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Potsdam „Es ist schade, dass Menschen unser Anliegen nicht verstehen“
Lokales Potsdam „Es ist schade, dass Menschen unser Anliegen nicht verstehen“
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00:22 18.03.2019
Michel Plefka (links) und Alexander Grams gehören zu den Organisatoren des Potsdamer Ablegers von Fridays for Future. Quelle: Saskia Kirf
Potsdam

Fünf vor Zwölf. Es ist kein Zufall, dass sich die Potsdamer Schüler heute genau zu dieser symbolischen Uhrzeit am Landtag zu ihrem Schulstreik verabredet haben. Denn sie sagen, es sei allerhöchste Zeit, endlich zu handeln, das Klima und die Welt zu retten. Die Schüler sind nicht allein: Weltweit gehen in mehr als 90 Ländern viele tausend Jugendliche auch an diesem Freitag wieder auf die Straße, allein in Deutschland sind mehr als 150 Städte dabei. Von Aachen bis Würzburg reicht die Liste.

Am 15. Februar 2019 gingen Schüler in Potsdam auf die Straße, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Viele Jugendliche schlossen sich der Bewegung „Fridays for Future“ an.

Initiiert wurde die Aktion von der heute 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg. Im Sommer 2018, am ersten Tag nach den großen Ferien, stellte sie sich vor den Schwedischen Reichstag, in der Hand ein Schild mit der Aufschrift „Skolstrejk för klimatet“ („Schulstreik für das Klima“). Heute ist Greta Thunberg einer der bekanntesten Teenager der Welt, sie ist sogar für den Friedensnobelpreis nominiert. Alexander Grams und Michel Plefka gehören zum Organisationsteam der Potsdamer Auflage des Schulstreiks.

Auch im Februar demonstrierten die Potsdamer Schüler. Quelle: Varvara Smirnova

Wie seid ihr dazu gekommen, diese Streiks zu organisieren?

Alexander Grams: ich bin schon länger aktiv, bei der Bund-Jugend, Greenpeace und anderen Gruppen. Ich habe hier ziemlich schnell reingefunden, indem die Bund-Jugend im November in Berlin einen Streik organisiert hat. Da haben mich dann Leute angesprochen, ob ich nicht bei der Organisation der Schülerstreiks dabei sein möchte.

Michel Plefka: Ich habe auch schon lange ein Interesse an Umweltschutz, war aber bislang in keiner Organisation. Ich bin über Freunde reingerutscht.

Und wie organisiert ihr euch?

Plefka: Wir haben eine WhatsApp-Gruppe für die Organisation mit rund 50 Mitgliedern, von denen so 20 den festen Kern bilden. Der Großteil der Absprachen findet aber in Treffen statt, die besonders in den Tagen vor den Demonstrationen sind.

Sie wollen ein Umdenken in der Klimapolitik. Quelle: Varvara Smirnova

Ihr seid also sehr netzaffin.

Plefka: Auf jeden Fall. Es gibt ja auch eine bundesweite Organisation, in die wir eingebunden sind, die funktioniert auch vor allem über Chats.

Grams: Das Konzept, die Organisationsstruktur, ist sehr offen. Es ist nichts vorgeschrieben, wir sind ja kein Verein, sondern eine organische Gruppe, die sich basisdemokratisch organisiert.

Viele, vor allem ältere, Menschen nehmen die Fridays for Future-Bewegung nicht ernst, manche greifen bei Diskussionen im Netz zu Beleidigungen. Die gestern bekannt gewordene Nominierung Greta Thunbergs für den Friedensnobelpreis wird beispielsweise als „krankhafte Weltuntergangsparanoia“ kommentiert, Thunberg selbst als „Mediengöre“. auch die Potsdamer Jugendlichen müssen viel Kritik einstecken.

Bekommt ihr von solchen Debatten etwas mit? Wie nehmt ihr das wahr?

Plefka: Natürlich merke ich das. Ich folge zum Beispiel der Tagesschau auf Instagram. Wenn es da einen Beitrag gibt, folgen sofort viele Kommentare, die uns auch angreifen. Ich diskutiere dann gern in den Kommentarspalten mit den Menschen. Mich persönlich berührt es aber nicht so, ich versuche lieber, diejenigen von meiner Meinung zu überzeugen. Ich respektiere, dass Menschen andere Meinungen haben, aber ich teile diese Meinungen nicht.

