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Dachdecken nach Frauen-Art

Obdachlosigkeit in Potsdam Dachdecken nach Frauen-Art

Die „Homeless Homes“ des Kaliforniers Gregory Kloehn waren bunte Unikate aus Möbel-Sperrmüll, phantasievolle Schlafboxen für Obdachlose. Der Kölner Fotograf Sven Lüdecke baut sie in kleiner Serie nach und hat dafür den „Little Home“-Verein gegründet. Potsdamer Frauen wollen das Projekt nun auch nach Potsdam holen. Dafür stricken sie.

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Bettina Saar (l.) und Helen Hils vom Potsdamer Verein Frauraum stricken eine Decke für eine Obdachlosen-Wohnbox

Quelle: Rainer Schüler

Potsdam. Sie heißen „Little Home“ und sind die Welt, für Menschen, die kein Zuhause haben: Wohnboxen aus Holz, kaum größer als eine Matratze, aber wetterfest und abschließbar, eine Alternative zum Obdachlosenheim. Die Frauen des Potsdamer Vereins „Frauraum“ arbeiten, um so eine Box zu kaufen. Sie stricken eine Patchworkdecke und versteigern sie. Mindestens 850 Euro muss das bringen, soviel jedenfalls veranschlagt der Kölner Verein „Little Home“, der die rollbaren Häuser bislang baut, aber auch den Nachbau durch andere begrüßen würde, „Hauptsache“, sagt dessen Vereinsgründer Sven Lüdecke, „es hilft Obdachlosen zurück ins Leben.“

„Eine Decke für das Dach“ betitelt der Potsdamer Frauenverein sein neuestes Projekt, kurz: „Dachdecken“. Aus kleinen Woll-Quadraten von 15 mal 15 Zentimetern, vorzugsweise in Häuschen-Form, wird eine Patchwork-Decke zusammengesetzt, die man versteigern will. Solche „Granny squares“ stricken kann man ab sofort immer dienstags ab 14 Uhr im Freiraum an der Gutenbergstraße 12 oder auch zu Hause. Materialspenden werden ab sofort montags von 13 bis 15 Uhr angenommen.

Auf Lüdecke und die Mini-Häuser war Vereinschefin Bettina Saar erst im Oktober gestoßen: Bei einem bundesweiten Seminar zum Thema „Menschenrecht Wohnen“ hielt der Kölner Fotograf einen Vortrag; Saar war auf der Stelle hell begeistert. „Ich wollte schon immer mal eine Strickgruppe aufmachen“, sagt sie. „Jetzt hatte ich einen Anlass dafür.“ Die kleinen Holzhäuschen seien ein Übergang zum selbstbestimmten Leben in einer richtigen Wohnung“, findet sie. „Bei der Nutzung der Box gibt es keinen Druck vom Spender und keine andere Vorschrift, als sie bewohnbar zu halten.“

Zunächst geht es „nur“ darum, mit der Versteigerung der Patchwork-Decke das Geld für eine Unterkunft zu sammeln und dem Verein in Köln zu geben. Schön wäre es für die Frauen, wenn diese Box dann auch in Potsdam steht, und noch schöner, wenn jemand aus Potsdam sie denn baut. „Gern“, sagt Lüdecke, „denn wir schaffen das nicht alles selbst.“ Gerade hat er in Berlin Haus Nr. 36 übergeben: „Wir sind ein kleiner, rein ehrenamtlich arbeitender Verein und können all die Nachfragen gar nicht befriedigen.“ Auch nicht, wenn, wie das gewollt ist, Obdachlose und andere Helfer beim Bau mitwirken. Viel Zuspruch hat er für das Projekt gefunden, aber auch manch Tiefschlag hinnehmen müssen: Seine Vermieterin kündigte ihm die Wohnung, in deren Garten der Bau der ersten Häuser ablief. Obdachlose machten dabei mit. Der Dame passte sowas nicht, doch Lüdecke macht nun woanders weiter.

Obdachlose gibt es auch in Potsdam, beinahe unsichtbar im AWO-Obdachlosenheim am Lerchensteig, für alle sichtbar am Holländischen Viertel, am Platz der Einheit oder an der Freundschaftsinsel. Bettina Saar bringt so etwas ins Grübeln. 1991 erstmals in ihrem Leben arbeitslos geworden, kommt ihr „immer wieder der Gedanke, mal kein Dach mehr über’m Kopf zu haben; das ist grauenvoll.“ Sie selbst hatte mal ein Pflegekind, das mit 18 aus dem Heim gekommen war, später in den Sog von Drogen rutschte, auf der Straße lebte und mit 30 starb, weil sein Herz versagte. „Ich scheue mich, Obdachlose anzusprechen“, gesteht sie: „Aber so ein Häuschen ist, als würde ich mit ihnen reden.“

