neue Suche mit anderen, „angemessenen technischen Möglichkeiten“.

Von Rainer Schüler

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Gelände in Potsdam wurde nicht komplett abgesucht

Der Kampfmittelbeseitigungsdienst hatte mithilfe von alliierten Luftbildern ein Grundstück in Potsdam-Süd nach Blindgängern abgesucht und nach Beendigung der Maßnahme die Freigabe für Bauarbeiten erteilt. Eine Stelle hatte man aber nicht untersucht: den Boden unter einem Kaninchenstall – eine lebensgefährliche Fehlentscheidung.

mehr
Mehr aus Blindgänger in Potsdam
Bombenentschärfungen in Potsdam

Immer wieder werden in Potsdam Blindgänger aus dieser Zeit gefunden. Seit der Wende wurden laut Angaben der Stadtverwaltung über 150 Blindgänger in der Landeshauptstadt unschädlich gemacht.