Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Das Suchtrisiko für Männer ist höher

Spielsucht-Experte im Interview Das Suchtrisiko für Männer ist höher

Der vor dem Amtsgericht Potsdam verurteilte Serieneinbrecher meint, seine Drogen- und Spielsucht allein in den Griff zu bekommen. Dabei gibt es in der Landeshauptstadt diverse Hilfsangebote für Suchtkranke und Suchtgefährdete, etwa die Salus-Ambulanz auf dem Campus des Klinikums. Die MAZ hat Robert Schöneck, Psychologe in der Salus-Klinik Lindow, gesprochen.

Potsdam, Charlottenstraße 72 52.401366 13.0658971
Google Map of 52.401366,13.0658971
Potsdam, Charlottenstraße 72 Mehr Infos
Nächster Artikel
Grüne bringen Abriss der Biosphäre ins Spiel

Spielen, bis nichts mehr geht.

Quelle: ZB

Potsdam. Gerade hat das Potsdamer Amtsgericht einen Mann verurteilt, der aus seiner Drogen- und Spielsucht heraus zum Serieneinbrecher wurde und überall in der Landeshauptstadt Keller geplündert hat. Der 30-Jährige sagte aus, dass er allein versuchen möchte, seine Sucht zu besiegen. Dabei gibt es Hilfsangebote.

So erhalten Suchtkranke und Suchtgefährdete bei der Salus-Ambulanz auf dem Campus des Klinikums Unterstützung. Sie ist Montag bis Donnerstag, 9 bis 17 Uhr geöffnet und unter 0331/887 10 49 11 zu erreichen. Robert Schöneck ist leitender Psychologe in der Salus-Klinik Lindow und ein Experte im Bereich des pathologischen Glücksspiels und PC- und Internetgebrauchs.

Im geschilderten Gerichtsfall gehen Drogen- und Spielsucht Hand in Hand: Ein typisches Beispiel?

Wir sprechen hier von Komorbidität – das ist tatsächlich häufiger der Fall. Studien gehen von 25 Prozent derer aus, die von einer substanzabhängigen Erkrankung wie einer Drogen- oder Alkoholsucht betroffen sind.

Alkohol, Drogen, das Internet – wo rangiert die Spielsucht?

Die Betroffenen machen circa 1 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Der Anteil der Alkoholabhängigen ist deutlich höher, der der Drogensüchtigen niedriger.

Gibt es besonders anfällige Menschen?

Eindeutig das männliche Geschlecht. Die Wahrscheinlichkeit, für Männer, an einer Glücksspielsucht zu erkranken, liegt fünfmal höher als bei Frauen. Wer aus schwierigen sozialen oder finanziellen Verhältnissen kommt, hat ebenfalls ein erhöhtes Risiko. Auch der Migrationshintergrund spielt eine Rolle – wobei zu bemerken ist, dass dann oftmals auch die zuvor erwähnten Kriterien erfüllt sind.

Ab wann spricht man von einer Sucht?

Beim Glücksspiel haben wir klare Kriterien. Etwa wenn jemand wiederholt spielt, obwohl er nur noch Verluste einfährt. Wenn die Familie und der Arbeitsplatz leiden. Wenn sich der Alltag nur noch ums Spielen dreht und alles darauf ausgerichtet wird. Wenn man die Kontrolle verliert und sich Geld leiht oder sich Geld mit unlauteren Mitteln besorgt, um weiterspielen zu können. Wir kennen auch Entzugserscheinungen – Unruhe, Gereiztheit.

Wie lange dauert es, bis sich die Glücksspielsucht einstellt?

Wir wissen von sehr schnellen Verläufen. Für junge Betroffene unter 18 genügen Monate, bis sich ein abhängiges Verhalten einstellt. Bei älteren dauert es ein, zwei Jahre, selten länger. Die meisten Patienten sind zwischen 25 und 35 Jahre alt und so deutlich jünger als Alkoholkranke, bei denen der Schwerpunkt bei 45 bis 55 Jahren liegt. Aber: Nicht jeder, der mal spielt, wird abhängig. Dazu tragen viele Faktoren bei. Wichtig ist die Gewinnerfahrung: Wer anfangs einmal hoch gewonnen hat, für den ist das Risiko größer. Das Spiel wird aus dem Wunsch heraus, den Gewinn zu wiederholen, fortgesetzt. Mit jeder Niederlage wächst das Bedürfnis, die Niederlage auszugleichen – der Teufelskreis des Glücksspiels.

Der Angeklagte sagte, dass er sich noch nicht zu einer Therapie durchringen konnte – was hält Betroffene ab, sich Hilfe zu suchen?

Die Gründe sind sehr individuell. Man kann aber sagen, dass lediglich 23 Prozent der Glücksspielbetroffenen in irgendeiner Form Hilfe in Anspruch nehmen – und noch viel weniger in eine adäquate Behandlung gehen. Bei dem einen fehlt der Glaube daran, dass ihm überhaupt geholfen werden kann. Wieder andere hoffen darauf, sich selbst kontrollieren und aufhören zu können und sind dann umso demoralisierter, wenn sie es nicht schaffen. Wieder andere haben vielleicht nicht verstanden, dass sie unter einer psychischen Erkrankung leiden und haben Angst vor Stigmatisierung. Alle Ursachen sind auch für uns Therapeuten nicht immer zu erfassen. Die Angst, das Gesicht zu verlieren, spielt sicher eine wichtige Rolle.

Wie sieht eine Therapie aus?

Zunächst sollte man sich bei einer Suchberatungsstelle melden. In Gesprächen wird dort festgestellt, ob eine behandlungswürdige Problematik vorliegt oder ob schlichtweg Lebenshilfe zu leisten ist. Wird eine Behandlungsbedürftigkeit festgestellt, ist eine stationäre Behandlung in einer Klinik immer die Empfehlung, da es in diesem geschützten Raum leichter ist, eine Abstinenz zu erlangen und Erfolgserlebnisse zu erzielen. Die Betroffenen müssen ein Verständnis für ihre Erkrankung erlangen, sie müssen verstehen, dass sie es mit automatisierten Verhaltensweisen zu tun haben. In der Therapie lernt man aber auch, mit Geld umzugehen, Schulden zu regulieren, offen mit Angehörigen und anderen Spielern umzugehen und Angebote abzulehnen. Man lernt, wieder am Leben teilzuhaben. Deshalb ist es wichtig, auch einen Notfallplan zu entwerfen, der einem hilft, mit dem Spieldruck umzugehen und einem dem Weg weist, was bei einem Rückfall zu tun ist.

Wie groß sind die Chancen, eine Abhängigkeit zu überwinden?

Es dauert ungefähr ein Jahr, sein Verhalten zu ändern. Deshalb ist es wichtig, dass eine Therapie auch nach einem Klinikaufenthalt weitergeführt wird. Wir sagen, dass 50 Prozent der Betroffenen von einer Therapie profitieren – wenn jemand eine Rückfall hat und lernt damit umzugehen, ist das auch ein Erfolg.

Von Nadine Fabian

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam
7b1a3dba-c221-11e7-939a-14d1b535d3f1
Potsdamer Lichtspektakel 2017

Es werde Licht! Drei Nächte lang wird Potsdam mit einem Lichtspektakel von Freitag bis Sonntag illuminiert.

Die Karikaturen des Potsdamers Hafemeister

Jörg Hafemeister karikiert seit Jahren die Potsdamer Lokalpolitik. Nun hat er immer mittwochs seinen festen Platz im Potsdamer Stadtkurier. Wir zeigen an dieser Stelle alle Karikaturen.

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg