Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -2 ° Nebel

Navigation:
Das Projekt Palais Barberini ist in Gefahr

Jann Jakobs mahnende Worte Das Projekt Palais Barberini ist in Gefahr

Das geplante Kulturgutschutzgesetz sorgt für Unruhe in der Kulturszene. Jetzt hat Hasso Plattner angekündigt, seine Privatsammlung nicht dauerhaft im Palais Barberini in Potsdam zu lassen. Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs ist entsetzt. Er sieht das Grundgerüst des Barberini-Projektes gefährdet und befürchtet einen „kulturpolitischen Skandal allerersten Ranges“.

Voriger Artikel
Flaschen, Verkehrsschilder, Fahrräder
Nächster Artikel
Ministeriums-Antwort sorgt für Erstaunen

Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs..

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Im Streit um das geplante umstrittene Gesetz zum Schutz von Kulturgütern von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) droht nun auch SAP-Mitbegründer Hasso Plattner mit Konsequenzen.

Sollte das Gesetz von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) Wirklichkeit werden, könne er eine Verlagerung seiner Gemälde-Klassiker aus dem kalifornischen Palo Alto nach Deutschland „nicht mehr verantworten“. Die Sammlung verlöre auf einen Schlag die Hälfte ihres Wertes, schreibt Plattner in einem Brief an Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). Damit würde dem geplanten Kunstmuseum Barberini am Alten Markt in Potsdam der Wegfall wertvoller Bestände drohen, nämlich der Sammlung aus Werken des Impressionismus und der Klassischen Moderne. Rund 250 Bilder gehören dazu, knapp zwei Drittel davon sind Plattner zufolge museumsreif. Seine Sammlung ostdeutscher Kunst, für die er international keinen Markt sieht, ist jünger als 50 Jahre und von dem Gesetz nicht betroffen, das noch gar nicht beschlossen ist.

Das neue Gesetz zum Schutz von Kulturgut soll die bisherigen Vorschriften bündeln und an EU-Recht anpassen. In dem von der Kulturstaatsministerin vorgelegten Entwurf heißt es: “Nationales Kulturgut als Teil des kulturellen Erbes Deutschlands unterliegt dem Schutz gegen Abwanderung aus dem Bundesgebiet.“

Potsdams Oberbürgermeister ist entsetzt

Potsdams Oberbürgermeister Jakobs (SPD) hat in einem Brief an Grütters, der der MAZ vorliegt, gewarnt, ein „kulturpolitischer Skandal allerersten Ranges“ bahne sich in Potsdam an, wenn Plattner seine Klassik-Sammlung nicht ins künftige Palais Barberini bringt. Er trete für eine „radikale Veränderung“ ein; am besten wäre eine Rücknahme des Gesetzes. Ohne das Engagement international agierender privater Sammler und Mäzene wäre der Kunstbetrieb in den deutschen Kommunen längst zum Erliegen gekommen, schreibt Jakobs. Er wirft der Bundesregierung eine „Bevormundung und staatliche Kontrolle“ vor, die „unabsehbare Folgen“ für Galeristen und für Museen haben werde.

Jakobs sagte der MAZ am Sonntag, man müsse Plattners Bedenken ernst nehmen; das Problem betreffe ganz Deutschland. Er habe den „Eindruck, dass das von vielen unterschätzt wird.“ Es gehe für Potsdam nicht nur um „ein paar Bilder“, sondern um die Grundphilosophie des Palais Barberini“, wo Plattners Kunstsammlung auch nach seinem Tode gezeigt werden soll. „Wenn dieses Vermächtnis nicht erfüllbar wird, bricht das Grundgerüst des Barberini-Projektes zusammen“, sagte Jakobs: „Die Leute wissen gar nicht, welch wertvolle Kunstsammlung Hasso Plattner da über Jahre systematisch aufgebaut. So eine Sammlung werden wir in den nächsten Jahren deutschlandweit nicht mehr bekommen.“ Er stehe mit Plattner im Mailkontakt zu dem Problem.

Das Kulturschutzgesetz

Das Gesetz zum Schutz deutschen Kulturgutes von 1955 soll die Ausfuhr von Kultur- und Archivgut oder dessen Verbringung ins Ausland verhindern. Dazu werden die Bestände in ein Verzeichnis national wertvollen Kulturgutes oder ein Verzeichnis national wertvoller Archive eingetragen. Über die Aufnahme in das Verzeichnis entscheiden die Länder, in denen sich Kunstwerke und Archivgut befinden, auf der Basis von Gutachten.

Für eine Ausfuhr ist nach den Bestimmungen die Genehmigung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien nötig. Sie ist an Bedingungen geknüpft und zu versagen, “wenn die wesentlichen Belange des deutschen Kulturbesitzes das private Interesse überwiegen“.

Das geplante neue Kulturgutschutzgesetz soll nach Angaben der Bundesregierung bestehende Gesetze zusammenführen, neues EU-Recht berücksichtigen und deutsches Recht an internationale Standards anpassen. Der Entwurf sehe strikte Ein- und Ausfuhrregelungen und eindeutige Sorgfaltspflichten beim Erwerb von Kulturgut vor. So würden unter anderem klare Angaben zur Herkunft und Provenienz eines Objekts beim An- und Verkauf vorgeschrieben. Kritiker sehen in dem Entwurf eine zu weit gehende Beschränkung des Kunsthandels.

Offener Brief und Paukenschlag

Hauptstreitpunkt ist die Vorschrift, “national wertvolles Kulturgut“ unter Schutz zu stellen und damit dessen Abwanderung ins Ausland zu verhindern. Offenbar wolle Grütters dem Staat einen vergünstigten Zugriff auf die für ihn relevanten Kulturgüter verschaffen, heißt es in einem Offenen Brief, den mehr als 250 Kunsthändler und Sammler praktisch zeitgleich mit der Verteidigungsrede der Staatsministerin veröffentlichten. “Deshalb fordern wir: Geben Sie Kunsteigentum und Kunsthandel frei!“

Der Berliner Kunstexperte Peter Raue hatte Anfang Juli erklärt, dass das geplante Gesetz dem Handel in “beängstigender“ Weise Ketten anlege. Er forderte Grütters auf, das Gesetz zu “entgiften“, damit es “den Kunsthandel und die Freude am privaten Kulturbesitz nicht verdirbt“. Es schade Deutschland als Kunsthandelsplatz, verunsichere private Sammler und schaffe einen erschreckenden bürokratischen Apparat. Für Galerist Haas ist es realitätsfern, “überhaupt nicht durchdacht“ und verfassungswidrig. “In letzter Konsequenz geht es um Enteignung.“

Für den größten Paukenschlag hatte der Maler und Bildhauer Georg Baselitz gesorgt, der aus Protest seine Leihgaben aus deutschen Museen zurückzog. Zu Unrecht, findet Grütters. Denn in die Neufassung des Gesetzentwurfs wurde ein Absatz eingefügt, dass der Schutz nach Kündigung oder Ablauf des Leihvertrags endet. Und dass Leihgeber auf den Schutz ausdrücklich verzichten können. “Das kann Herr Baselitz auch tun.“

Erstmal hat der Künstler jedenfalls seine Leihgaben aus dem Dresdner Albertinum, der Pinakothek der Moderne in München und aus der Chemnitzer Kunstsammlungen abgezogen.

Deutschlands berühmtester Maler Gerhard Richter will dagegen erst einmal abwarten, was aus dem Gesetzesvorhaben wird. “Er ist aber froh, dass das Thema auf dem Tisch ist“, sagte Dietmar Elger, Leiter des Gerhard Richter Archivs. Auch der Kunsthistoriker hat bei manchen Punkten des Gesetzentwurfs Bedenken. Aber die Erfahrung lehre, dass es oft nicht so komme wie geplant. Wenn doch, wäre das “tatsächlich eine ziemliche Katastrophe“.

Das Kunstmuseum Barberini

Das Kunstmuseum Barberini soll Ende 2016 fertig werden, die Eröffnung ist für 2017 geplant. Zu der Sammlung gehören 80 Werke von 18 DDR-Künstlern, unter anderem von Wolfgang Mattheuer, Bernhard, Bernhard Heisig, Willi Sitte und Werner Tübke. Das Palais ließ Friedrich der Große (1712-1786) nach dem Vorbild des Palazzo Barberini in Rom errichten. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Barockbau zerstört.

Bislang wollte der SAP-Mitbegründer nach seinem Tod das Museum Barberini zum ständigen Sitz seiner Sammlung machen. Dies stellt er nun infrage. Selbst die geplante Eröffnungsausstellung sei in Gefahr, so heißt es.

Von MAZonline

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Potsdams Oberbürgermeister und das Kulturgutschutzgesetz

Eins ist klar: So viel Vehemenz ist in Potsdam selten. Doch nun geht es um Hasso Plattner und das Kulturschutzgesetz. Der ist wirklich nicht geizig, spendiert der Landeshauptstadt Millionen. Nun möchte er auch seine private Kunst in Potsdam ausstellen. Allerdings hat er Anforderungen – und die wirft ihm Oberbürgermeister Jakobs vor die Füße. Ein Kommentar.

mehr
Mehr aus Potsdam
Potsdams Innenstadt - vor und nach dem Krieg

Der 14. April 1945 ist ein sonniger, warmer Frühlingstag – ein Sonnabend.  Um 22:15 Uhr ertönen die Sirenen, Bomben fallen auf Potsdam und wenig später marschiert die russische Armee in Potsdam ein. Das Stadtbild ist ein anderes geworden.

Das Protokoll zum Luftangriff: www.maz-online.de/Nacht-von-Potsdam

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg