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Potsdam Das Relief der Nikolaikirche erstrahlt wieder
Lokales Potsdam Das Relief der Nikolaikirche erstrahlt wieder
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20:00 08.10.2018
Das äußere Erscheinungsbild der Nikolaikirche ist mit dem Relief im Dreiecksgiebel 73 Jahre nach der Zerstörung 1945 wieder vollkommen. Quelle: Fotos: Peter Degener (4)
Innenstadt

Das hohe Gerüst vor dem Eingang der Nikolaikirche ist abgebaut. Endlich ist für jedermann sichtbar, was dort seit dem Frühjahr entstanden ist. Der Dreiecksgiebel über der hohen Säulenhalle – der Tympanon der Nikolaikirche – erstrahlt wieder in der von Karl Friedrich Schinkel vor fast 200 Jahren erdachten Form.

Die Figuren stehen, sitzen, kauern und liegen um Christus herum

Bei Kriegsende 1945 war die Kirche schwer zerstört, die Kuppel und der Säulenportikus eingestürzt. Bis 1977 erfolgte der Wiederaufbau der Gebäudehülle. „Aus finanziellen und politischen Gründen verzichtete die Gemeinde damals auf den religiösen Schmuck über dem Eingang“, erklärt Pfarrerin Susanne Weichenhan. Doch nun predigt Jesus Christus wieder vor zahlreichen Zuhörern. Sie stehen, sitzen, kauern und liegen. Sie alle hören ihm zu – manche andächtig und fasziniert, andere konzentriert oder sogar mit kritischer Miene, wie Weichenhan sagt.

Das 20 Meter weite Relief über dem Eingang der Nikolaikirche ist 73 Jahre nach seiner Zerstörung wieder hergestellt. Der Bildhauer Rudolf Böhm hat es in seiner Werkstatt über drei Jahre rekonstruiert – nun strahlt es wieder in Richtung des Alten Markts.

20 Meter breit und drei Meter hoch ist das gesamte Werk

In den 19 Figuren ist ein Abbild aus allen Schichten der Gesellschaft zu sehen: Ein Landwirt mit seiner Familie, ein Hirte, junge und ältere römische Soldaten, eine Mutter mit einem Kind, ein Gelehrter, der eifrig mitschreibt, ein liegender Gärtner. Ungefähr 20 Meter breit und 3 Meter hoch ist diese Darstellung der Bergpredigt. „Die Gemeinde ist begeistert und von Herzen froh, dass dieses wundervolle Relief wieder in allerhöchster künstlerischer Qualität in Richtung Alter Markt strahlt“, sagt Pfarrerin Weichenhan.

Böhm hat das Relief in außerordentlicher Präzision nachgeschaffen“

Der Potsdamer Bildhauer Rudolf Böhm war 2015 von der evangelischen Gemeinde mit der Rekonstruktion des Reliefs beauftragt worden. „Wir haben bei ihm die künstlerische Ehrfurcht vor der Größe der Aufgabe gespürt“, sagt die Pfarrerin über den mehrjährigen Entstehungsprozess. „Böhm hat das Relief in außerordentlicher Präzision nachgeschaffen“, würdigt sie seine Arbeit.

Diese Zufriedenheit fand Rudolf Böhm selbst erst vor einigen Tagen, als das Gerüst abgebaut war und er das Werk erstmals aus der Tiefe des Alten Marktes sah. Da wusste er: „Es ist geschafft und es ist geglückt. Ich hatte lange Zweifel gehegt, ob nicht doch etwas in der Untersicht verkürzt oder überlang wirkt“, sagt der erfahrene Bildhauer.

Rudolf Böhm in seiner Werkstatt vor dem Abtransport einiger Figuren. Quelle: Peter Degener

Die Figuren sind aus Stuck gegossen und bestehen aus mehreren Einzelteilen

Denn in der jahrelangen Arbeit hatte er die Figuren stets direkt vor Augen gehabt. Anhand von Messbildern aus dem frühen 20. Jahrhundert und eines erhaltenen Originalmodells schöpfte er die Szene nach. Nach der Ausführung in Ton und der Abformung mit Silikon wurden die Figuren in sogenanntem „Potsdamer Stuck“ gegossen, einer Mischung aus Gips, Weißkalk, Kies und Wasser.