Grams: Ich finde es nicht so wichtig, auf solche Dinge einzugehen. Es ist schade, dass Menschen unser Anliegen nicht verstehen, aber auch dafür habe ich ein gewisses Verständnis. Viele Menschen haben schon einmal vom Klimawandel gehört, aber es berührt sie nicht.

Wie reagiert denn euer Umfeld, also eure Eltern und die Mitschüler, auf euer Engagement?

Plefka: Das war gerade von meinen Eltern sehr positiv, die unterstützen mich und stehen hinter mir. Bei den Freunden meiner Eltern ist es dann aber schon manchmal so, dass die das anders sehen. Ich hatte da auch schon Diskussionen, weil manche etwas abfällig reagieren, weil wir noch so jung sind. Meine Freunde bewerten das wieder sehr positiv, ein Großteil meines Freundeskreises ist selbst bei den Streiks dabei.

Grams: In der Schule ist es bei mir leider nicht ganz so einfach. Aber auch meine Eltern stehen hinter mir, sie wollen nur nicht, dass ich allzu viel Ärger bekomme, weil ich zum Beispiel diese Woche den Russischunterricht verpasse.

Auch FDP-Chef Christian Lindner kritisiert euch, er sagt, ihr könntet die Zusammenhänge gar nicht verstehen. Hat er recht?

Plefka: Nein. Wir können anscheinend sogar mehr Zusammenhänge erkennen als er. Wir sind als neue Generation in diese Welt gekommen und sehen sie mit unseren Augen. Wir sind nicht voreingenommen und nicht geprägt von Erfahrungen, vielleicht sehen wir ja genau deshalb herrschende Probleme, die andere nicht sehen wollen oder können. Es ist, glaube ich, sehr wichtig, dass immer wieder die jüngere Generation genau das macht. Solche Kommentare bremsen das nur. Die Politiker beschweren sich, dass wir uns nicht für Politik interessieren, aber wenn wir etwas machen, dann werden wir von Politikern zurückgehalten. Das ist doch nicht Sinn der Sache.

Das sehen nicht nur die Schüler so. Mehr als 12.000 Wissenschaftler haben in dieser Woche die Erklärung „Scientists for Future“ unterschrieben. Sie sagen: Wir sind die Profis, wir können beurteilen, dass die Schüler recht haben.

Einer der Erstunterzeichner ist Professor Wolfgang Lucht vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. Er sagt: „Obwohl sich 2015 auch unsere Regierung auf die Klimaziele von Paris verpflichtet hat, sinken die Emissionen bei uns kaum, die Zeit läuft uns davon. Die demonstrierenden Schülerinnen und Schüler spüren, dass dies auf ihre Kosten geht und fordern ein, dass Politik und Bürger ihre Verantwortung endlich ernst nehmen.“ Zu den konkreten Forderungen der Jugendlichen gehört neben dem Kohleausstieg und dem Ausbau des öffentliches Nahverkehrs auch eine gerechte Klimapolitik, bei der jeder auf seine Kosten kommt. Dabei sehen sie sich auch selbst in der Verantwortung.

Was tut ihr selbst für die Umwelt?

Grams: Ich versuche zum Beispiel bei Kleidung darauf zu achten, wie sie produziert wurde. Außerdem fahre ich nur mit dem Fahrrad.

Und warum ist euch das so wichtig?

Plefka: Wir wollen die Möglichkeit haben, in 50 Jahren noch hier zu stehen, ohne, dass uns das Wasser bis zu den Füßen steht. Dass wir uns keine Sorgen mehr machen müssen, ob unsere Kinder hier noch leben können.

Die Demonstration am Freitag beginnt am Landtag, einige Schülervertreter sind zu einem Gespräch im Parlament eingeladen. Auch Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert will die Schüler empfangen: „Potsdam hat sich das Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu werden. Wir würden gerne mit den jungen Menschen ins Gespräch kommen, wo ihre Schwerpunkte einer klimaneutralen Stadt liegen und wie sie sich eine moderne Klimapolitik vorstellen“, teilt er mit. Die Organisatoren der Demonstration nehmen solche Einladungen an – von der Parteipolitik vereinnahmen lassen wollen sie sich aber nicht.

Von Saskia Kirf

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