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Das Lieblingsschloss Wilhelms II.

Zeitreise ins Neue Palais Das Lieblingsschloss Wilhelms II.

Der Potsdamer Jörg Kirschstein hat ein neues Buch über das Neue Palais geschrieben, das viele Details aus dem Leben des Kaisers enthält – etwa dass Wilhelm zu den Pionieren des Tennissports in Deutschland zählten. Und: Kirschstein hat spannende Parallelen zur heutigen Zeit herausgefunden. Am 5. Oktober um 19 Uhr stellt er sein Buch im Alten Rathaus vor.

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Familienfoto vor dem Neuen Palais anlässlich des 25. Todestages Kaiser Friedrichs III.

Quelle: Privatbesitz

Sanssouci. Im Neuen Palais tappte man länger als anderswo im – vergleichsweise – Dunkeln. Während das Berliner Schloss schon 1889 eine partielle elektrische Beleuchtung erhalten hatte, wurde der Prachtbau am Park Sanssouci erst 1911 an das Stromnetz angeschlossen. Das Potsdamer Elektrizitätswerk hatte neun Jahre vorher seinen Betrieb aufgenommen. Bevor die Moderne in Gestalt des Stroms Einzug hielt, behalf man sich im Neuen Palais neben Kerzen vor allem mit Öl- und Petroleumlampen. Wobei die geruchsintensiveren Petroleumlampen dem Gefolge und der Dienerschaft zugedacht waren. Dass man dann doch irgendwann im Neuen Palais mit der neumodischen Zeit ging, lag an einem tragischen Unglück in einem schlesischen Schloss. Dort war ein Diener so unglücklich mit einer Petroleumlampe in der Hand gestolpert, dass das Kleid der Schlossherrin Feuer fing und die Adelige schwerste Verbrennungen davontrug. Danach setzte auch Wilhelm II. in seiner bevorzugten Residenz zunächst nur mehr auf Öl, danach auf Strom.

Die Geschichte, weshalb dem geschockten Monarchen endlich ein (elektrisches) Licht aufging, ist nur eine aus einer Fülle von spannenden Fakten, die Jörg Kirschstein für sein neues Buch „Das Neue Palais. Familienidyll und kaiserlicher Glanz“ recherchiert hat.

Jörg Kirschstein, Kastellan von Schloss Babelsberg

Jörg Kirschstein, Kastellan von Schloss Babelsberg

Quelle: Christel Köster

Der Kastellan von Schloss Babelsberg hat in Potsdam Archivwesen studiert und kennt keine Scheu vor der zeitaufwendigen Suche nach Primärquellen in Archiven und Bibliotheken. Dass die Ergebnisse dann nicht staubtrocken, sondern leichtfüßig und gut lesbar präsentiert werden, ist ein weiterer Vorzug des reich bebilderten Bandes.

In seiner Darstellung fokussiert sich Kirschstein vor allem auf die Zeit Wilhelms II. Der Kaiser bezog 1889 mit seiner Frau Auguste Victoria und den fünf Söhnen erstmals das Schloss. Später komplettierten die Kinder Joachim und Victoria Luise die Familie. Wilhelm war der erste Monarch, der tatsächlich längere Zeit im Neuen Palais lebte. Die Familie logierte hier von Mai bis Mitte Januar. Berlin war leicht mit der Bahn zu erreichen, dennoch wohnte man im Grünen. Der einstündige morgendliche Ausritt im Wildpark gehörte zum Tagesablauf des Kaiserpaares. Beide frönten zudem einem Hobby, das damals hierzulande exotisch war – der Tennisplatz hinter dem Schloss zählte zu den ersten in Deutschland. Höchstselbst ließ die Kaiserin Tennis-Equipment in England bestellen.

Blick auf die Fassade des Neuen Palais

Blick auf die Fassade des Neuen Palais.

Quelle: SPSG

Ansonsten war der Alltag in ein festes Korsett gespannt. Für jedes Abendessen wurde eine eigene Speisekarte mit der Menüabfolge gedruckt. Diener brachten das Essen von den Küchen in den gegenüberliegenden Communs durch einen 300 Meter langen Tunnel ins Schloss. Damit die Speisen nicht lauwarm auf den Tisch kamen, mussten sie noch einmal in strombeheizte Wärmeschränke geschoben werden. Eher unterkühlt und wenig glamourös scheint hingegen das Hofleben vonstatten gegangen zu sein. Am Abend versammelte sich die Hofgesellschaft oft um einen Tisch und blätterte in ausgelegten Zeitungen und Büchern, während der Monarch gern die Unterhaltung alleine bestritt. „Für die Mehrzahl dehnte sich der Abend etwas lang aus“, zitiert Kirschstein einen nur mäßig begeisterten Gast.

Jörg Kirschstein war früher Kastellan in Oranienburg – hier ein Bild aus der dortigen Ausstellung im Schloss

Jörg Kirschstein war früher Kastellan in Oranienburg – hier ein Bild aus der dortigen Ausstellung im Schloss.

Quelle: Archiv

In mancher Hinsicht gab es verblüffende Parallelen zur heutigen Zeit. Die Furcht vor Attentaten prägte auch den Alltag im abgeschiedenen Schloss. 1879 hatte es einen Anschlag auf Wilhelm I. gegeben – danach wurden die Sicherheitsvorkehrungen stark erhöht. Aufs Schlossgelände kam nur, wer bei den Wachposten eine offizielle Erlaubnis vorweisen konnte. Im Buch ist ein Faksimile der kleinen türkisfarbenen Billets mit dem Schriftzug „Legitimation zum Eintritt in das Königliche Neue Palais bei Potsdam“ abgedruckt. Abgeriegelt war das Gelände mit einem Drahtzaun. Allerdings hatte das Sicherheitssystem durchaus seine Lücken. So gelang es einem französischen Bankier auf Deutschlandtour ungehindert in seinem Luxuswagen durch den Park-Einlass zu rollen. Schuld an der Panne waren die Wachen, die das schicke Automobil für ein Modell aus dem kaiserlichen Fuhrpark gehalten hatten.

Das Neue Palais und die Communs von Nordosten,um 1775 Kolorierte Radierung

Das Neue Palais und die Communs von Nordosten,um 1775 Kolorierte Radierung.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Pferde gab es natürlich auch noch im Neuen Palais. Deren Ställe konnten es an Schönheit fast mit den hochherrschaftlichen Wohnungen im Schloss aufnehmen. Die hohen Decken wurden von kunstvollen Säulen gestützt und vor den Fenstern hingen Vorhänge, um die edlen Vierbeiner bei Bedarf vor zu viel Sonne schützen zu können. Nach der Abdankung Wilhelms II. harrten die Pferde noch ein paar Jahre aus, weil sie eigentlich ins niederländische Exil des Kaisers gebracht werden sollten. Doch dazu kam es dann doch nicht.

Info: Jörg Kirschstein präsentiert am Donnerstag, den 5. Oktober, um 19 Uhr auf Einladung des Fördervereins des Potsdam-Museums sein neues Buch im Alten Rathaus

Von Ildiko Röd

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