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Potsdam Boheme auf Abwegen
Lokales Potsdam Boheme auf Abwegen
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13:45 11.06.2018
Renate Wullstein, Roger Drescher (l.) und Martin Ahrends 2006 mit dem Buch „Damals im Café Heider". Quelle: Johanna Bergmann
Potsdam/Innenstadt

„Wir bekommen es wieder, unser einzig wirkliches Theater.“ Das schrieb der Potsdamer Autor Ulrich „Stan“ Preuß (1960-2000) im Januar 1995 in einer Kolumne für das Stadtmagazin „Potz“ zur Nachricht, dass das Café „Heider“ wieder eröffnet wird. Ende 1991 hatte Konditor Karl Heider das für seine Torten und als Szenetreff berühmte Lokal aufgegeben. Punks zerprügelten am letzten Tag die Mokkastube. Es folgten so schrieb der Kolumnist, „drei Jahre Hin und Her“.

Karl Heider 2004 in ener Fotoausstellung mit bekannten Potsdamern im Kulturhaus Am Alten Markt. Quelle: MAZ

Alt-Eigentümer Otto Frank wollte als neuen Mieter die Deutsche Bank, doch er scheiterte am SPD-Baustadtrat Detlef Kaminski, der Sinn für die alte Kaffeehaus-Tradition zeigte. Frank verkaufte an den späteren Stadtschloss-Aktivisten Michael Schöne, der versprach: „Ich werde dieses Café genau so wieder herrichten, wie es vor hundert Jahren einmal aussah.“

1878 war in dem Haus von einem Mann namens Kessner die erste Hof-Konditorei eröffnet worden. 1903 übernahm Ernst Rabien, dessen Erben nach dem Zweiten Weltkrieg nach Berlin-Steglitz wechselten.

Das 1967 eröffnete „Heider“ war „ein Versprechen: von Paris, von Weltläufigkeit, von Irgendwas“, schreiben die Historiker Peter Ulrich Weiß und Jutta Braun in ihrem Kompendium „Im Riss zweier Epochen – Potsdam in den 1980er und frühen 1990er Jahren“.

„Einzigartig in der DDR

Nach Ansicht von Rainer Eckert, langjähriger Leiter des Zeithistorischen Forums Leipzig, war das „Heider“ sogar „einzigartig in der DDR“. In seiner Abhandlung zur „Revolution in Potsdam – Eine Stadt zwischen Lethargie, Revolte und Freiheit“ verweist der Historiker auch darauf, dass „einzig“ das „Heider“ durch einen „Sammelband mit Erinnerungen ehemaliger Kaffeehaus-Gäste und des Betreibers gewürdigt“ wurde. Vergleichbares gebe es weder für das „Café Burger“, für „Fengler“, „Espresso“ oder „Tute“ in Ost-Berlin, noch für das „Corso“ in Leipzig“ oder das „Angereck“ in Erfurt.

Das Café „Heider“ im Oktober 1995 nach der Wiedereröffnung. Quelle: Joachim Liebe

Das „Heider“-Stammpublikum, all die Künstler, Abiturienten und sonstigen Unangepassten, hatte sich allerdings schon nach dem Mauerfall verteilt. Denn mit der neuen Freiheit öffneten sich auch neue Wohnzimmer für die Boheme – mit dem Café Schwarz im Reiterweg, dem Bermudadreieck von Stube, Filmcafé und 0815 zwischen Friedrich-Ebert- und Schlossstraße, mit dem Grünen Café im Stasiknast, mit Götz, Leonore und der M18 in der Mittelstraße, mit den Hausbesetzerkneipen an Gutenberg- und Dortustraße. Zwar schrieb Ulrich Preuß in seiner Kolumne vom „nervösen Verharren einer im Ersatzverkehr verstreuten Gemeinde“, doch sie sollten auch nun nicht mehr zusammenfinden.

Im Oktober 1995 wurde das „Heider“ neu eröffnet. Das Buch „Damals im Café Heider“ über die „Potsdamer Szene der 70er und 80er Jahre“ aber präsentierten Herausgeberin Renate Wullstein, Autor Martin Ahrends und der Fotograf Roger Drescher (1958-2013) im März 2006 in der Kulturkneipe „Al Globe“ und dann noch einmal im Café Guam, das quasi als Nachfolge von Götz und Leonore eröffnete.

MAZ-Serie „1000 plus 25 Jahre Potsdam“

„Mitte(n) im Leben“ ist der Titel eines Festes, mit dem am 8. Juli auf dem Alten Markt der 1025. Geburtstag der Landeshauptstadt Potsdam gefeiert wird. Mit dem Fest soll unter dem Motto „1000 plus 25 Jahre“ vor allem auf die Zeit seit der 1000-Jahrfeier 1993 zurück geblickt werden.

Zur Einstimmung laden wir unsere Leser in einer Serie „1000 plus 25 Jahre Potsdam“ zu einer Zeitreise ein. Jedem Jahr soll beginnend mit dem Jubiläum der Rückblick auf eine Episode, ein Ereignis gewidmet sein, das in besonderer Weise prägend war oder das eine ganz eigene Perspektive auf die jüngste Stadtgeschichte öffnet.

Bisher erschienen:

Kunst-Skandal zur 1000-Jahrfeier 1993 – die „Fontanelle“

Schießerei im KGB-Städtchen – der Abzug der Russen 1994

Von Volker Oelschläger

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