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Potsdam Bühnenexperimente erlauben so manchen Blick in die Zukunft
Lokales Potsdam Bühnenexperimente erlauben so manchen Blick in die Zukunft
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00:35 12.11.2015
Der israelische Puppenspieler Ariel Doron spielt Krieg. Quelle: PR
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Schiffbauergasse

Wie ein Pastor nach dem Sonntagsgottesdienst eilt Ariel Doron nach dem Schlussapplaus zum Ausgang. Der schwarzbärtige Puppenspieler möchte sich nach seiner Vorstellung von jedem der etwa 100 Besucher persönlich verabschieden. Alle bekommen von ihm ein Tütchen Gummibärchen in die Hand gedrückt – eine gute Gelegenheit, den Israeli einmal zu fragen, wie lang er in der Armee seines Landes gedient hat? „Drei Jahre, das war entschieden zu lange“, so die Antwort des Künstlers, der dabei aber herzlich lacht. Sein 40 Minuten-Stück „Plastic Heroes“ lässt sich als Abrechnung mit der Welt der Militärs verstehen. Es war zweifellos ein Höhepunkt des viertägigen Theaterfestivals Unidram, das am Samstag zu Ende ging.

2300 Zuschauer strömten zu den Gastspielen in die Schiffbauergasse, die das T-Werk wie immer sorgfältig zusammengestellt hat. Die Veranstalter können wirklich stolz sein, dass sie auch im 22. Jahrgang ein so aufgeschlossenes, waches Publikum erreicht haben. Die an Bühnenexperimenten interessierte Minderheit fühlt sich bei Unidram wirklich ernst genommen. Der intime Charme des Festivals hat sich längst bis nach Berlin herumgesprochen. Es ist eine schöne Sitte, dass Jens-Uwe Sprengel und seine Crew vor jeder Aufführung einige lockere, verbindliche Worte an das Publikum richten.

Auch am letzten Tag war noch einmal innovative Bühnenkunst zu erleben, die jenseits des Mainstreams und der Stadttheater der Gegenwart den Puls fühlt. Die meist kleinformatigen Produktionen aus insgesamt sieben Ländern vermengen gern Genres wie Sprech- und Musiktheater, Tanz, Performance, Video und Puppenspiel. Dabei beschreiten sie oft mit puristischer Konsequenz recht ungewöhnliche ästhetische Wege.

In „chipping“ wird das Publikum fast 60 Minuten einem starken industriellem Lärm ausgesetzt. Mit den Augen zu verfolgen ist eine abstrakte Tänzerfigur (notorisch gestresst: Sahra Huby). Sie muss sich zwischen fünf Rechteckquadern behaupten, die ständig raumgreifend und unvorhersehbar in Bewegung sind. Das Bühnenbild könnte die abstrakte Darstellung eines Containerhafens sein oder eine Megastadt mit lebensgefährlichem Straßenverkehr. Der verletzliche menschliche Körper muss sich auf die übermächtige Dingwelt einstellen, um keinen folgenschweren Unfall zu erleiden. In der Inszenierung der Münchnerin Anna Konjetzky setzt auch das Lichtdesign interessante Akzente. Das Festival erlaubt so manchen Blick in die Zukunft, versucht Antworten auf die Frage, wie sich die Darstellende Kunst entwickeln wird. Denn immer wieder lassen sich neue technische Register ziehen, um Inhalte und Positionen zeitgemäß zu formulieren.

Die klamaukige Konzertshow „Claps’s“ von Zic Zazou & Lutherie Urabaine zog allerdings zu viele Register. Die fünf Musikclowns aus Frankreich brachten auf archaische Weise Töne hervor, indem sie auf Flaschenhälse bliesen, mit Blechen wedelten oder das detailreiche Bühnenbild abklopften. Sie imitierten so viele bekannte, gefällige Melodien. Daneben setzten sie auch elektronische Klangschleifen ein und Videotechnik. Obendrein griffen sie auch noch zu konventionellen Musikinstrumenten. Das war ein zu pralles stilistisches Sammelsurium.

Wie ökonomisch ging dagegen der Puppenspieler Ariel Doron zu Werke! In einer Szene lässt er einen Soldaten vor einer Mauer Streife gehen. Der Satiriker aus Tel Aviv braucht dafür nur wenige Elemente. Er sitzt hinter einem Tisch, legt eine Holzlatte vor sich hin und schiebt an ihr eine kleine Plastikfigur entlang. Die Zuschauer lesen auch im Gesicht des Puppenspieler und begreifen, wie langweilig es dem kleinen Soldaten ist. Doron verspeist leibhaftig eine Tüte Gummibärchen, dann eine Waffel ,trinkt auch noch eine Cola. Der patroullierende Soldat kann sogar pissen und träumt schließlich von einer schönen Frau. Doron aktiviert auf seinem Handy kurz die Geräusche eines Pornos und packt dann mit der anderen Hand eine Barbiepuppe auf den Tisch.

Natürlich kommt es auf dem Tisch auch immer wieder zu Metzeleien, dargestellt durch kurioses Kriegsspielzeug. Doron bedient sich vieler Readymades aus der Militaria-Ecke eines Spielzeugladens. Automatisch robbende Soldaten, ratternde Miniaturpanzer und blinkende Hubschrauber stellen endlich eine andere Mini-Figur. Es ist der Feind, er muss durchsucht werden! Die Maßnahme erstreckt sich dann auch auf den Mund des Puppenspielers.

Wiederholt kämpfen die Soldaten mit schwerem militärischem Gerät auch gegen einen großen Plüschtiger mit angstvollen Glasaugen. Ein surreales Bild, das auf den Punkt bringt, was im Krieg alles zerstört wird und verloren geht. Die Aufführung von Ariel Doron war deshalb so eindrucksvoll, weil er für seine Kunst eine eigene Form gefunden hat.

Von Karim Saab

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