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Bombenalarm: Und plötzlich ist die Angst da

Potsdam Bombenalarm: Und plötzlich ist die Angst da

Bombenalarm am Freitagnachmittag in der Innenstadt von Potsdam – dort, wo gerade der größte Weihnachtsmarkt Brandenburgs aufgeschlagen hat. Die Menschen reagieren zumeist gelassen. Doch das Sicherheitsgefühl der Potsdamer schwindet.

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Menschen warten an der Absperrung auf dem Weihnachtsmarkt in der Brandenburger Straße.

Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Ein dumpfer Knall tönt um 17.32 Uhr durch die Potsdamer Innenstadt. Eigentlich sollten um diese Zeit Weihnachtslieder die Fußgängerzone in der Potsdamer Innenstadt beschallen, Besucher den ersten Feierabend-Glühwein trinken. Aber der Knall zerstört – obwohl er gar nicht besonders laut ist – die Adventsstimmung auf dem Weihnachtsmarkt „Blauer Lichterglanz“, dem größten Weihnachtsmarkt im Land Brandenburg. Experten der Bundespolizei für unkonventionelle Sprengstoffe haben ein verdächtiges Paket kontrolliert gesprengt, das wenige Stunden zuvor in einer Apotheke am Markt abgegeben wurde. Die Gefahr ist gebannt – wenn von diesem Paket je eine Gefahr ausging.

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Bis zum Abend bleibt zunächst unklar, ob das Paket hätte explodieren können und welche Wucht von einer Detonation ausgegangen wäre. Oder ob es eine Sprengsatz-Attrappe war, die Aufmerksamkeit erregen oder Angst und Schrecken verbreiten sollte. Das Paket enthielt nach ersten Meldungen Batterien, Drähte, einen Metallzylinder mit Nägeln sowie ein weißes Pulver, das in einem Labor auf Sprengstoff untersucht werden sollte. Später am Abend wird Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) eine erste vorsichtige Entwarnung geben. Der vermeintliche Sprengsatz habe keine Zündvorrichtung gehabt. Und der Minister präzisierte, was die Sicherheitsbehörden über mehrere Stunden in Atem gehalten hatte: Hunderte kleine Nägel in einer Art Konservendose seien mit einem sogenannten Polenböller in dem Paket gewesen.

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Potsdam, 1. Dezember 2017 – Riesenaufregung am Freitagnachmittag in der Innenstadt von Potsdam. An eine Apotheke in der Brandenburger Straße war ein verdächtiges Paket geliefert worden. Das verdächtige Paket wurde von Spezialkräften entschärft. Der Weihnachtsmarkt und die Dortustraße waren stundenlang abgesperrt.

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Auch ohne Zündvorrichtung ging von dem „verdächtigen Gegenstand“ eine Sprengkraft aus, wenn auch eine symbolische: Anwohnerin Ingeborg Reetz jedenfalls fühlt sich nicht mehr wohl. „Ich stehe hier schon eine ganze Stunde und bin total verzweifelt“, sagt die Frau, die nicht in ihre Wohnung kann, weil diese im Sperrkreis liegt. „Ich habe mich immer sicher gefühlt in Potsdam, weil es eine kleine Stadt ist und nicht etwa Berlin oder Hamburg. Und jetzt schwindet das Sicherheitsgefühl mit jeder Minute.“

Es gibt auch Passanten, die sich davon nicht abschrecken lassen, die sich die Freude der Vorweihnachtszeit nicht durch Terror und Angst nehmen lassen wollen. Am Nachmittag, während die Polizei den Einsatz koordiniert und das Gebiet rund um die Fundstelle des Pakets und damit auch Teile des Marktes absperrt, bleiben zunächst Stände jenseits des Sperrkreises offen.

Auch das Warenhaus Karstadt liegt, gerade so, noch außerhalb der gesperrten Zone. Der Glühweinstand in der Lindenstraße direkt an der Absperrung ist zumindest gegen 16.20 Uhr noch ein beliebtes Anlaufziel für Schaulustige. Um die Zeit war noch nicht klar, ob sich in dem Päckchen tatsächlich ein Spreng- oder Brandsatz befindet. „Ein Mitarbeiter der Apotheke hat es geöffnet und hat erkannt, dass Drähte und technische Konstrukte zu erkennen sind“, sagt Peter Meyritz, Chef der zuständigen Polizeidirektion West, der sich den verdächtigen Gegenstand auf einem Foto angesehen hatte.

