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Potsdam Eine erotische Komödie über lebenslustige Krebskranke
Lokales Potsdam Eine erotische Komödie über lebenslustige Krebskranke
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00:29 01.06.2018
Vor der Chemo hat sich Dorothée Brüne von Freundinnen die Haare flechten und abschneiden lassen – die Zöpfe hängen nun als Kunst an der Wand. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Dorothée Brüne ist Ende vierzig, als die Ärzte bei ihr Brustkrebs diagnostizieren. Zwischen dem Schock und heute liegen fünf Jahre und 175 Romanseiten. „Mein heiß geliebter Tumor“ heißt die unverfroren-unmissverständliche Geschichte, die die Drehbuchautorin und Therapeutin während ihrer Reha geschrieben hat. „Eine erotische Komödie über wilde, lebenslustige Krebskranke“, sagt Dorothée Brüne.

Beim Selbsthilfetag am 2. Juni liest sie daraus vor.

Lassen Sie uns über Brüste reden!

Aber gern! Für mich ist das ein altes Thema, mit dem ich mich seit Langem beschäftige. Ich habe in den Neunzigern schon einen Film-Essay dazu gemacht: „Talking Tits“. Dafür habe ich alle Frauen meiner Familie – meine Mutter, meine Großmütter, meine Schwester – befragt. Wie groß oder wie klein sollten Brüste sein? Sind sie nur für die Lust der Männer da? Nur zum Stillen? Finde ich mich selbst attraktiv, sinnlich, erotisch? Habe ich vielleicht Angst vor Brustkrebs?

Eine Frage, die sich wohl viele Frauen stellen – die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken ist hoch...

Sehr hoch sogar. Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. In Deutschland erkrankt jede achte Frau im Lauf ihres Lebens daran. Mir wurde 2013 mitgeteilt, dass ich betroffen bin.

War das zuvor auch eine Angst von Ihnen: zu erkranken?

Ich habe mich so viel mit Brüsten beschäftigt – ich hab den Film gemacht, ich hab als Psychotherapeutin Brustkrebspatientinnen betreut, ich hab Bauchtanz gemacht, wo es ja auch sehr auf den Busen ankommt. Ich habe mich so intensiv und vielfältig mit Brüsten beschäftigt, dass ich geglaubt habe, dass mich das vor dem Krebs bewahrt. Es gibt unendlich viele Theorien dazu, was man tun sollte, um keinen Brustkrebs zu kriegen – und genau das ist ein Teil von Brustkrebs. Man versucht tausend Dinge, ihn nicht zu bekommen. Manche Frauen ernähren sich wahnsinnig gesund – und kriegen Brustkrebs. Manche sind wahnsinnig spirituell – und kriegen Brustkrebs. Und ich habe gefühlt alle Bücher über Brustkrebs gelesen, ich bin darauf spezialisiert – und bekomme Brustkrebs.

Was ist Ihnen im Moment der Gewissheit durch den Kopf gegangen?

Im ersten Moment habe ich gelacht. Ich hatte mich immer davor gefeit gefühlt und musste über mich selbst lachen, weil ich auf mich selbst reingefallen bin.

Wenn das Risiko so hoch ist, kann man sich dann auf den Ernstfall vorbereiten?

Ich denke nicht. Das Wichtigste aber ist, dass man im Ernstfall nicht denkt, dass man etwas falsch gemacht hat. Was habe ich vergessen? Was hätte ich noch tun können? Was war der Moment, der den Krebs ausgelöst hat? – All diese Fragen bringen nichts, sie schaden nur. Ich war 49, als ich die Diagnose bekam. Das Gros der Brustkrebspatientinnen ist viel älter. Aber es gibt tragischerweise immer mehr junge Frauen, die erkranken. Das wird nicht so publik gemacht, weil dann die Panik noch größer wäre. Es gibt wahnsinnig viel Angst vor Brutkrebs.

Weshalb ist das so? Es heißt doch, rechtzeitig erkannt und behandelt, seien die meisten Erkrankungen heilbar...

Brustkrebs sprengt unser herkömmliches Denken. Er macht uns darauf aufmerksam, dass wir unser Leben nicht im Griff, nicht unter Kontrolle haben. Wir lernen, dass wir am Ende sterben werden und dass das Leben nicht planbar ist. Der Brustkrebs kommt, wenn du es nicht willst, wenn es nicht passt, wenn du nicht damit rechnest – wir haben es nicht in der Hand. Ich zum Beispiel war regelmäßig bei der Mammografie: nichts. Ich war beim Ultraschall: nichts. Drei Monate später sagt man mir, dass ich vier Tumore habe. Und zack! Schon bin ich auf der Behandlungsautobahn und es geht direkt full speed los. Es ist kaum möglich, dass man Stopp sagt. Die Brustkrebstherapie ist in Deutschland standardisiert, sie ist ein starres System. Ich meine aber, man kann keiner Frau vorschreiben, was für sie der richtige Weg ist. Man kann ihr einen Weg nahelegen. Aber wenn sie sagt „Das mache ich nicht“, dann hat sie auch Recht und sorgt auch für sich. Jede Frau sollte innehalten und nachdenken können, was sie machen will und was nicht. Für die eine ist die Chemo richtig, für die andere nicht. Wie auch immer die Entscheidung ausfällt: Der Brustkrebs bleibt magisch-unkontrollierbar.

