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Das Viertel der findigen Frauen

MAZ zu Hause in ... Kirchsteigfeld Das Viertel der findigen Frauen

Gut geplant reicht manchmal nicht: Mit dem Kirchsteigfeld entstand nach der Wende im Potsdamer Süden ein Neubaugebiet, das anders sein sollte: bunt und individuell. Aber gut 20 Jahre nach dem ersten Spatenstich fehlt Leben in dem Stadtteil, dem sich die MAZ nun 14 Tage lang widmet.

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Blick auf das Kirchsteigfeld, das nach der Wende im Potsdamer Südosten auf einer grünen Wiese entstand.

Quelle: Foto: Bernd Gartenschläger

Kirchsteigfeld. Die Straßen tragen hier Namen bekannter Frauen. Literatinnen, Soldatinnen, Sozialreformerinnen. Es sind Namen wie Nelly Sachs, Bettina von Arnim, Maxie Wander, Eleonore Prochaska und Marie Juchacz. Namen von Frauen, die nie im Kirchsteigfeld gewohnt haben können, denn das Wohngebiet im Potsdamer Südosten entstand erst ab 1993.

Die echten und gleichfalls bekannten Kirchsteigfelderinnen sitzen vor Dahlback gleich an der Straßenbahnhaltestelle gegenüber des schlichten Mehrzweckbaus mit Arztpraxen im Ober- und Ballettschule, Imbiss und leerstehenden Büroräumen im Erdgeschoss. „Frau Kluge mit Dackel Hella“, stellt sich Erika Kluge vor. „Uns kennt hier jeder.“ Neben der 81-Jährigen sitzt ihre Freundin Hanne-Lore, Ureinwohnerin des Neubaugebiets, oder wie die 87-Jährige sagt: „Ich bin hier die Stubenälteste.“

Die Frauen – beide schick gekleidet und gut frisiert – sitzen fast täglich vor der Bäckerei. „Das ist unsere Eckkneipe hier“, sagt Hanne-Lore Neumann. Denn eine Kneipe oder ein „richtiges“ Caféhaus gibt es im Kirchsteigfeld nicht. „Eine kleine Oase braucht man“, sagt die Seniorin und zündet sich eine Zigarette an. Erika Kluge tut es ihr gleich. „Jetzt müssen wir auch nicht mehr aufhören“, sagt Hanne-Lore Neumann, die sich als eine der ersten Mieterinnen noch gut erinnert, wie das Viertel vor mehr als 20 Jahren hochgezogen wurde. „Das Haus stand noch nicht als ich herzog“, erklärt sie und zeigt auf den Mehrzweckkoloss.

Die „Zeit“ schrieb von einer „Retortenstadt“

„Kirchsteigfeld ist eine kleine Retortenstadt, die nach der Wende aus dem gleichen Geist heraus entstand, der auch zur Rekonstruktion von Schlossfassaden führt“, schrieb 2009 ein Autor der „Zeit“ leicht despektierlich. Nach dem Masterplan des Architekten Rob Krier sei im Südosten von Potsdam ein Viertel entstanden, „das von Anfang an alt aussehen sollte“. Stimmt das? Hanne-Lore Neumann jedenfalls suchte das Neue. Sie tauschte ihre Altbauwohnung im Potsdamer Westen gegen das Kirchsteigfeld, weil die Wohnung hier nigelnagelneu war. Das Kirchsteigfeld, vielleicht trifft es das besser, sollte eine Planstadt werden, der man den Plan nicht ansieht. Problem nur: Der Plan ging nicht richtig auf.

Die auch wegen der gerade noch halbwegs bezahlbaren Mieten beliebte Standrandsiedlung ist auf ihre Art schön mit dem künstlichen Teich, den Grünanlagen und verschachtelten Innenhöfen. Vor allem ist sie schön ruhig. Zu ruhig, wie Hoang Thi Ly oft feststellt. Als ihr Mann, der als vietnamesischer Vertragsarbeitern in die DDR gekommen war, das Gastro-Rondell am Marktplatzeck vor sechs Jahren übernahm, stand es vorher drei Jahre lang leer. Sein Asia-Imbiss konnte sich halten, auch wenn am Nachmittag niemand Frühlingsrollen ordert, der Laden wie ausgestorben ist. „Es ist eine Schlafstadt“, sagt Hoang Thi Ly. Und jetzt, wo seit Monaten auch ein Supermarkt fehlt, ist noch weniger Leben auf dem Marktplatz, der von Besuchern des Ärztehauses gerne als Parkplatz genutzt wird.

Hoang Thi Ly wohnt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Potsdam West. Die quirlige Gegend im Nordwesten ist ein Kontrastprogramm zum Kirchsteigfeld. In Wohnnähe fand sich kein Ladengeschäft, also versuchten sie hier ihr Glück. Bereut hätten sie es nicht, sagt Hoang Thi Ly, die an die Neubauwand eine Tapete vom Alten Markt gehängt hat. „Wir haben viele Stammkunden“, sagt die 42-Jährige. Denn im kulinarischen Ödland außerhalb der City hat der Imbiss ein Alleinstellungsmerkmal.

Ein gutes Pflaster für Gründer

So ähnlich sieht es auch Jessica Denninger. Die 34-Jährige ist von Berlin-Friedrichshain ins Kirchsteigfeld gezogen. „In Friedrichshain gibt es mir inzwischen zu viele Freaks. Ich brauche das nicht mehr“, sagt die zweifache Mutter, die seit gut zwei Jahren selbst zur Belebung des Stadtteils beiträgt. Hinter der grauen Fassade des Mehrzweckbaus am Marktplatz kann man sich eine „Auszeit“ gönnen. Mit dem gleichnamigen Kosmetikstudio hat sie sich einen Traum erfüllt. „In Friedrichshain bist du eine von vielen“, sagt Jessica Denninger. „Hier kannst du noch Energie reinstecken und etwas auf die Beine stellen.“

Das ist auch Hanne-Lore und Erika gelungen. „Sonst sind wir viele“, erklärt Hanne-Lore Neumann. Oft seien die Tische vor der Bäckerei belegt. Ein größeres Grüppchen treffe sich hier mittlerweile regelmäßig zum Klönen. „Wir machen es uns schon gemütlich“, sagen die beiden Damen und stecken sich zwei weitere Zigarettchen an als säßen sie nicht in der Anni-von-Gottberg-Straße, sondern an einem belebten Boulevard. Von Anni von Gottberg, die gegen die nationalsozialistische Gleichschaltung der evangelischen Kirche kämpfte, stammt der Satz: „Ich bin für Potsdam das rote Tuch.“ Das Kirchsteigfeld ist für viele Potsdamer ein weißer Fleck. Das muss sich endlich ändern, finden die findigen Damen.

Von Marion Kaufmann

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