Dem Anschein nach eine Nagelbombe

Eine Nagelbombe dem ersten Augenschein nach. Bei vielen Kinogängern dürfte das Assoziationen wecken. In Fatih Akins aktuellem, an die NSU-Fälle angelehnten Kinofilm „Aus dem Nichts“ werden ein türkischer Vater und sein kleiner Sohn durch eine Nagelbombe in den Tod gerissen. Aber ob Terror von rechts oder links, ein islamistischer Hintergrund oder ein Täter, der ein persönliches Motiv hatte und es womöglich ganz gezielt auf die Apotheke abgesehen hatte – das alles ist am Freitagabend noch völlig unklar.

Einen Drohbrief oder ein Bekennerschreiben habe es nicht gegeben, so die Polizei. Aber die Ermittlungsbehörden haben Hinweise auf den Zulieferer, der das Paket bei der Apotheke abgab. Der angegebene Absender allerdings dürfte falsch sein. Mit Spürhunden, die aus Berlin geordert werden, wird am Abend die Umgebung abgesucht, ob weitere verdächtige Päckchen abgelegt oder abgegeben wurden.

Betroffene Händler nehmen es mit Humor

Einige Händler, die vor dem Sperrkreis warten und gegen 15 Uhr ihre Stände verlassen mussten, versuchen unterdessen die Sache mit Humor zu nehmen. „Ich wollte ja in das Paket hineinschauen, aber die Polizei wollte das nicht“, sagt ein Würstchenverkäufer, der so schnell seinen Stand räumen musste, dass seine Würstchen auf dem Grill liegen blieben. Die Inhaberin eines Bastelgeschäftes in der Dortustraße beklagt zwar, dass sie mitten im Weihnachtsgeschäft jetzt Verdienstausfälle durch den Sperrkreis habe, sie sagt aber auch: „Die Polizisten machen einen guten Job. Es ist gut, dass sie auf Nummer sicher gehen.“ Kolar Antonin betreibt einen Stand mit Holzspielzeug an der Lindenstraße, hier weht das Flatterband der Polizei. Würde sein Stand einen Meter weiter stehen, hätte er weiterverkaufen könne. Er ist extra aus Tschechien hergekommen und ärgert sich, dass dies gerade an einem Freitag passiert, ein verkaufsstarker Tag. Aber er sagt auch: Sicherheit geht vor.

Als die Sperrung der Fußgängerzone beginnt, steht die komplette Belegschaft des H&M-Geschäfts im Freien. Weil alles schnell gehen musste, haben die Angestellten zum Teil Jacken aus der aktuellen Kollektion angezogen. Die Diebstahlsicherungen hängen noch aus dem Futter. Eine junge Frau sagt scherzhaft: „Hier steht die aktuelle Winterkollektion.“ Elke Tinsner saß gerade beim Brillenhändler Fielmann und ließ sich die Brille anpassen, als ein Polizist in den Laden trat und alle Anwesenden aufforderte, sofort das Geschäft und den mit Flatterband gezogenen Sperrkreis zu verlassen. „Angst hatte ich nicht“, sagt die Frau. „Aber ein paar Gedanken mache ich mir doch im Nachhinein.“

Auf den anderen Weihnachtsmärkten geht das Treiben derweil munter weiter. Die Besucher des Adventsmarktes auf dem Pfingstberg etwa lassen sich nicht schrecken. Die Stimmung ist gut.

In Potsdam hat gegen 18 Uhr die Nachricht von der Entschärfung fast alle Innenstadtbesucher erreicht. Einige fragen die umstehenden Polizisten, wann die Absperrung des Weihnachtsmarktes aufgehoben werde. Die Beamten weisen sie jedoch ab. Viele Anwohner müssen stundenlang in der Dezemberkälte warten, bis sie endlich in ihre Wohnungen können. Erst gegen 21 Uhr stellt die Stadt einen Wärmebus zur Verfügung.

Eine Polizistin tröstet ein kleines Kind, das unbedingt Karussell fahren will. „Morgen wieder“, sagt sie zuversichtlich.

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Von Ulrich Wangemann, Hajo von Cölln, Annika Jensen, Christin Iffert

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