Sie haben mit „Mein heiß geliebter Tumor“ einen Roman über eine Brustkrebspatientin geschrieben. Wer ist diese Gertrude, die Hauptfigur?

Nüchtern könnte man sagen, sie ist die klassische Brustkrebserkrankte: 73 Jahre alt, vom Land, ihr Leben war nicht glücklich und schon gar nicht lustvoll. Ich habe das Buch während meiner Reha begonnen, weil ich es in der Klinik so ätzend fand und einen Grund zum Bleiben brauchte. In Reha-Kliniken herrscht eine depressive, durch die Angst angespannte Atmosphäre. Gertrude ist zusammengebaut aus all den Frauen, die mir dort begegnet sind – auch wenn sie mit ihrer Erkrankung vollkommen anders umgeht. Gertrude sagt: „Ich hab Krebs – dann lass mich heute noch Spaß haben! Lass mich versuchen, es leicht und lustig zu nehmen!“ Sie will nicht nur gehorsam sein und dem Therapieplan folgen. Sie will nicht nur tun, was die Ärzte sagen.

Am 2. Juni lesen Sie beim Selbsthilfetag auf Einladung der „Busenfreundinnen“, einer Selbsthilfegruppe für an Brustkrebs erkrankte junge Frauen, vor. Worauf müssen sich die Zuhörer einstellen?

Als erstes bitte ich alle unter 18 Jahren, den Saal zu verlassen. Ich weiß, dass das Buch eine echte Provokation ist und über Grenzen geht. Aber das ist genau das, was in der Therapie mit jeder Frau geschieht. In der Therapie ist man permanenten Grenzverletztungen ausgesetzt. Gleichzeitig wird einem immer wieder suggeriert: Du darfst das nicht spüren, du musst das dulden.

Wie reagieren die Menschen auf Ihr Buch? Es ist ja sehr explizit.

Auf den ersten Blick könnte man natürlich meinen, dass es in dem Buch nur um Sex geht – so ist es aber nicht. Das Buch soll Mut machen, frech zu sein – und das kommt bei vielen an. Das Buch wird recht gut gekauft, vor allem von Frauen, die selbst Brustkrebs hatten – und für diese Leserschaft ist es auch gedacht. Für all jene, die noch nie mit Brustkrebs zu tun hatten, ist es ein Schock. Das ist auf Lesungen deutlich zu beobachten – oft mischt sich in diesen Schock aber Amüsement. Nach den Lesungen in Selbsthilfegruppen höre ich oft: „Oh, über Sexualität haben wir ja noch nie gesprochen!“ Dabei ist es so wichtig, darüber zu reden, wie sich empfundene und gelebte Sexualität verändern – mit allen Details, denn die Auswirkungen sind nicht unerheblich.

Was können Selbsthilfegruppen leisten?

Seit den 60er Jahren ist nachgewiesen, dass die Rückfallrate in Selbsthilfegruppen geringer ist. Leider versammeln sie nur einen Minibruchteil der an Brustkrebs Erkrankten. Das Gros der Betroffenen vermeidet es, im Nachhinein über den Krebs nachzudenken – Vermeiden scheint die beste Therapie. Das Wichtigste an einer Selbsthilfegruppe ist zu merken, dass man nicht die einzige ist, die die Titte und die Haare verloren hat, die Angst und Schuldgefühle hat. „Ich bin nicht allein damit“ – dieser Gedanke tut gut. Gruppentherapie sollte der Standard sein – ist es aber nicht. Zum Programm gehören die Perücke, ein Ernährungs- und ein Kosmetikkurs, aber nicht, Beziehungen zu anderen Betroffenen aufzubauen. Dabei setzt das Isolationsgefühl ganz früh ein.

Zur Person

Dorothee Brüne ist 53 Jahre alt und stammt aus Nordrhein-Westfalen. Seit neun Jahren lebt die Mutter eines erwachsenen Sohnes in Potsdam.

Nach dem Studium der Germanistik und Philosophie hat sie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin ihr Diplom als Spielfilmregisseurin und Drehbuchautorin abgelegt. Später promovierte sie an der Freien Universität Berlin im Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie über tanztherapeutische Trauerbegleitung.

Ihr Roman „Mein heiß geliebter Tumor“ kostet als Taschenbuch 13,90 Euro und ist über ISBN-9781530634965 im Buchhandel zu bestellen. nf

Von Nadine Fabian

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