Mit Reden fing das Projekt der „Little Homes“ mal an, im September 2016 in Köln. Damals kamen zwei Dinge zusammen: Im Fernsehen sah er, wie der Künstler Gregory Kloehn aus Oakland in Kalifornien aus Sperrmüll bunte Mini-Häuschen für Obdachlose baute: „Homeless Homes“ heißen die Schlafboxen im Englischen; bunt sahen sie aus und jede anders. Ein paar Tage später war Lüdecke am frühen Morgen am Kölner Hauptbahnhof, auf dem Weg zur Arbeit. Eine Frau wurde von der Security unsanft aus dem Bahnhof befördert. Weil sie nicht schnell genug war, warf man ihr Eigentum in den Müll. „Ich habe sie auf einen Kaffee eingeladen und sie gefragt, warum sie nicht einfach in eine Notunterkunft geht - dazu gibt’s die ja schließlich“, berichtet Lüdecke. Sie erzählte, dass sich die Besucher da gegenseitig Sachen klauen, sobald man mal kurz duschen geht, dass Leute mit Messern rumspielen. Es sind Betrunkene da und Leute auf kaltem Entzug. Dazu kommt, dass sie ihren Hund nicht in die Notunterkunft mitnehmen dürfen. „Zeigen Sie mir mal einen Obdachlosen, der seinen Hund allein lässt!“ sagt Lüdecke: „Lieber schläft er selber draußen.“

Odachlose in Potsdam

Zum Stichtag 30. September 2017 lebten 370 Obdachlose in verschiedenen Potsdamer Einrichtungen und Wohnungen.

Eine Statistik, wie viele Menschen die Hilfsangebote nicht annehmen und auf der Straße leben oder bei Bekannten unterkommen, gibt es nicht.

Die Auslastung der Einrichtungen liegt das ganze Jahr über in allen Einrichtungen bei mehr als 90 Prozent.

Aktuell ist die Stadt in der Lage, alle Menschen, die einen Schlafplatz benötigen, unterzubringen.

Obdachlose haben dieselben finanziellen Ansprüche wie Personen, die in einer eigenen Wohnung leben. Haben sie kein eigenes Einkommen, dann „können sie die Regelleistungen der Grundsicherung für Arbeitssuchende, im Alter und bei Erwerbsunfähigkeit“ erhalten.

Also dachte er, auch er könnte so ein Häuschen bauen könnte wie der Ami. Er selber wohnte auf einem alten Bauernhof, Platz hatte er da ja. So ein Häuschen hat eine Grundfläche von drei Europaletten, ist also 1,20 Meter breit und 2,40 Meter lang. Da kommen Rollen drunter, innen rein ein Regal und ein kleiner Tisch, da bleibt dann gerade noch Platz für eine Matratze. „Ich habe selbst mal probiert, wie es ist, in so einer Box zu schlafen, bei 4 Grad Außentemperatur. Ich hatte zwei Grablichter brennen lassen, am Morgen hatte es immer noch 16 Grad drinnen. Die Häuschen sind wärmeisoliert, mit Dämmwolle und Styropor.“ Aber jede Wohnbox kostet 650 Euro, plus rund 200 Euro für den Lastwagentransport.

Wichtiger als das Häuschen an sich ist für Lüdecke das Gefühl, das die Obdachlosen mal wieder haben, etwas wert zu sein. „Ein Mann, der vorher roch wie zehn Männer, rasiert sich jetzt, wäscht seine Klamotten, hält seine Finger sauber, seit er das Häuschen hat“, erzählt der Fotograf in einem Blog. Viele Vorschriften muss an beachten, wenn man so eine Box aufstellt: Es müssen Toiletten und Duschen in der Nähe sein, die Häuschen dürfen nur auf Privatgrund stehen, es muss einen Fluchtweg geben; der Standort muss zu ändern sein.

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Ein Amerikaner hat die rollenden „Homeless Homes“ erfunden und aus Sperrmüll gebaut; jedes Häuschen sah anders aus. Ein deutscher Fotograf hat daraus ein eigenes Modell entwickelt und einen Verein gegründet, der die Minihäuser baut und an Obdachlose verschenkt.

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Auf dem Boden aus Euro-Paletten, die als Baustoff inzwischen hoch begehrt und also schwer zu haben sind, wird ein Balkenkonstrukt errichtet und mit OSB-Holzspanplatten verkleidet. Die bekommen einen speziellen Anstrich für den Brandschutz. Ein Feuerlöscher gehört ins „Haus“, ein Rauchmelder, ein Erste-Hilfe-Kasten; Platz ist auch für ein Camping-Klo, das allerdings einen Ort zur Leerung braucht.

Mehr Infos zum Potsdamer Projekt bei FrauRaum unter 0331/23166990 oder kontakt@frauraum-potsdam.de.

Gestrickt wird immer dienstags ab 14 Uhr bei Frauraum in der Gutenbergstraße 12.

Von Rainer Schüler

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