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Das ist der Architekt des Turmbaus zu Potsdam

Wiederaufbau des Turms der Garnisonkirche Das ist der Architekt des Turmbaus zu Potsdam

Am Sonntag beginnt der Wiederaufbau des Turms der Potsdamer Garnisonkirche, und Thomas Albrecht – der auch das nahe Museum Barberini entwarf - ist der Architekt. Welche Herausforderungen ihn beim Wiederaufbau erwarten und was das Besondere an dem Gebäude ist, darüber sprach er mit MAZ-Redakteurin Ildiko Röd.

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Architekt Thomas Albrecht.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Am Sonntag, 29. Oktober, ist der Baustart für den Turm der Garnisonkirche. Bis zum 8. Mai 2018 werden die Gründungsarbeiten samt Bodenplatte aus Beton vermutlich dauern, dann beginnt mit etwas Zeitversatz der Rohbau. Bis Juli 2020 muss die Grundvariante des Gebäudes – ohne Haube, Glockenspiel und Zierrat – fertig sein. Thomas Albrecht vom international renommierten Büro Hilmer & Sattler und Albrecht ist der Architekt des Turmes. Im MAZ-Interview schildert er die Herausforderungen des Bauwerks.

Herr Albrecht, Sie haben für Mäzen Hasso Plattner das viel gelobte Museum Barberini errichtet. Jetzt bauen Sie im Auftrag der Stiftung Garnisonkirche den Garnisonkirchturm. Welches Projekt finden Sie spannender?

Thomas Albrecht: Das ist eine schwierige Frage, beide Projekte sind sehr unterschiedlich - das Barberini war eine große Herausforderung, weil es als Museum außer den wertvollen Fassaden und den hochwertigen Innenräumen auch mit viel Haustechnik ausgestattet werden musste. Der Turm der Garnisonkirche wird in der weitgehend originalen Technik mit Ziegeln errichtet - es ist das höchste Ziegelgebäude, das man meines Wissens seit 200 Jahren in Europa gebaut haben wird. Der Turm ist eine komplexe statische Struktur – aber er hat kaum Innenausbau. Er ist natürlich auch ein viel politischeres Gebäude als das Barberini.

Mitte 2020 soll der Turm der Garnisonkirche stehen – zumindest als Torso ohne Glockenturm, Haube und Wetterfahne. Welcher Anblick wird sich den Potsdamern dann bieten?

Albrecht: Zunächst ist es ein Gebäude mit vielen Nutzungen: die erste und wichtigste ist natürlich die Kapelle. Darüber gibt es den Seminar- und den Ausstellungsteil, das Café und die Aussichtsplattform auf 57 Metern Höhe, zu der man entweder zu Fuß oder mit dem Aufzug hinaufkommt. Insgesamt sind es dann später vom Boden bis zur Spitze der Wetterfahne nahezu 90 Meter. Insgesamt ist das im Turm ein sehr vielfältiger Nutzungsmix – ganz im Gegensatz zu früher. Über 1200 m² Nutzfläche stehen allein schon im Turm zukünftig zur Verfügung.

Aber Sie schildern jetzt den kompletten Turm, nicht nur den Torso.

Albrecht: Richtig. Wir planen den kompletten Turm in vollendeter äußerer Schönheit und der Bauherr kann dann in Etappen je nach Stand der Mittel die Beauftragungen freigeben. In der ersten Etappe wird mindestens der Turm inklusive aller vorgesehenen Nutzungen bis zur Aussichtplattform umgesetzt. Wir hoffen aber, dass wir bis dahin auch das restliche Geld für die fehlenden 28 Meter – Glockenturm und Haube – haben werden. Dieser letzte Teil des Turmes würde dann mehr oder weniger unten am Boden gebaut und mit einem großen Kran aufgesetzt. Der Turm wird mehr als viermal so hoch wie das Rechenzentrum.

Gibt es noch andere Besonderheiten, durch die sich der Turm auszeichnet?