Die aus bis zu fünf Einzelteilen bestehenden Figuren wurden erst vor Ort zusammengesetzt und schließlich in hellem Gelb der Fassade in Öl gestrichen. Noch glänzen sie in der Sonne. „Ich hoffe, dass die Figuren nach dem ersten Winter viel matter sein werden“, ist Böhm zuversichtlich.

Der junge August Kiss schuf das Original 1834 nach einem Entwurf Schinkels

„Es handelt sich um einen Entwurf von Karl Friedrich Schinkel, der von August Kiss umgesetzt wurde“, sagt er. „Kiss wurde berühmt durch die Amazone am Alten Museum in Berlin. An der Nikolaikirche war er als junger Mann tätig, gerade dreißig Jahre alt. Er war beeinflusst von den Nazarenern und sicherlich auch vom Thorvaldsen-Christus, der in ganz Europa Furore gemacht hatte“, sagt Böhm über den Mann, dessen 1834 fertiggestelltes Werk er rekonstruiert hat. „Ich empfinde überwiegend Freude und Erleichterung“, sagt Rudolf Böhm über den neuen Blickfang am Alten Markt, „die Figuren sind mir alle ans Herz gewachsen.“

Der Christus ist der berühmten Figur von Bertel Thorvaldsen nachempfunden, die auch im Hof der Friedenskirche im park Sanssouci steht. Den starken Glanz der Ölfarbe werden die Figuren nach und nach verlieren. Quelle: Peter Degener

„Das war mein letztes großes Projekt“, sagt der 77-Jährige

Doch der 77-jährige Bildhauer, der am Ende einer langen Karriere steht, sagt auch: „Das war mein letztes großes Projekt“. Bis 2006 leitete er fast 40 Jahre lang die Skulpturenwerkstatt der Stiftung Preußische Schlösser & Gärten. Am Alten Markt war er bereits für die Figur der Fortuna auf dem Fortunaportal und die Architekten-Medaillons auf dem Obelisken verantwortlich.

Auch die Palastfassaden neben dem Museum Barberini in der Humboldtstraße hat er konzipiert. Zahlreiche weitere Werke, darunter nicht nur Nachschöpfungen, sondern auch eigene zeitgenössische Arbeiten aus seiner Hand, finden sich in und um Potsdam.

Wiederherstellung kostete fast 600 000 Euro

Die evangelische Gemeinde feiert das Böhms Relief mit einer ganzen Festwoche, hat einen Bildband über die Wiederherstellung herausgegeben und will am Wochenende mit einem Gottesdienst und Führungen das Erreichte würdigen. Die Rekonstruktion war erst durch eine Großspende der Stiftung Preußisches Kulturerbe möglich geworden. Zahlreiche kleine Spenden wurden zusätzlich eingeworben, um die fast 600000 Euro teure Arbeit zu finanzieren.

Nächstes Ziel der Gemeinde: die Wiederherstellung der Apsis-Ausmalung

„Nach der Einweihung der Orgel vor einem Jahr ist das der zweite große Schritt zur Wiederherstellung der Kirche“, sagt Weichenhan. Langfristig habe die Gemeinde nun „die große Hoffnung“ auch die letzte verbliebene unübersehbare Leerstelle im Inneren der Kirche – die Ausmalung der Apsis hinter dem Altar – wiederherzustellen.

Rudolf Böhm widmet sich nun als Bildhauer einer privaten Arbeit, einem Porträt seines Enkels.

Führung und Bildband zum Relief

Die Wiederherstellung des Reliefs wird am Sonntag um 10 Uhr mit einem Gottesdienst und anschließendem Empfang gefeiert.

Pfarrerin Susanne Weichenhan und Bildhauer Rudolf Böhm erklären am Sonntag ab 12.15 Uhr außerdem ausgehend vom Obelisken das Werk aus künstlerischer und theologischer Sicht. Bereits am Sonnabend gibt es ab 10.30 Uhr eine Kirchenführung der Pfarrerin, die auch das Relief zum Thema hat.

Der Bildband „Selig sind... Das Tympanonrelief an St. Nikolai in Potsdam. Geschichte – Rekonstruktion – Botschaft“, der gerade erschienen ist, dokumentiert die Wiederentstehung. Herausgeber sind die Pfarrerin, der Bildhauer und der Fotograf Martin Kunze, der die Arbeit begleitet hat.

Von Peter Degener

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