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„Da drüben wohnen nur Omas und Opas“

Mauergedenken in Potsdam „Da drüben wohnen nur Omas und Opas“

In der Stubenrauchstraße am Griebnitzsee steht das letzte originale Mauerstück von Potsdam. Jedes Jahr wird hier der Mauertoten gedacht, aber es kommen immer weniger Menschen. Manfred Kruczek will, dass jeder Schüler einmal in seinem Schülerdasein einen Gedenkort zur SED-Diktatur aufsucht.

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Mauergedenken mit Manfred Kruczek (li.) am Gedenkort Stubenrauchstraße

Quelle: Christel Köster

Babelsberg. Die Landesregierung strebt an, „dass jeder Brandenburger Schüler im Laufe seiner Schulzeit wenigstens einmal sowohl einen Gedenkort der Opfer des Nationalsozialismus als auch der SED-Diktatur besucht.“ So haben es die SPD und die Linke im Land vereinbart für die 6. Wahlperiode des Landtages bis 2019. „Es kontrolliert nur keiner,“ sagt Manfred Kruczek vom Forum zur kritischen Auseinandersetzung mit DDR-Geschichte. Er hat auf eine entsprechende Anfrage an die Landesregierung nur erfahren, man wolle den Erziehern an den Schulen keine Vorschriften machen, welche Gedenkorte und Gedenkstätten sie mit ihren Schülern besuchen. Letztlich wisse niemand, ob das überhaupt passiert, sagte Kruczek am Montag beim alljährlichen Mauergedenken in der Babelsberger Stubenrauchstraße, wo am Ufer des Griebnitzsees das letzte originale Stück innerdeutsche Mauer in Potsdam steht: weiß und rätselhaft. Ein Holzkreuz ist davor postiert, an ihm eine Tafel mit 17 Opfern der SED-Diktatur, die in diesem Bereich der DDR-Grenze ihr Leben verloren. Ein paar Meter weiter stehen weiße Pfähle im Unterholz, ziehen sich als Kette vom Ufer aus hangaufwärts. Hier verlief die Grenze zwischen Potsdam und West-Berlin, hier verließ man, wenn man es denn konnte, den sowjetischen Sektor und betrat dem amerikanischen.

Unmittelbar neben dem Mauerstück wird einiger Maueropfer gedacht

Unmittelbar neben dem Mauerstück wird einiger Maueropfer gedacht.

Quelle: Rainer Schüler

Es kommen kaum noch Menschen her der Mauer wegen, die meisten dann, wenn es die Mauer-Läufe gibt rund um West-Berlin, marathonartige Sportveranstaltungen, bei denen ein Verpflegungspunkt an dieser Stelle aufgebaut wird, durchaus absichtsvoll, wie Kruczek an diesem Montag sagt als einer von sieben Menschen, die sich der Gedenkkultur verschrieben haben. Als „Anklage-Optik gegen die Gleichgültigkeit“ sieht Kruczek dieses Mauerstück und steckt einen gelben Asternstrauß in ein Betonloch, durch das man „in den Westen“ schauen kann zum Griebnitzsee oder „in den Osten“ nach Babelsberg. Die junge Generation wisse heute kaum noch etwas von der DDR und der Grenze, die am 9. November 1989 fiel, indem die Durchlässe geöffnet wurden für jedermann, nicht nur für Kruczeks Eltern-Generation. Als sein eigener Sohn noch klein war, ein Kindergartenkind, sagte der immer: „Da drüben wohnen nur Omas und Opas.“ Er wusste, dass nur die Oma in den Westen fahren durfte; lange ließ der Papa ihn nicht im Ungewissen. Heute will er die Erinnerung an die Mauer und die Toten in ihrem Umfeld aufrecht erhalten.

Ein Luftbild aus DDR-Zeiten zeigt das damalige Siedlungsgebiet mit den früheren Grenzanlagen und drei Punkten, an denen Flüchtlinge  und Grenze

Ein Luftbild aus DDR-Zeiten zeigt das damalige Siedlungsgebiet mit den früheren Grenzanlagen und drei Punkten, an denen Flüchtlinge und Grenzer ums Leben kamen.

Quelle: Gedenkstätte

Kruczek zog am Montag Vergleiche zwischen der aktuellen Flüchtlingskrise in Deutschland und früheren Ereignissen wie der Massenflucht aus ehemals deutschen Siedlungsgebieten in Osteuropa im Zuge des Zweiten Weltkrieges und den Republikfluchten kurz vor Ende der DDR. Ein System der Ausgrenzung, wie es in der DDR betrieben wurde, dürfe es nie wieder geben, sagte er, auch nicht gegenüber den Flüchtlingen von heute. Bundeskanzlerin Angela Merkel sei da zum Glück „aufgeschlossen, nicht aufgescheucht.“

Opfer an der Berliner Mauer

Mindestens 136 Menschen wurden zwischen dem Bau der Berliner Mauer 1961 und ihrem Fall 1989 getötet oder kamen im Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben.

Darunter waren 98 Flüchtlinge, die beim Versuch der Überwindung der Grenze erschossen wurden, verunglückten oder sich das Leben nahmen.

Ums Leben kamen aber auch 30 Menschen ohne jede Fluchtabsicht.

Zu den Opfern zählen zudem acht DDR-Grenzer, die von Fahnenflüchtigen, zivilen Flüchtlingen oder West-Berliner Polizisten erschossen wurden.

Darüber hinaus verstarben nach Angaben der Stiftung Berliner Mauer mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Grenzkontrollen an Berliner Übergängen.

 

Von Rainer Schüler

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