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Debatte zum „Wir schaffen das“

Gesamtschüler diskutieren Flucht, Asyl und Integration Debatte zum „Wir schaffen das“

„Ziel unseres Projektes ist es, Sachlichkeit in diese oft emotional geführte Debatte zu bringen“, sagt Marcus Kiesel zur Flüchtlings- und Migrationspolitik. Vom Verein „Die Multivision“ aus reist der Moderator durch ganz Deutschland und regt das Gespräch vor allem bei Jugendlichen an. Am Dienstag besuchte er erstmals eine Schule in Potsdam.

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Politiker und Engagierte aus Potsdam und Berlin diskutierten mit Schülern der Friedrich-Wilhelm-von-Steuben-Gesamtschule.

Quelle: Christel Köster

Kirchsteigfeld. Wie viel Prozent der in Deutschland gestellten Asylanträge werden eigentlich angenommen? Warum ist Deutschland ein besonders beliebtes Ziel bei Flüchtlingen? Welche Zukunftsperspektiven haben jugendliche Flüchtlinge in der Bundesrepublik? Im regulären Schulunterricht bleibt meist keine Zeit, um solche aktuellen Fragen zu beantworten und mit den Schülern zu diskutieren. An der Friedrich-Wilhelm-von-Steuben-Gesamtschule widmeten sich deshalb mehr als 70 Neunt- und Elftklässler einen ganzen Tag lang der Asyl- und Flüchtlingsproblematik mit einem besonderen Blick auf die deutsche Gesetzgebung.

„Dafür beschäftigten wir uns am Vormittag mit dem historischen Kontext des Asylgesetzes, den Fluchtursachen und haben spezielle Begriffe geklärt“, sagt Marcus Kiesel. Der Moderator beim Verein „Die Multivision“, der sich für Jugendbildung in Deutschland einsetzt, hat den Projekttag mitentwickelt und besuchte am Dienstag erstmals eine Schule im Land Brandenburg.

Geflüchteter Schüler berichtete von seinen Erlebnissen

Während des theoretischen Teils am Vormittag fragten Kiesel und seine Kollegen zunächst die Vorurteile unter den Jugendlichen ab. Denn eine Meinung zum Thema Flucht und Asyl haben auch die jungen Schüler der Potsdamer Gesamtschule. Immerhin haben viele von ihnen selbst einen Migrationshintergrund. Die Steuben-Gesamtschule legt laut eigenen Angaben viel Wert auf die Integration dieser Schüler und ist als „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ausgezeichnet worden.

Ein syrischer Flüchtling gehört derzeit zum 11. Jahrgang der Gesamtschule. Der 17-Jährige, der seit vier Jahren in Deutschland lebt und sehr gutes Deutsch spricht, berichtete während des Projekttags von den Fluchtursachen seiner Familie, einem im Krieg gestorbenen Freund und dem weiterhin bestehenden Kontakt nach Syrien. Dass ein Schüler als Beispiel für die Integration von Geflüchteten in Deutschland zur Projektklasse gehört, sei außergewöhnlich, sagt Marcus Kiesel.

Schaffen wir das? Schüler sind sich uneinig

Nur eine Hand voll aller 70 Teilnehmer glaubt jedoch an das „Wir schaffen das“ von Angela Merkel. Viele drückten sich davor, eine Stellungnahme zu dem Zitat der Bundeskanzlerin abzugeben. Warum Deutschland „das schafft“ oder aus welchen Gründen nicht, konnte kaum jemand begründen. Den Jugendlichen eine Meinung aufzudrücken, sei jedoch nicht Sinn der Veranstaltung. „Ziel unseres Projektes ist es, Sachlichkeit in diese oft emotional geführte Debatte zu bringen“, sagt Marcus Kiesel.

Nach der Einführung in das komplexe Thema und seine Hintergründe konnten die 70 Schüler selbst Teil einer Diskussion unter dem Motto „Deutschlands Umgang mit Flucht und Geschichte“ werden. Der Verein Multivision, der in dieser Woche und im Juni an sieben weiteren Schulen in Potsdam zu Besuch sein wird, hatte dafür politische Akteure, Mitglieder von Nichtregierungsorganisationen und Personen mit eigenem Flüchtlingshintergrund eingeladen. Landtagsabgeordnete Saskia Ludwig (CDU), der Potsdamer Fraktionsvorsitzende Stefan Wollenberg (Die Linke), Peter Keup von der Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen und Marcus Reinert von der Antidiskriminierungsberatung des Vereins Opferperspektive kamen am Dienstag mit den Jugendlichen ins Gespräch.

Peter Keup (Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen), Saskia Ludwig (CDU-Landtagsabgeordnete) und Moderator Marcus Kiesel (vl) mit Potsdamer Schülern

Peter Keup (Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen), Saskia Ludwig (CDU-Landtagsabgeordnete) und Moderator Marcus Kiesel (v.l.) mit Potsdamer Schülern.

Quelle: Christel Köster

„Es ist mittlerweile ein gesellschaftliches Klima eingetreten, bei dem sich viele Menschen nicht mehr trauen, über ihre Ängste und Sorgen zu reden, weil sie Angst haben, in die rechte Ecke gestellt zu werden“, sagt Saskia Ludwig. Die Landtagsabgeordnete demonstrierte vor allem in der Debatte mit Stefan Wollenberg, welche unterschiedlichen Ansichten derzeit in Deutschland aber auch in ganz Europa zur Asyl- und Integrationspolitik vorherrschen.

Auch einige Schüler hatten sich im Vorfeld des Projekttages intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. „Interessiert hat mich die Problematik schon vorher“, sagt der 17-jährige Jonas Völkel. Der Jahrgangssprecher der Stufe 11 sagt selbst, dass er gegenüber Flüchtlingen nicht voreingenommen sei. Den Projekttag habe er mit gemischten Gefühlen verlassen. „Die Situation in Deutschland ist zurzeit nicht vorhersehbar“, sagt er, „da ist es schwer zu sagen, ob Deutschland das bewältigen kann.“

Ein Verein für Jugendbildung in Deutschland

„Die Multivision“ ist ein Verein mit Sitz in Hamburg, der mit verschiedenen Projekten an Schulen in ganz Deutschland zu Gast ist. Sein Ziel ist die Förderung der politischen und gesellschaftlichen Bildung, Aufklärung und Erziehung vor allem bei jungen Erwachsenen. Der Verein wurde 1998 gegründet und gastiert mit seinen Projekten auch in Österreich.

Politische Themen wie Demokratie, Grund- und Menschenrechte sind der Schwerpunkt der Vereinsarbeit. Eine wichtige Rolle spielen außerdem die Aspekte Ökologie, Umwelt und Nachhaltigkeit. Speziell geschulte Moderatoren, außergewöhnliche Sound- und Bildeffekte und multimediale Vorträge bilden das didaktische Grundkonzept aller Schulprojekte.

Fünf Projekte bietet der Verein derzeit an. Inhaltlich behandelt werden der europäische Ressourcenverbrauch, der globale Fleischkonsum oder das deutsche Verständnis von Demokratie. Die Aktionen werden von verschiedenen Bundesämtern in Deutschland unterstützt und wurden von den Vereinten Nationen und der Unesco ausgezeichnet.

Von Victoria Barnack

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