Albrecht: Zwischen dem wiederaufgebauten Schloss und dem Kirchturm besteht ein sehr enger Zusammenhang. Der Turm ragt aus der alten Straßenflucht heraus – genauso wie das Schloss. Die Idee der barocken Stadtplanung war: Der König gehört nicht zur normalen Welt und der liebe Gott auch nicht – beide sind etwas Besonderes. Außergewöhnlich ist auch, dass die drei großen Potsdamer Kirchen – der Vorgängerbau von St. Nikolai, die Heiliggeist- und die Garnisonkirche – auf einer imaginären Linie errichtet wurden. Wenn man von Berlin kommt, dann gibt es an einer bestimmten Stelle den sogenannten Drei-Kirchen-Blick: Das heißt, dass man die drei Türme direkt hintereinander sieht – die Silhouetten verschmelzen ineinander - das ist ein sehr poetischer Aspekt.

Aus wie vielen Steinen wird der Garnisonkirchturm bestehen?

Albrecht: Insgesamt werden 2,3 Millionen Ziegel mit dem sogenannten „Normalformat“ – 11,5 / 24,0 mal 7,1 cm – vermauert. Das machen Kaminbauer, die sich mit dieser Technik auskennen. Die Fundamente werden jetzt als eine Betonpfeilerkonstruktion ausgeführt. Da ja auch alle modernen Bauvorschriften eingehalten werden müssen, sind auch die Decken aus Beton gegossen, primär aus Gründen des Brandschutzes.

Handelt es sich um spezielle Ziegel?

Albrecht: Nein, die kann man eigentlich in jedem Baumarkt kaufen. Das Spannende ist, dass sich die Maße von Ziegeln seit Alters her kaum verändert haben. Schon die Babylonier haben Ziegeln verendet, die den heutigen bis auf wenige Millimeter Unterschied glichen. Unser Büro hat sich intensiv mit Ziegeln beschäftigt. Wir haben in den 80-er Jahren als erste Architekten nach 1945 die bauaufsichtliche Zulassung für das Fassadenmaterial Terrakotta – einer Ziegelart - bekommen.

Inwieweit verkompliziert es den Bau, dass das Rechenzentrum und der Turm so nahe beieinander stehen?

Albrecht: Jetzt steht das Rechenzentrum nicht im Weg. Das Gebäude endet ca. 1,80 Meter hinter der Fassade. Aber wenn man das Kirchenschiff baut, dann muss ein Teil vom Rechenzentrum weg.

Der Rest könnte also stehenbleiben?

Albrecht: Nein, auf gar keinen Fall ! Das Rechenzentrum ist kein gelungener Bau, es ist nicht spannend genug - ein relativ langweiliges Allerweltsgebäude. Die Alte Feuerwache neben dem langen Stall fand ich persönlich da wesentlich besser, auch als die viel diskutierte Fachhochschule am Alten Markt. Aber leider wurde die Feuerwache ja abgerissen. Den Erhalt des Rechenzentrums halte ich nicht für zielführend. Die Kirche war als alleinstehendes Gebäude geplant und hatte dadurch eine eigene Würde. Das Rechenzentrum ist einfach nur so hingeknallt - als eine reine Machtdemonstration.

Kritiker sagen, dass die Garnisonkirche zu belastet sei wegen des Nazi-Festakts anlässlich der Eröffnung des Reichstags am 21. März 1933.

Albrecht: Unser Parlament sitzt heute in dem Gebäude, in dem Hitler zum Reichskanzler gewählt wurde - man hatte sich 1991 überparteilich entschieden, das Bauwerk weiter zu verwenden. Ebenso wurde Berlin wieder Hauptstadt. Glauben Sie mir, ich bin mir der ganzen Problematik durchaus bewusst. Mein Vater war Historiker in München und der erste Professor, der in Deutschland nach dem Krieg an der Universität Vorlesungen über das Dritte Reich gehalten hat. Natürlich: Das Haus der Wannseekonferenz würde man heute nicht mehr wiederaufbauen, auch wenn Beethoven dort die Neunte Sinfonie komponiert hätte. Aber manchmal ist das „Dritte Reich“ auch ein Totschlagargument. Bei der Garnisonkirche hat man schon richtig abgewogen, indem man gesagt hat: Die Bedeutung und die Schönheit der Kirche ist einfach wesentlich größer als nur der „Tag von Potsdam“.

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Von Ildiko Röd (Interview)

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