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Daniel Kehlmann fasziniert Potsdamer Publikum

Lesung im Thalia-Kino Daniel Kehlmann fasziniert Potsdamer Publikum

Sein Roman „Tyll“ führt seit Monaten die Bestsellerlisten an. Entsprechend groß war am Donnerstag der Andrang im Babelsberger Thalia-Kino. Vor 350 Gästen las Daniel Kehlmann aus seinem neuen Buch und zog Parallelen zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und heute.

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Im Gespräch mit Moderator Bernhard Robben war Daniel Kehlmann bestens gelaunt.

Quelle: Friedrich Bungert

Potsdam. Die 350 Plätze im großen Kinosaal des Thalia waren schon vor einem Monat ausverkauft. Viele Literaturinteressierte, die noch spontan die Veranstaltung mit Daniel Kehlmann in Babelsberg besuchen wollten, kamen vergebens. Im Publikum saßen nicht wenige Berliner, da der Schriftsteller nur noch einer zweiten Lesung in Leipzig zugestimmt hat. Da Kehlmann mittlerweile in New York lebt, muss das veranstaltende Brandenburgische Literaturbüro auf die Gage noch 18,8 Prozent so genannte „Ausländersteuer“ drauflegen.

Simpsons, Sopranos und Flughafen Tegel

Durch eine originelle, aber nie flache Moderation sorgte der Übersetzer Bernhard Robben dafür, dass Daniel Kehlmann zu interessanten Einlassungen bereit war. Sie saßen in gemütlichen Sesseln vor dem imposanten roten Kinovorhang und Robben stellte den gebürtigen Münchner, der erst kürzlich 43 Jahre alt wurde, in wenigen launigen Stichworten vor. „Er besuchte eine Jesuitenschule. Er mag die Simpsons, die Sopranos und den Flughafen Tegel. Und er schreibt mit einem Montblanc-Füllfederhalter.“ In zwei Punkten korrigierte ihn Kehlmann leicht. Sein Personal-Trainer in New York sei zwar ein ehemaliger Weltchampion im Kickboxen, aber er sei schon froh, wenn er gegen Rückenschmerzen gute Liegestütze hinbekomme. Und seine Gastprofessur an der New Yorker Uni sei gerade ausgelaufen.

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Der in New York lebende Schriftsteller macht sich rar in Deutschland. Entsprechend voll war am Donnerstag die Lesung im Potsdamer Thalia-Kino. Daniel Kehlmann stellte sein neues Buch „Tyll“ vor.

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Horror-Clowns stehen in Eulenspiegel-Tradition

Doch dann wandten sich die beiden belesenen Herren, die sich dutzten, dem aktuellen Roman „Tyll“ zu. Dass Till Eulenspiegel alles andere als eine sympathische Figur ist, darin waren sich Robben und Kehlmann sofort einig. „Er ist ein bösartiger Mensch, der anderen Streiche spielt und sich freut, wenn es allen schlecht geht“, sagte Kehlmann. Die heutigen Horror-Clowns - „Trump lassen wir mal lieber weg“ - stünden in der Eulenspiegel-Tradition. „Es wird gern behauptet, dass Eulenspiegel den Menschen ihre Torheit zeige, aber davon kann gar nicht die Rede sein. Er ist kein Voraufklärer, sondern eher ein Kerl, der nicht in den Zivilisationsprozess passt“, so Kehlmann weiter. In der frühen Neuzeit sei es darum gegangen, mit Besteck zu essen, nicht mehr zu spucken und fürs Geschäft hinters Haus zu gehen.

Zweites Kapitel sieben Mal neu geschrieben

Die Schelmenkappe sei verwandt mit Teufelshörnern. Seinem Eulenspiegel hafte etwas Animalisches an. Als Gaukler auf Märkten und als Hofnarr habe er Zugang zu allen Gesellschaftsschichten gehabt. Robben zog Vergleiche zu Berufen wie Priester oder Detektiv, die Kehlmann gefielen.

