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Blutiger Streit unter Saufkumpanen

Prozessauftakt am Potsdamer Landgericht Blutiger Streit unter Saufkumpanen

Er ist seit Teenager-Zeiten dem Alkohol verfallen. Das Bier in der Hand war damals, im Iran, ein Zeichen der Rebellion. Nach Deutschland geflüchtet, ist es für Isa H. der Stoff, aus dem die Alpträume sind, denn im Suff wird er aggressiv und sucht Streit. Jetzt steht der 22-Jährige vor Gericht. Im Asylbewerberheim im Schlaatz hat er das Messer gegen einen Saufkumpanen erhoben.

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Quelle: dpa

Potsdam. Um 12.43 Uhr springt er auf und stürzt zu dem Mann hinüber, dem er vor nicht einmal einem halben Jahr ein Küchenmesser über den Kopf gezogen hat.

Da steht Isa H. nun, angeklagt wegen versuchten Totschlags, mit ausgebreiteten Armen in Saal 8 des Potsdamer Landgerichts und bittet um Entschuldigung. Schon drückt er Mohammed H. an die Brust, zwinkert noch einmal und kehrt – die Hand aufs Herz gelegt, den Kopf gesenkt – zur Anklagebank zurück. In diesem Moment wirkt Isa H. genau so, wie ihn ehemalige Mitbewohner und Nachbarn aus dem Asylbewerberheim An der Alten Zauche im Schlaatz beschreiben: ein netter, ein guter Mensch. Doch der 22-Jährige hat eine andere, unheilvolle Seite. Wenn er trinkt – und Isa H. trinkt gern und fast immer zu viel –, wird er aggressiv und sucht Streit. „Dann bin ich, auf Deutsch gesagt, ein Arschloch.“

Wie viel Isa H. intus hatte, als er am 26. Oktober 2015 nach einem Gelage im Heim zum Messer griff, ist nach Aktenlage nicht eindeutig. Zeugen beschreiben ihn aber als volltrunken. Inwieweit sich sein Alkoholkonsum auf die Schuldfähigkeit auswirken könnte, ist in dem Prozess, für den acht Verhandlungstage angesetzt sind, noch zu klären.

Schon als Teenager im Iran verfiel er dem Alkohol

Isa H. hat als Halbwüchsiger mit dem Trinken begonnen – eine Rebellion. In seinem Heimatland, dem Iran, ist Alkohol streng verboten. Wer ihn wie Isa H. und seine Kumpel sucht, kommt trotzdem dran. Und wer wie Isa H. aus wohlhabendem Hause stammt, kann Bier, Wein und Whisky auch bezahlen.

Als Teenager trinkt sich Isa H. frei, träumt von einer Karriere als Breakdancer und davon sein eigenes Leben zu leben und nicht jenes, das ihm ein Staat und ein Gott, an die er beide nicht glaubt, vorschreiben. „Wir sind die Götter“, sagt Isa H. „Wir haben nur ein Leben und in dem können wir Bier trinken und Sex haben.“

20000 Euro für die Schlepper

Den genauen Grund seiner Flucht aus dem Iran mag er nicht verraten. Nur, dass er sich im Jahr 2010 auf den Weg gemacht hat und über die Türkei und Griechenland nach Deutschland gelangt ist. 20000 Euro habe er den Schleppern gezahlt.

Sein Status heute: anerkannt. Seine Zukunft: ungewiss. Isa H. sitzt in U-Haft in Brandenburg an der Havel – „wegen nichts“, wie er sagt.

Über seinen Verteidiger Steffen Sauer lässt er erklären, wie er den 26. Oktober und dessen blutiges Ende erlebt haben will. Demnach hat er mit einem seiner zwei Mitbewohner Bier und Wein getrunken. Als alle Flaschen geleert sind, bricht der Saufkumpan zum Supermarkt auf. Er kommt nicht nur mit Nachschub wieder, sondern auch mit Mohammed H. im Schlepptau. Der Afghane lebt im Asyl in Brück, ist auf Besuch in Potsdam und ebenfalls schon gut dabei. Man habe dann zu dritt weiter getrunken. Plötzlich sei es zum Streit gekommen . Mohammed H. sei aggressiv gewesen und habe ihm gedroht. Es kam zu Schlägen, Tritten. Schließlich sei er in sein Zimmer gegangen, um die Auseinandersetzung zu beenden. „Leider habe ich dann das Messer gegriffen – ich wollte ihm wohl Angst machen. Ich wollte ihn nicht töten oder verletzen.“

Das Opfer der Messerattacke kann sich an nichts mehr erinnern

Mohammed H. hatte an jenem Abend 1,94 Promille im Blut und kann sich im Gerichtssaal an nichts mehr erinnern: nicht an den Streit, nicht an die Schlägerei, nicht an das Gesicht des Angeklagten und auch nicht an den Moment, da sich die 18 Zentimeter lange Klinge so tief in seine Kopfhaut schnitt, dass die Wunde genäht werden musste. Auch von dem Stich, den Isa H. in Richtung seines Bauches geführt haben soll und der wohl Verheerendes angerichtet hätte, weiß Mohammed H. nichts.

Aufschluss könnte Isa H.s zweiter, streng gläubiger Mitbewohner Ali N. geben. Der 23-jährige Afghane platzt damals in den Tumult – so wie jeder, der auf der Etage wohnt und von dem Kampfgetümmel etwas mitbekommt. Schnell ist der Flur voller Männer und Frauen, einige drängen sich zwischen die Gegner, versuchen sie auseinander zu bringen, berichtet Ali N. „Es war überhaupt nicht möglich, einen Messerstich in Richtung Bauch zu führen. Und Isa hat auch keine Stichbewegung in Richtung Bauch gemacht.“

Hat der in der Anklageschrift formulierte Angriff tatsächlich nicht stattgefunden, bröckelt der Vorwurf des versuchten Totschlags. Der Prozess wird am Montag, 11. April, fortgesetzt.

Von Nadine Fabian

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