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Potsdam „Das Schreckliche ist die Hilflosigkeit“
Lokales Potsdam „Das Schreckliche ist die Hilflosigkeit“
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19:48 15.11.2015
Pfarrerin Cornelia Radeke-Engst (vorne) betete am Sonnabend in der Nagelkreuzkapelle für die Opfer der Attentate von Paris. Quelle: Fotos: Christel Köster
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Potsdam

Meist ist das Gedenken rund um den Volkstrauertag nicht viel mehr als eine rein rituelle Handlung. Doch diesmal stand Potsdam am Wochenende ganz unter dem Schock der grauenvollen Ereignisse von Paris.

Bereits wenige Stunden nach der Schreckensmeldung lud Superintendent Joachim Zehner am Sonnabend zum Gedenken in die Nagelkreuzkapelle an die Breite Straße. Bei einbrechender Dunkelheit versammelten sich die Gläubigen zum Gebet mit Pfarrerin Cornelia Radeke-Engst, die darum bat, sich in einem „Kreis der Geschwisterlichkeit“ um den Altar zu versammeln und Kerzen zum Gedenken zu entzünden.

Fassungslosigkeit, tiefe Betroffenheit – viele Besucher wussten ihre Gefühle kaum in Worte zu fassen. Bei manchen kamen schreckliche Erinnerungen hoch. „Es ist etwas, das einen doppelt bewegt, wenn man selbst Bomben erlebt hat“, sagte Erna Moskal (83) aus der Brandenburger Vorstadt, die im Krieg aus Königsberg geflüchtet war und in Potsdam wieder ausgebombt wurde. Als die Nachricht vom Pariser Massaker am Freitagabend bekannt wurde, blieb die alte Dame bis ein Uhr nachts vor dem Radio. Sie dachte dabei intensiv an die Angehörigen der Opfer und die Überlebenden: „Das Schreckliche sind die Hilflosigkeit und die Ängste, die nachbleiben.“

Auch an vielen anderen Orten der Stadt war man mit dem Herzen in Frankreich. In allen Gottesdiensten wurde der Opfer gedacht. In vielen Kirchen konnten Kerzen aufgestellt werden. Auch zum Auftakt des „Vocalise“-Festivals in der Erlöserkirche oder im Hans-Otto-Theater galten die Gedanken dem Nachbarland. Vor dem Rathaus wurde auf Halbmast geflaggt.

Das jährliche Gedenken zum Volkstrauertag am Sonntag stand ebenfalls im Zeichen der Attentate. Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) sagte in seiner Rede am Bassinplatz – in Sichtweite der Französischen Kirche – am Ehrenfriedhof für die sowjetischen Gefallenen: „Der Angriff am Freitag traf nicht allein in das Herz Frankreichs, er traf in das Herz Europas.“ Potsdams Verbundenheit mit Frankreich sei nicht allein der Europäischen Union geschuldet, sondern auch der französischen Zuwanderung: „Sie hat unsere Stadt, unsere Stadtgemeinschaft, letztlich auch unser Volk zu dem gemacht, was es heute ist: Ein Volk, das trauern kann, über Grenzen hinweg.“

Linken-Kreischef Sascha Krämer mahnte nach der Veranstaltung, auch den Anschlag von Beirut nicht zu vergessen. „Dies ist nicht nur ein Angriff auf Europa, sondern ein Angriff auf die freiheitlichen, humanistischen und demokratischen Werte der Gesellschaft, auf die Errungenschaften der Aufklärung.“

Besonders intensiv denkt man in Potsdam und im Umland an die Partnerstädte. So sind sich seit Anfang der 1960er Jahre Teltow und Gonfreville-l’Orcher in der Normandie verbunden. Teltows Bürgermeister Thomas Schmidt (SPD), der seinem Amtskollegen schreiben wird, erklärte am Sonntag: „Wir sind zutiefst erschüttert und in Gedanken bei unseren französischen Freunden.“ Auch Jakobs hat bereits mit dem Bürgermeister von Versailles Kontakt aufgenommen. Potsdam unterhält mit der Ex-Residenz rege Kontakte, während die Verbindung zur Partnerstadt Bobigny eingeschlafen ist. Der Babelsberger Ex-Linken-Stadtverordnete Klaus-Uwe Gunold war früher öfter zur Kontaktpflege in der Stadt, die im Département Seine-Saint-Denis liegt. Vom „Stade de France“, wo die Terroristen so grauenvoll zuschlugen, ist es nur ein Katzensprung bis zur Département-Grenze. Gunold hat die Sportstätte oft von außen gesehen. Seine Erschütterung paart sich in diesen Tagen auch mit Befürchtungen: Was für Auswirkungen könnten die Attentate auf die Befindlichkeiten in Potsdams Partnerstadt haben? 70 bis 80 Prozent der Einwohner von Bobigny sind Zugewanderte, hauptsächlich aus Afrika und arabischen Ländern. Sie könnten nun in der aufgeheizten Stimmung zur Zielscheibe des Hasses werden, befürchtet Gunold.

Gedenken am Volkstrauertag

Zum Volkstrauertag nahmen Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD), Bürgermeister Burkhard Exner (SPD) und die Sozialbeigeordnete Elona Müller-Preinesberger (parteilos) an den Gedenkveranstaltungen am Sowjetischen Ehrenfriedhof am Bassinplatz und auf dem Neuen Friedhof teil.

In Groß Glienicke veranstalteten der Ortsbeirat und der Groß Glienicker Kreis am Denkmal einen Akt mit besonderem Ereignis: Zum zweiten Mal nach 1990 ist das Denkmal ergänzt worden. Errichtet im Stile eines Heldengedenkens in den 1920er Jahren wurden 1995 zwei Steine hinzugefügt, die das Denkmal auch den Opfern der Gewaltherrschaften widmete. Gestern wurde eine Tafel enthüllt, die eine Distanz zum Heldengedenken sichtbar macht und den weiteren historischen Kontext verdeutlicht.

Auf dem Friedhof in Schenkenhorst ist die Anlage für die Opfer von Krieg und Gewalt beider Weltkriege eingeweiht worden. Der vormalige Gedenkstein ist durch zwei kleinere Findlingsplatten ersetzt, auf denen nun die Namen aller zivilen Opfer und die der gefallenen Soldaten stehen.

„Sehr geschockt“ ist auch Doreen Pukschamml, Geschäftsführerin der Deutsch-Französischen Gesellschaft in Potsdam. Der zu Wendezeiten gegründete Verein – aktuell: 64 Mitglieder – unterhält rege Beziehungen zu den Partnern. Während des Wochenendes wuchs nun die Sorge, erzählt Pukschamml: „Natürlich macht man sich Gedanken, wie es unseren Bekannten geht und inwieweit sie persönlich betroffen sind.“

Von Ildiko Röd

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