Ausverkauftes Haus

Ausverkauftes Haus: 350 Gäste kamen zur Lesung ins Thalia Kino.

Quelle: Friedrich Bungert

Nach seinem internationalen Erfolg „Die Vermessung der Welt“ (2005) wollte Kehlmann eigentlich keine historischen Stoffe mehr anfassen. Dass er sich dazu hinreißen ließ, habe mit seinem Interesse für den Dreißigjährigen Krieg zu tun. Er habe den Eulenspiegel, der wahrscheinlich im 14. Jahrhundert gelebt hat, kurzerhand in das kriegerische 17. Jahrhundert versetzt und die Figur aus Norddeutschland einfach nach Süddeutschland verpflanzt. „Es ist mir schwer gefallen, mich in heutiger Sprache in die Welt von damals zu versetzen. Ich habe fünf Jahre an dem Buch gearbeitet und das zweite Kapitel sieben Mal neu geschrieben“, erzählte er.

Kehlmann ist begnadeter Erzähler

Dann stellte sich Daniel Kehlmann wie ein Juniorprofessor hinter ein Katheder, um geschlagene 50 Minuten fehlerfrei und ohne einen Schluck Wasser zwischendurch aus dem Kapitel „König im Winter“ zu lesen. Die Zeit wurde nicht lang. Im Nu versetzte der begnadete Erzähler den Kinosaal in ein wildes Zeltlager des Schwedenkönigs Gustav Adolfs. Mit vornehmer, hoher, manchmal auch knarrender Stimme schilderte Kehlmann den pestilenzhaften Gestank und einen burschikosen Dialog zwischen einem mächtigen und einem entmachteten König, dem der Narr Tyll länger die Treue hält als ein Graf und der Koch im Gefolge.

Regisseur Volker Schlöndorff gehörte auch zu den Zuschauern

Regisseur Volker Schlöndorff gehörte auch zu den Zuschauern.

Quelle: Friedrich Bungert

Stoff passt in die Zeit des Syrienkonfliktes

Nach der Lesung wollte Moderator Robben wissen, was der historische Stoff über die Gegenwart aussage. Grass habe den Dreißigjährigen Krieg in „Treffen in Teltge“ für eine Auseinandersetzung über die Gruppe 47 verwendet und Alfred Döblin in „Wallenstein“ den Ersten Weltkrieg gespiegelt, so seine Steilvorlage. Kehlmann bekannte ohne Umschweife: „Als ich 2004 mit ,Die Vermessung der Welt’ ein optimistisch-komödiantisches Buch schrieb, passte das sicher in die damalige Zeit. So gesehen ist es wohl kein Wunder, dass ich in den Jahren des Syrienkonfliktes genau bei diesem Stoff gelandet bin.“ Er zog einen direkten Vergleich zu Syrien, wo ähnlich unübersichtlich Konfessionen, Großmächte und Machtkämpfe hineinspielten und ständig wechselnde Allianzen entstünden.

„Facebook hat zur Wahl von Trump geführt“

„Diese chaotische Gemengelage des Dreißigjährigen Krieges bietet eine Blaupause für die Kriege des 21. Jahrhunderts“, meinte Kehlmann und fuhr fort: „Auch damals gab es eine Flut von Propaganda. Die Menschen waren dem Buchdruck noch nicht gewachsen. Nach der Einführung eines neuen Mediums dauert es immer, bis sich in dem Medium neue Autoritäten herausbilden. Facebook hat zur Wahl von Trump geführt. Bis sich diese Verwirrung legen wird, bleibt es ungemütlich.“

Mit seinen Einlassungen machte der Autor dem Publikum viel Lust, seinen Roman zu lesen. Anschließend bildete sich eine lange Schlange am Signiertisch.

Daniel Kehlmann: Tyll. Rowohlt, 474 Seiten, 22,95 Euro.

Von Karim Saab

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